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Springer übernimmt N24 : Döpfners Dreiklang

Ein Stratege, der sich nicht einfach von einem Großteil der Geschäfte trennt, sondern im nächsten Schritt etwas Neues an deren Stelle setzt: Mathias Döpfner Bild: dpa

Der Plan von Springer ist um einiges größer, als es die Meldung erwarten ließ, Stefan Aust werde Herausgeber der „Welt“: Mit der Übernahme von N24 will der Konzern Zeitung, Fernsehen und Internet verschmelzen.

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          Axel Springer übernimmt den Nachrichtensender N24. Der wird mit der „Welt“-Gruppe, wie es heißt, „zusammengeführt“. N24 werde „zentraler Bewegtbildlieferant“ für Springer, die Onlineredakteure von N24 werden der „Welt“ zugeschlagen, die Fernsehredaktion, mit deren Beitrag der Sender sein Programm bestreitet, liefert den Onlinern zu. Geschäftsführer werden Jan Bayer und Stephanie Caspar von Springer und Torsten Rossmann, bislang Vorsitzender Geschäftsführer und einer der Teilhaber von N24. Jan-Eric Peters verantwortet als Chefredakteur alle Inhalte der erweiterten „Welt“-Gruppe. Und, last but not least: Stefan Aust, der einstige Chefredakteur des „Spiegel“, Geschäftsführer und Mitinhaber von N24, wird Herausgeber der „Welt“-Gruppe.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Was für eine Liste. Schon sie zeigt, dass der Plan von Springer um einiges größer ist, als es die zunächst unbestätigte Meldung erwarten ließ, der ehemalige „Spiegel“-Chef Aust werde Herausgeber der „Welt“. Springer übernimmt den Nachrichtensender N24 zu hundert Prozent. Damit rüstet sich der Konzern, der sich zuletzt von seinen Regionalzeitungen und seinen Zeitschriften trennte, weiter fürs digitale Zeitalter. Und die Mosaikstücke fügen sich zu einem Ganzen, mit Stefan Aust und N24, mit Georg Mascolo (ebenfalls einstiger „Spiegel“-Chefredakteur) und einer investigativen Einheit im Internet, und mit dem aus der Schweiz stammenden Wirtschaftsmagazin „Bilanz“, dessen Ausgabe für Deutschland Klaus Boldt, der Medienredakteur des „Manager Magazins“, im nächsten Jahr für Springer entwickeln soll.

          Eine umstrittene Entscheidung

          Damit zeigt sich der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner als Stratege, der sich nicht einfach von einem Großteil der Geschäfte trennt, sondern im nächsten Schritt etwas Neues an deren Stelle setzt. Dabei werden bislang getrennte Gattungen verschmolzen – Zeitung, Fernsehen und Internet werden eins. Auf der Online-Seite sorgt Springer mit seinem Start-Up-Begleitprogramm für den Zustrom innovativer Köpfe und zapft Ideen an. N24 sorgt für bewegte Nachrichtenbilder, die im Online-Wettbewerb von Bedeutung sind, und das alles fließt zusammen mit der Marke „Welt“, auf die Springer neben der „Bild“ ganz alleine setzt. Der Konzern wird übersichtlicher, aber nicht weniger schlagkräftig. Und so findet Springer – dessen Google-Avancen man dabei nicht aus dem Auge verlieren darf –, für sich den Weg, den alle Verlage im digitalen Wettbewerb suchen. Aus einem Zeitungsverlag wird ein digitales Medienhaus.

          Ganz nebenbei erobert Springer das Terrain zurück, das schon gänzlich verloren schien. 2006 war der Plan, die Fernsehgruppe Pro Sieben Sat.1 zu kaufen, am Einspruch der Medienaufsicht gescheitert. Die Kommission für die Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (Kek) war damals der Ansicht, Springer erlange dadurch eine „vorherrschende Meinungsmacht“. Bei Pro Sieben Sat.1 kamen statt Springer die Finanzinvestoren KKR und Permira zum Zug. Die Entscheidung der Medienaufsicht war umstritten, weil sich „Meinungsmacht“ vielleicht mit Blick auf einzelne Märkte – Zeitungen und Zeitschriften oder Fernsehen – definieren und messen lässt, das aber mit Blick auf die große Verschmelzung aller Mediengattungen immer weniger aussagekräftig wird.

          Für Springers Zwecke genau passend

          Im Februar des vergangenen Jahres hat der Bayerische Verwaltungsgerichtshof den Entscheid von 2006 gekippt. Das Gerichtsurteil erstritt Springer nicht aus historischen Gründen, um im Nachhinein Recht zu bekommen, sondern um künftige Übernahmen vorzubereiten. Und so wird seither und zumal, da die Investoren KKR und Permira ihren Rückzug bei Pro Sieben Sat.1 angekündigt haben, darüber spekuliert, dass Springer abermals einen Anlauf nehmen könnte, die nach RTL zweitgrößte Privatsendergruppe hiesiger Provenienz zu übernehmen.

          Doch den großen Brocken, der angeblich mindestens zwei bis zweieinhalb Milliarden Euro gekostet hätte, braucht Springer zunächst gar nicht. Der Sender N24, der einmal zu Pro Sieben Sat.1 gehörte, seit 2011 aber unabhängig ist, ist ein paar Nummern kleiner, dürfte für Springers Zwecke im Augenblick aber genau passend sein. Und Kartellprobleme dürfte es jetzt auch nicht mehr gehen: Springer ist auf dem Zeitungsmarkt durch den Verkauf der Regionalzeitungen und Zeitschriften an die Funke-Gruppe geschrumpft und ist auf dem Fernsehmarkt noch keine Größe. Wobei das Unternehmen durch die vertragliche Verbindung, die beim Zeitungsdeal mit Funke besteht, in Wahrheit natürlich wächst. Angesichts der weltumspannenden amerikanischen Großkonzerne wie Google, Yahoo, Facebook und Amazon nehmen sich solche Dimensionen aber bescheiden aus. Finanziell wird der N24-Deal Springer nicht belasten, den Verkauf der Zeitungstitel an die Funke-Gruppe hat Springer mit einem Preis von 950 Millionen Euro verrechnet. Springers Kasse ist voll.

          Für Stefan Aust, der Geschäftsführer und Miteigentümer (26 Prozent) von N24 ist, erfüllt sich derweil eine journalistische Vita, die mit seinem unfriedlichen Abgang 2008 beim „Spiegel“ nur scheinbar an einen Endpunkt gelangt war. Aust war und ist weiterhin als Fernsehproduzent und Journalist unterwegs, er verbindet in besonderer Weise die Qualitäten eines Rechercheurs mit denen eines journalistischen Managers und Unternehmers. Was immer er macht, er macht es voll und ganz. Seine neue Rolle bei Springer dürfte ihm liegen, ein Honoratiorenposten – woran man bei den ersten Meldungen, er werde Herausgeber der „Welt“ zunächst denken konnte –, ist das nicht. Auf so etwas würde sich Aust gar nicht einlassen.

          Eine eindeutige Bilanz

          Für journalistischen Marken, die auf sich halten, bedeutet das eine verschärfte Konkurrenz, für die Qualitätszeitungen vielleicht weniger, für den „Spiegel“ und „Spiegel Online“ aber schon. Die Selbstbeschau und Selbstzerfleischung, die dort seit Jahren zu beobachten ist, lähmt und ist gefährlich. Zuerst wurde der Chefredakteur Aust gegangen, dann wurden die Chefredakteure Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron (der heute Chefredakteur Digitale Medien der F.A.Z. ist) fortgeschickt. Der erst seit einigen Wochen amtierende Chefredakteur Wolfgang Büchner hat seit seinem ersten Tag einen schweren Stand. Der „Spiegel“ reibt sich auf in Auseinandersetzungen zwischen Redaktion und Verlag und zwischen der Redaktion des gedruckten Magazins und des Online-Portals „Spiegel Online“. Dabei geht Zeit verloren, die Springer für sich nutzt. Und dabei gehen führende Köpfe verloren und sie gehen – ausgerechnet – zu Springer, was früher undenkbar gewesen wäre: Aust und Mascolo, Klaus Boldt, der Medienredakteur des „Manager Magazins“, das auch zum „Spiegel“-Verlag gehört. Spekuliert wird in der Branche zudem, dass der jüngst geschasste Chefredakteur des „Manager Magazins“, Arno Balzer, ebenfalls bei Springer landen könnte.

          Wie all dies ineinander greift, wird sich noch zeigen. Einen Stefan Aust unter einem Springer-Hut kann man sich nicht so recht vorstellen. Die journalistische Szene gerät jedenfalls in Bewegung. Den Magazinmachern in Hamburg sollte zu denken geben, dass die Bewegung vom „Spiegel“ wegführt. Die Bilanz – Nikolaus Blome ging von der „Bild“ zum „Spiegel“, umgekehrt machen sich nun eine Reihe von Hochkarätern auf – ist eindeutig.

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