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Zum Tod von Wolf Schneider : Sprache ist Herrschaft

Wolf Schneider Bild: Picture Alliance

Wolf Schneider war ein prominenter Journalist. Vor allem aber war er ein bedeutender Sprachlehrer. Jetzt ist er mit 97 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

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          Beliebt zu sein, gemocht zu werden, das war nie Wolf Schneiders stärkste Ambition – und wie konsequent er darin war, offenbarte sich in mancher Redaktion, wenn eine neue Praktikantin, ein neuer Hospitant die ersten Schreibversuche präsentierten: „Sie kleben an jedes Substantiv ein Adjektiv. Hat Ihnen Wolf Schneider nicht beigebracht, dass das kein guter Stil ist?“ – „Doch. Eben deshalb schreibe ich ja so.“

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          Womöglich war also noch besser als Schneiders Unterricht die Lektüre seiner Bücher, in denen er versuchte, sein Publikum für klares, gutes, schließlich auch schönes Deutsch zu begeistern. Das Herrische war ihm nicht fremd, und genau deshalb konnte er sehr gut erläutern, wie die Sprache als Machtinstrument, als Verschleierungswerkzeug und als Verdummungsmedium funktioniert, Und warum klare Sätze und präzise Begriffe nicht die Unterwerfung unter nicht hinterfragbare Regeln bedeuten. Sondern das Gegenteil: Wer die Verhältnisse ändern will, muss sie erst einmal verstehen. Und damit sie verstanden werden, muss man sie klar beschreiben.

          Wenn es aber darum ging, nicht nur klar, sondern gut und bewegend zu schreiben, war ihm kein Vorbild zu groß: Lest Shakespeare, Nietzsche, den jungen Marx, den Doktor Freud, bevor ihr auch nur eine Meldung in die Zeitung hineinschreibt! Wolf Schneider war lange Zeit der Leiter der Hamburger Journalistenschule; zuvor hatte er für die „Süddeutsche“ geschrieben und war Chefredakteur der „Welt“ gewesen. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag ist er gestorben; er wurde siebenundneunzig Jahre alt.

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