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Spitzelskandal in England : Die Mailbox ist geknackt

Rüge vom Parlament: Die Murdoch-Presse hat sich bereits fest mit David Cameron, möglicherweise nächster Premierminister, verdrahtet Bild: dpa

Der Medienausschuss des britischen Parlaments hat die Ergebnisse seiner „längsten, kompliziertesten und weitreichendsten Untersuchung“ vorgelegt: Demnach scheint illegale Informationsbeschaffung im Vereinigten Königreich ein Kavaliersdelikt zu sein.

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          Der Medienausschuss der Parlaments behauptete, Stoff für drei Berichte gesammelt zu haben, als er vergangene Woche die Ergebnisse seiner „längsten, kompliziertesten und weitreichendsten Untersuchung“ vorlegte. Auf 165 Seiten geht es um „Medienstandards, Persönlichkeitsrecht und Verleumdung“. Die Studie handelt von Berichten über das Verschwinden der kleinen Madeleine McCann und von Max Mosleys Prozess gegen die Zeitung „News of the World“, vom Verhältnis zwischen Persönlichkeitsrecht und Pressefreiheit, vom Missbrauch der Gerichtsbarkeit durch "Verleumdungsklagetouristen" und von gerichtlichen Unterlassungsverfügungen, die der Presse einen Maulkorb anlegen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die größte Aufmerksamkeit aber findet das Kapitel über den Abhörskandal, der im Januar 2007 zum Rücktritt des Chefredakteurs von Rupert Murdochs Massenblatt „News of the World“ führte und seither wiederholt für frische Schlagzeilen sorgt, insbesondere weil der „Guardian“ nachsetzt. Das linksliberale Blatt spielt sich gern als moralisch überlegen auf, als Gralshüter des Journalismus. Tatsächlich geht es um politische Verbindungen, die bis an die Spitze der Konservativen Partei und in die Führungsetage von Murdochs Medienimperium reichen, was nicht heißen soll, dass die Enthüllungen des „Guardian“ bloß als eigennützig abzutun wären, wie es der Murdoch-Konzern darzustellen versucht.

          Ein Fall von kollektiver Amnesie?

          Im Juli vergangenen Jahres enthüllte die Zeitung, dass drei Persönlichkeiten, die Murdochs News International wegen der Lauschaktionen der „News of the World“ verklagen wollten, in vertraulichen außergerichtlichen Einigungen mit insgesamt einer Million Pfund abgefunden worden seien. News International hatte dem Medienausschuss 2007 versichert, dass die Bespitzelung das Werk eines Redakteurs gewesen sei, der ohne Wissen der Chefredaktion die Dienste eines Privatdetektivs in Anspruch nahm, um die Mailbox von Angestellten des Königshauses zu knacken. Die Recherchen des „Guardian“ offenbarten eine viel weitreichendere Ausforschung zahlreicher Prominenter und stellten die Unwissenheit der Chefredaktion ernsthaft in Zweifel.

          Der Medienausschuss des Parlaments sah sich veranlasst, den Fall aufzurollen. Das Verdikt lautet: Die Führungskräfte von News International seien von „kollektiver Amnesie“ befallen gewesen und hätten Vernebelung betrieben. Es sei unvorstellbar, dass niemand anderes etwas gewusst habe. Der Rücktritt des damaligen Chefredakteurs Andy Coulson sei somit angemessen gewesen.

          Weitere Klagen stehen ins Haus

          Um die Brisanz dieser Einschätzung zu begreifen, muss man wissen, dass Coulson seit Sommer 2007 bei der Konservativen Partei für Kommunikation und Strategie verantwortlich ist. Damit hat die Opposition einen heißen Draht zur einflussreichen Murdoch-Presse, umgekehrt hat Murdoch Zugang zu David Cameron, der die nächste Regierung führen könnte. Der „Guardian“ hakt denn auch gleich nach mit neuen Behauptungen über Coulsons Verstrickung in die illegale Beschaffung von Informationen.

          Bezeichnend ist, wie wenig Resonanz diese Geschichte anderswo findet. Murdochs "Times" hat die Kritik des Medienausschusses auf einer hinteren Seite in einem winzigen, tendenziös formulierten Bericht versteckt. News International stehen noch weitere Klagen von Bespitzelten ins Haus. Diese lassen sich möglicherweise nicht mit Schweigegeld abfinden.

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