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Digitalmagazin „The Athletic“ : So viel ist auf dem Transfermarkt für Sportreporter los

  • -Aktualisiert am

Jubel: Liverpool-Fan vor einer Fassade mit einem Bild von Trent Alexander-Arnold Bild: WITTERS

Im britischen Fußball wechseln nicht nur Spieler die Seiten: Das Digitalmagazin „The Athletic UK“ hat en gros Sportjournalisten angeworben. Es soll ihnen mehr Unabhängigkeit und eine stabile Plattform bieten.

          3 Min.

          Anfang August beginnt die heiße Phase auf dem Fußball-Transfermarkt. Die Sommerpause ist vorüber, der Ligabetrieb beginnt. Manager und Sportdirektoren lauern auf letzte gute Geschäfte oder dringend benötigte Verstärkungen. Der ganz große Transfer-Knaller ist dieses Jahr bisher allerdings ausgeblieben, zumindest, was die Spieler angeht. Für manchen Fan, gerade des englischen Fußballs, gab es trotzdem einen großen Knall, und zwar im Fußballjournalismus. Das amerikanische Sportportal „The Athletic UK“ hat, finanziert mit mehr als sechzig Millionen Dollar Wagniskapital, so ziemlich jeden guten englischsprachigen Fußballjournalisten eingekauft und für ein mittelgroßes Erdbeben in einer doch recht gemütlichen Branche gesorgt.

          Für fünf Dollar im Monat bekommen Fans von Liverpool, Arsenal, FC Barcelona, Juventus oder auch des FC Watford oder der Wolverhampton Wanderers detaillierte Recherchen und Hintergrundinformationen aus der Umgebung ihres Lieblingsvereins. In Artikeln, Podcasts, Live-Gesprächen und Video-Analysen will „The Athletic UK“ Geschichten mit Substanz abliefern, die weit über Spieltagsberichte und Transferneuigkeiten hinausgehen, die Spannung versprechen. Es geht um Hintergrundinfos und übersehene Geschichten, deren Konsequenzen bis in die Gegenwart wirken. Auch die kritische Beobachtung von Klubbesitzern, Funktionären und unlauteren Praktiken stehen auf der Agenda sowie eine fast feuilletonistische Perspektive: die Betrachtung der großen Gesellschaft durch das Guckloch des Fußballs.

          Transfer-Angebote über Whatsapp verschickt

          So lassen sich auch die ersten Artikel an, die auf der Plattform erschienen sind. Ihnen kommt zugute, dass sie auch mal die Grenzen des klassischen Journalismus übertreten können. So kommt zum Beispiel ein anonymer Klubbesitzer zu Wort, gibt spannende Einblicke in den Management-Alltag und lästert über die Industrie. Man lernt Erstaunliches, zum Beispiel, dass Transfer-Angebote gerne über Whatsapp versendet werden, weil man dort eine Lesebestätigung sehen kann. An anderer Stelle findet sich ein offener Brief an den Besitzer des FC Arsenal, der sich als eine Kritik an der Kommerzialisierung der Premier League generell entpuppt und politischen Sportjournalismus darstellt.

          Viele der Stücke sind lang. Länger jedenfalls, als die üblichen Kurzberichte auf den Sportplattformen es sind. Erfreulich ist, dass damit auch eine andere Diskussionskultur einhergeht. Das Publikum wird beachtet und einbezogen. Es gibt Live-Gesprächsrunden zwischen Journalisten als Experten und Lesern. Es geht um einen intelligenten Diskurs, um Abwechslung und Austausch. Ob das Angebot dadurch für eine kleine Nische begrenzt bleibt, darf bezweifelt werden. Seit Jahren bereits tobt sich besonders auf Youtube eine sehr aktive Diskussionsszene um Premier-League-Vereine aus, bei der sich Fans über den Zustand ihres Clubs streiten. Die zahllosen Videos erfreuen sich großer Beliebtheit, die Moderatoren sind Szene-Stars. Und irgendwie ergibt das auch Sinn. Der eigene Verein ist unmittelbar, und Resultate und Probleme sind greifbar in einer globalisierten Welt, für die das zu oft nicht mehr gilt.

          Die Plattform greift auf bestehende Verbindungen zurück

          Der besondere Clou bei „The Athletic UK“ ist, dass die eingekauften Fußballreporter jeweils schon besonders bekannt für ihre Nähe zu einem Verein sind und Tausende oder gar Hunderttausende Follower, also Leser, haben. Die Plattform greift also auf bestehende Verbindungen zurück und stellt eine Website samt Marketing und Finanzierungsmodell dazu. Die Hintergründe der mit den Journalisten abgeschlossenen Verträge sind unklar, doch müssen diese derart gut dotiert und vielversprechend gewesen sein, dass viele der renommierten Reporter ihre langjährigen lokalen und nationalen Arbeitgeber dafür sitzenließen. In Social-Media-Beiträgen entschuldigten sich diese fast für ihren Schritt und geloben, eine neue, bessere Ära einzuläuten.

          Zu den Journalisten gehören neben Spezialisten wie Transfer-Experte David Ornstein von der BBC oder der Fußball-Chef des „Guardian“, Daniel Taylor, auch Stimmen lokaler Zeitungen, denn die sind oft näher dran. Die Bundesliga ist weniger stark vertreten, wohl auch, weil es an Experten mit großer Gefolgschaft mangelt und man in Deutschland selbst eben vor allem gerne auf Deutsch liest. Mit Raphael Honigstein, der für den „Guardian“ und die „SZ“ schreibt, wurde aber ebenfalls ein ausgewiesener Kenner verpflichtet.

          Ob man nun geneigt ist, in allem Neuen sofort ein Phänomen mit Verweischarakter und Zukunftperspektive zu sehen oder nicht: Der Vorstoß von „The Atlantic UK“ ist kein Einzelfall. So wie der Schlagzeilen machende, international agierende Streamingdienst DAZN ist „The Athletic UK“ das erste echte Digitalmagazin, welches auf Englisch in einen internationalen Markt drängt. Dieser profitiert davon, dass wegen der über Social Media gewachsenen Strukturen gar nicht erst lange Aufbauarbeit betrieben werden muss, Reichweite und Inhalte sind schon da. Journalisten warteten anscheinend regelrecht auf ein Angebot, dass ihnen mehr Unabhängigkeit und doch eine stabile Plattform bietet. Ob das Experiment glückt, sich ausreichend zahlende Leser finden – hunderttausend Abonnenten sind das Ziel –, oder die Leser ausbleiben, wird sich zeigen. Spätestens am Ende der Saison.

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