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Jan Böhmermann : Spießbürger oder Nervensäge?

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Das Markieren von sozialen Unterschieden (häufig in den Kategorien intelligent/dumm) gehört zum Standard-Repertoire Böhmermanns. Dessen im letzten Jahr veröffentlichtes Rap-Lied „Polizistensohn“ machte sich zum Beispiel darüber lustig, dass ein Mann aus einem bürgerlichen Umfeld die Polizei rufen würde, wenn es Probleme gebe, während Rapper mit sich selbst oder ihrer Crew drohen. Was völlig korrekt ist und insofern eigentlich eher traurig, auch, weil somit Loser ausgelacht werden, die, ohne dass es ihnen klar wäre, damit angeben, welche zu sein. Natürlich war da auch ein bisschen Sicherheits-Ironie die eigene ungefährliche Herkunft betreffend dabei, aber das Lied zeigte (mit sehr gewöhnlichen Erkan-und-Stefan-Humor) eben auch, wo in Deutschland oben und unten ist.

Etwas Ähnliches, also eine Art Platzzuweisung und eine Fortschreibung dieser Platzverteilung, passiert auch in dem „Be Deutsch“-Lied. Denn die Gruppe (AfD-Fans, Pegida), die darin abgewertet wird, bezieht ihren Antrieb ja auch daraus, dass sie das Gefühl hat, marginalisiert zu werden. Sie ist es, um deren Deutschland-Integration man sich in der Böhmermann-Logik wirklich Gedanken machen müsste. Das pädagogisch-patriotische „Be Deutsch“-Lied hingegen sagt, dass die AfD und so weiter nicht dazugehören dürfen, und dient damit vor allem: der Selbstvergewisserung. Eine, die man billiger nicht haben könnte, denn natürlich sind sich alle Deutschen, die sich für liberal und aufgeklärt halten, in ihrem Deutschsein insofern einig, als sie Frauke Petry und Beatrix von Storch indiskutabel finden. Die beiden AfD-Frauen sind es auch, über die sich Böhmermann in seiner Sendung regelmäßig lustig macht, wobei aber nie gesagt wird, was an dem Böhmi-Deutschland so toll ist, außer, dass es besser ist als das AfD-Deutschland. Es geht nicht um Kritik, nur um Distinktion.

Das Äquivalent dazu sind diese schlauen Füchse, die man von Facebook kennt und die, in der absoluten Sicherheit, dafür ein paar Likes zu bekommen, regelmäßig irgendwelche AfD-Schwachsinns-Videos posten und sie mit einem ironischen Kommentar versehen (oder „OMG“ oder „Ich dachte echt, den Tiefpunkt hätten wir schon erreicht“). Wie sehr Böhmermann mit seinem Selbstbestätigungs-Lied den Geist eines bestimmten Milieus artikuliert, zeigt auch die Reaktion der Millennial-Idioten-Seite „Bento“, ein Projekt des „Spiegels“, um jüngere Leser zu gewinnen („Welcher Workout-Typ bist du?“, „Unsere Freunde haben Babys. Wir bekommen es nicht mal hin, einen Kaktus zu pflegen. Na und?“). Dort schreibt ein junger Autor, der „Schweden und das Internet mag“, über „Be Deutsch“, dass es zeige, wie Deutschland wirklich sei. „Ausgerechnet Deutschland, das Europa einst in zwei Weltkriege stürzte und in Rassen unterteilte, verteidigt jetzt Weltoffenheit und Toleranz. (. . .) Weil das ehemalige Nazi-Land aus seiner Geschichte gelernt hat.“

Jene Mentalität des stolzen Nicht-Stolzes, die Böhmermanns „Be Deutsch“-Video transportiert und die bei jungen Menschen, die Schweden und das Internet mögen, offenbar so hervorragend ankommt, steht in direkter Tradition des „Sommermärchens“ aus dem Jahr 2006. Und daraus folgt zweitens und für Böhmermann, dass der ein absolut staatsgläubiger Vorzeige-Bürger ist, der seinen Bildungsauftrag sehr, sehr ernst nimmt - zumindest tat er das bislang, es kann natürlich sein, dass er dem rechtsstaatlichen Deutschland (Be Deutsch!) die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft übelnimmt, aber das wäre ein bisschen dumm, und dumm ist er ja eigentlich nicht. Aber er ist auch kein Rebell. Er ist ganz und gar ein Sohn Deutschlands, und zwar genau so einer, wie es ihn sich dieses moderne Germany wünscht.

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