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„Da 5 Bloods“ bei Netflix : Rache, Recht und Beute

Männer an der Grabstätte ihrer Hoffnungen: Isiah Whitlock Jr., Norm Lewis, Clarke Peters, Delroy Lindo und Jonathan Majors (von links) haben in den Bergen von Vietnam das Ziel ihrer gefährlichen Suche erreicht. Bild: Netflix

Not und Unrecht hängen zusammen: Spike Lees drastischer Film „Da 5 Bloods“ erzählt vom Vietnam-Krieg – und zugleich von den Gesellschaftsbeben der amerikanischen Gegenwart.

          6 Min.

          Einen der Filme, die das Jahr 2020 dringend braucht, hat Spike Lee der Welt schon vor fünf Jahren angeboten: „Chi-Raq“. Der Filmtitel ist ein Kofferwort aus „Chicago“ und dem amerikanischen Wort für Irak. Die Leute in der Hölle, von der Lee da erzählt, nennen ihre Stadt so, weil dort während des Irak-Kriegs mehr Amerikaner, nämlich, wie sie selbst sagen: African Americans, mit Schusswaffen getötet wurden als amerikanische Soldaten am Golf. Für junge schwarze Männer stehen in Chi-Raq drittklassige Schulen, aber dafür erstklassige Gefängnisse bereit; ihr Wirtschaftsraum hat keine Banken, die Existenzgründerkredite gewähren, nur Wucherer und Kriminalität; sie können sich einer Gang anschließen oder zum Militär gehen, wenn sie erwachsen werden wollen. Lees Film zeigt urbane Rollstuhlfahrer, von denen man nicht weiß, ob sie Kriegsheimkehrer sind oder Opfer der Heimatfront.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Heute, 2020, hetzt der rechtskonservative Kabelsender Fox News, man solle sich doch nicht über rassistische Polizeigewalt aufregen, wenn man die vielen toten Schwarzen nicht beachte, die durch andere Schwarze ums Leben kommen. So, so – gut: Spike Lee hat sie beachtet und in „Chi-Raq“ die Realität gezeigt, in der spielende kleine Mädchen auf der Straße ins Kreuzfeuer geraten, Ergebnis stadt- und wirtschaftspolitischer Regulierung und Deregulierung, die in nur fünfzig Jahren aus dem Krieg der weißen Herrschaft „gegen Armut“ einen Krieg „gegen das Verbrechen“, in Wahrheit: gegen die Armen gemacht hat (nachzulesen etwa in der Abhandlung „From the War on Poverty to the War on Crime: The Making of Mass Incarceration in America“ von Elizabeth Hinton aus dem Jahr 2016). Das zu ändern wird aufwendig und teuer; ein paar linksliberale Knie zu beugen und das dazugehörige Haupt zu senken ist gewiss billiger, deshalb sieht man derlei Performance jetzt in allen Bildmedien.

          Besser, man schaut sich Spike Lees neuesten Film an, „Da 5 Bloods“, der, nachdem Lee für „Chi-Raq“ das Genre der afrofeministischen Rap-Sex-Tragikomödie erfunden hat, schon wieder eine neue Filmgattung inauguriert, nämlich den Black-Lives-Matter-Kriegsveteranenkrimi. „Da 5 Bloods“, der außerhalb des Wettbewerbs im coronahalber abgesagten Festival von Cannes hätte laufen sollen und jetzt von Netflix zugänglich gemacht wird, handelt von vier schwarzen Vietnam-Feldzugsüberlebenden, die nach einem halben Jahrhundert an die alte Front zurückkehren, um die Gebeine eines gefallenen Kameraden zu suchen – und einen Mordshaufen Goldbarren, mit dem die CIA seinerzeit vietnamesische Ureinwohner bestechen wollte, den Amerikanern beim Kampf gegen den Vietkong zu helfen.

          Die vier Schatzgräber meinen es mit der Beute so ernst wie mit der Rückführung der sterblichen Überreste ihres toten Freundes Norman, in Rückblenden gespielt von Chadwick Boseman, den alle Welt als Marvels „Black Panther“ kennt. Lees Kernensemble besteht aus sicheren Spitzenkräften: Norm Lewis spielt Eddie, einen Geschäftsmann mit Hang zu idealistischen Reden; Isiah Whitlock Jr. verkörpert Melvin, einen gemütlichen Bären, der im Ernstfall weiß, was zu tun ist, wo die Handgranaten fliegen; Clarke Peters gibt den weise-melancholischen Otis, der bei der Rückkehr nach Vietnam erfährt, dass ihm seine damalige einheimische Geliebte eine Tochter geboren hat, die unterm Stigma ihrer Herkunft nach dem Krieg schwer leiden musste. Der widersprüchlichste Charakter ist Paul, ein schwarzer Trump-Wähler mit „Make America Great Again“-Mütze, über den Mélanie Thierry als französische NGO-Minenräumerin einmal sagt, sie fürchte ihn mehr als alle im Boden vergrabenen Sprengfallen.

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