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Jan Böhmermann : Spießbürger oder Nervensäge?

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Dabei hilft, dass Böhmermann als rebellisch, als frech, ungezogen und „nicht massentauglich“ („Zeit-Magazin“) gilt, und dabei hilft natürlich auch, dass Angela Merkel persönlich ihn ausgeschimpft hat. Tatsächlich hat die Erdogan-Sache aber vor allem eines gezeigt, nämlich: wie perfekt dieses Deutschland, seine Regierung, seine Gesetze, die „Debattenkultur“ und das öffentlich-rechtliche Fernsehen, inklusive Böhmermann, angesichts einer solchen Affäre zusammenarbeiten und letztlich harmonieren. Ein bezahlter Rebell wird von einer Institution, die ihn bezahlt und als Rebell installiert hat, gemaßregelt, nachdem dieser, mit Ansage, etwas falsch gemacht hat, das man in der Bundesrepublik Deutschland nicht falsch machen soll. Woraufhin die Regierung öffentlich sagt, dass jener Rebell da wirklich etwas falsch gemacht habe, die Staatsanwaltschaft, weil er mutmaßlich etwas falsch gemacht hat, aktiv wird und die Presse von ihrer Pressefreiheit Gebrauch macht, indem sie darüber streitet, ob der Rebell nun tatsächlich etwas falsch gemacht hat. Und die jungen Menschen Deutschlands (die Zielgruppe des ZDFs) zusätzlich und für nur 17,50 Euro das für das Erwachsenwerden so wichtige Gefühl geschenkt bekommen, ihnen stehe ein echter Rebell vor. Es läuft alles einwandfrei hier.

Immer auf der richtigen Seite

Wenn man die Angelegenheit so betrachtet, wirkt die Idee, man habe es bei Böhmermann mit einem unangepassten Freidenker zu tun, relativ komisch. Tatsächlich ist Böhmermann das neue Establishment, er ist das, was danach kommt. Ein Superbürger in Angela Merkels Wir-schaffen-das-Sinn, der, genau wie seine Zuschauer-Generation, alles richtig macht (straight nach oben, wissen, wer Kant ist, also wirklich intelligent sein, die AfD blöd finden). Er macht sogar richtig, dass er seine Bürgerhaftigkeit und Spießigkeit thematisiert und sich zu ihr auf Fotos, in Interviews oder seiner Show fortwährend ironisch verhält. Er ist völlig unangreifbar, denn er ist immer auf der richtigen Seite (gegen Pegida und Til Schweiger, klar, aber auch, im Sinne der staatlich geförderten Rebellion, mal bisschen politisch inkorrekt sein und mit, huch, Rassismus spielen, denn jemand aus seinem gesellschaftlichen Milieu ist natürlich nicht wirklich rassistisch, das sind nur die Dummen), und selbst, wenn er Fehler macht, macht er sie richtig. Wozu ihm an dieser Stelle ausdrücklich gratuliert wird, denn es geht hier nicht darum, Jan Böhmermann scheiße zu finden (tatsächlich ist er ja innerhalb seines Funktionsrahmens so unglaublich perfekt), sondern um ein Phänomen (und seine Fans).

Das im Merkel-Sinne absolut vorbildliche Bürger-Selbstverständnis etwa wird deutlich, wenn man sich Böhmermanns jüngstes Musikstück „Be Deutsch“ und das dazugehörige Video ansieht. Darin erklärt Böhmermann, was für ihn modernes Deutschsein im Jahr 2016 bedeutet, indem er eine aufgeklärte, weltoffene, tolerante Gruppe von Deutschen einer Gruppe von keifenden, hässlichen AfD-Rassisten gegenüberstellt, die seinem Verständnis nach nicht zu dem Volkskörper des fortschrittlichen Deutschlands gehören. Hier, so lehrt das Video (tatsächlich, man glaubt, man sitzt auf einer Bank und guckt nach vorne an die Tafel), hier in Deutschland gelte die Pressefreiheit, das Grundgesetz, der Rechtsstaat, und hier ist man wirklich deutsch, das heißt: nice, liberal, compassionate, considerate, reasonable, social, multicultural. Das Holocaust-Land habe aus seiner Geschichte gelernt („We’ve learned our lessons, take our advice“) und sei nun stolz darauf, nicht stolz zu sein, womit ein neuer deutscher Patriotismus perfekt auf den Punkt gebracht wird. „Be Deutsch“ ist superstolz und abgesehen von ein bisschen Alibi-Ironie (Deutsche tragen Birkenstock und Fahrradhelme, hihi) und einer eher niedlichen Inkorrektheit (mit Rammstein-Stimme „Be Deutsch“ singen) absolut ernst gemeint und ungebrochen. Daraus folgt erstens ein elitäres Selbstverständnis - was per se nichts Schlechtes ist, in diesem Fall aber bedeutet, dass man sich selbst ein gutes Gefühl macht, indem man andere abwertet.

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