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ZDF-Fernsehfilm : Was steht auf dem Grabstein eines Spanners?

  • -Aktualisiert am

Alles im Blick: Brigitte Klein (Katrin Bauerfeind) und Richard Brock (Heino Ferch) im achten Film der Krimi-Serie „Spuren des Bösen – Sehnsucht“. Bild: dpa

Es geschah vor einem Fenster zum Hof: Der Fernsehfilm „Spuren des Bösen – Sehnsucht“ mit Katrin Bauerfeind und Heino Ferch macht mehr als nur zarte Anleihen bei Alfred Hitchcock.

          3 Min.

          Es hätte ihn kaum schlimmer treffen können. Seit den Kriminalpsychologen Richard Brock bei seinem letzten Fall eine Kugel erwischt hat, ist er an den Rollstuhl gefesselt. Ausgerechnet er, der Einzelgänger, der Klügste in jedem Raum, der stets Überlegene. Jetzt muss er bei den simpelsten Handgriffen um Hilfe bitten, seine Laune ist entsprechend noch düsterer als sonst. Und ein weiterer Umstand lässt seine großzügige Altbauwohnung zum Gefängnis werden: Das Wissen um ein korruptes Netzwerk innerhalb der Polizei, in dem auch Gerhard Mesek, der Vorgesetzte seiner Tochter Petra (Sabrina Reiter), mit drinhängt.

          Brock schließt seine Tür nun also immer doppelt ab und kommt gar nicht auf die Idee, die eigenen vier Wände zu verlassen, auch wenn er mittlerweile auf Krücken wieder ein paar Meter vorwärts kommt. So verbringt er den heißen Wiener Sommer größtenteils am Fenster, wo er mit leichtem Schweißfilm auf der Stirn eine schludrig gedrehte Zigarette nach der anderen raucht, über die Übel der Welt nachdenkt und sich dabei auch selbst ordentlich leidtut.

          Wie ein Tiger im Käfig

          Dass er in seinem Elend nicht allein ist, offenbart der Blick mit dem Fernglas in die gegenüberliegenden Wohnungen. Da trauert ein alter Mann um seinen Partner, der das gemeinsame Zuhause gerade im Sarg verlassen hat, ein Stockwerk tiefer streift eine alleinerziehende Mutter an ihren Fenstern entlang, wie ein Tiger im Käfig. Schließlich packt sie einen Koffer, schnallt sich ihren Säugling vor den Bauch und eilt auf die Straße, wo sofort ein Mann aus seinem geparkten Auto springt und sich ihr in den Weg stellt. Das brutale Gerangel lässt sich nur von Brocks Schreien beenden, und die Frau bricht ihre Flucht ab.

          Doch auch in der Wohnung ist sie jetzt nicht mehr sicher, wie Brock schon kurz darauf beobachten muss. Er meint, Zeuge eines Mordes zu werden, unfähig, selbst zu helfen, und unwillig, die unterwanderte Polizei zu rufen. Bald stehen die Beamten samt Tochter Petra aber doch im Haus und stellen den Psychologen vor ein Rätsel. Denn von einer Leiche fehlt jede Spur und die Mutter des Kindes führt von nun an ein normales Familienleben mit dem Angreifer. Dass sie plötzlich anders aussieht als vorher, scheint nur Brock aufzufallen.

          Was geschieht mit der rätselhaften Fremden am Fenster? Leila Nymann (Nagres Rashidi) als verzweifelte Mutter.

          Mit dem Motiv des Rollstuhlfahrers, der am Fenster Zeuge eines Mordes wird, reihen sich das Drehbuch-Regie-Duo Martin Ambrosch und Andreas Prochaska mit ihrem mittlerweile achten Teil der deutsch-österreichischen Krimireihe in die lange Liste von Künstlern ein, die sich bei Alfred Hitchcocks Meilenstein der Filmgeschichte „Das Fenster zum Hof“ von 1954 als Referenz bedienen. Wie im Original bekommt auch Brock bei seinen Ermittlungen Unterstützung von einer schönen Frau, allerdings handelt es sich um eine Psychologin, die ihm seine Tochter auf den Hals gehetzt hat, und nicht, wie im Original, um die Verlobte des versehrten Helden.

          „A spitzen Spacecake“

          Schnell wünscht man sich allerdings, sie möge es werden, so dynamisch kommt das fachliche und persönliche Kräftemessen der Kollegen daher. „Wenn jemand ständig Schlagzeilen macht, weil er irgendwo abgestochen oder angeschossen rumliegt, da frag ich mich natürlich: Warum macht er das eigentlich? Das ganze Theater?“, stellt Brigitte Klein schon bei ihrem zweiten Besuch in den Raum, während sie ein Glas Whisky genießt, für das Brock mittlerweile jeder Anlass recht ist.

          Ihre Antworten auf die eigene Frage bestechen, und Katrin Bauerfeind muss sich mit ihrer Interpretation der Rolle nicht verstecken, auch nicht hinter Heino Ferch, der Brock mit der gewohnten depressiven Süffisanz sprechen lässt. Juergen Maurer, der den korrupten Polizisten Mesek gibt, gefiel die Besetzung Bauerfeinds übrigens weniger, allerdings nicht aufgrund ihrer Leistung, sondern der Tatsache, dass mit der Schauspielerin mal wieder einem männlichen Helden jenseits der fünfzig, eine Partnerin Mitte dreißig zur Seite gestellt wird. Im österreichischen „Standard“ befand er die Entscheidung als „degoutant“.

          Nichts kritisieren kann man dagegen an den humoristischen Intermezzi durch Brocks Haushälterin Anni (Gerda Drabek), die ihre Nervosität vor einem Rendezvous mit Sachertorte aus Brocks Kühlschrank bekämpft, und durch Klaus Tauber (Gerhard Liebmann), der versucht, seinen Freund mit Scherzen im schönsten Wiener Schmäh („Was steht auf dem Grabstein von einem Spanner? – Er ist weg vom Fenster“) und bewusstseinsveränderndem Gebäck („A spitzen Spacecake“) aus seinem Trott zu holen.

          Den Ernst des Falls verlieren die Filmemacher aber nicht aus dem Blick, und anders als in Hitchcocks Erzählung schaffen sie ein Ende, das nicht nur spannend ist, sondern vor allem ehrlich anrührt. „Ich versteh Sie ja. Wir haben alle irgendwann die Nase gestrichen voll. Aber wir müssen trotzdem weitermachen“, sagt die Psychologin. Warum, das wissen weder sie noch ihr Patient. Sie tun es trotzdem, zur Freude der Zuschauer, wie auch Ambrosch und Prochaska, die noch mindestens einen weiteren Teil der „Spuren des Bösen“ verantworten werden.

          Spuren des Bösen – Sehnsucht, 20.15 Uhr im ZDF

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