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Die Serie „La Zona“ bei ZDFneo : Spielt nicht den mit Zonenkindern

  • -Aktualisiert am

Lagebericht: Hector (Eduard Fernández) lässt sich von seinem jungen Kollegen Martin (Ãlvaro Cervantes) auf Stand bringen. Bild: ZDF

Solche Zombies sah man nie: In der spanisch-deutschen Dystopie „La Zona“ breitet sich nach einem Atomunfall das Grauen mit beängstigender Ruhe aus.

          Die sieben Posaunen sind geblasen. Es ist, als sei ein brennender Berg ins Meer gestürzt und habe viel Leben hinweggerafft. Feuer fraß die Luft, Gift lässt die Flüsse bitter werden. Was die ansonsten recht zutreffende Johannes-Offenbarung aber nicht erwähnt, sind Fernwirkungen. Drei Jahre nach der atomaren Apokalypse fallen immer mehr Überlebenden die Haare aus, die Körper zerstieben. Und doch geht das Leben weiter. Versehrt, aber zäh schleppt es sich dahin, klammert sich an Reste von Alltag und wird nur immer tiefer hineingezogen ins schwarze Nichts. Politiker stehlen sich aus der Verantwortung für den Großunfall in einem nordspanischen Kernkraftwerk. Verarmte Opfer, die bei der Evakuierung alles verloren haben, vertreiben unter der Hand verstrahltes Diebesgut aus der abgeriegelten Zone. Mafiosi wittern ihre Chance. Und das Leck scheint immer noch zu lecken.

          Nichts ist gut in der Gegend um Gijón, aber es kommt noch schlimmer: ein verstümmelter Leichnam taucht auf, angenagt ganz eindeutig von Menschenzähnen. Die Mutationen haben begonnen. Zum Kollaps der Lebensbedingungen kommt nun noch das Menschenböse hinzu: „La Zona“, die düstere Thriller-Serie der Brüder Alberto und Jorge Sánchez-Cabezudo, macht katastrophentechnisch keine halben Sachen. Hervorragend gelingt es ihr, die von Trauer, Zorn und Furcht bestimmte Atmosphäre rund um die Sperrzone zu evozieren.

          Fukushima taucht vor dem inneren Auge auf

          Eines ihrer Mittel ist souveräne Zurückhaltung. Dass vieles im Hintergrund (zumindest für eine Weile) unkommentiert bleibt, verstärkt den beklemmenden Eindruck deutlich. Ein Polizeieinsatz in Schutzanzügen, bei dem eine junge Frau (Alba Galocha), als sei das normal, durch verlassene Stadtviertel gejagt wird; ein Drohnenflug über Gebiete, an denen bis zum Horizont Erde in riesige schwarze Säcke geschaufelt wird – das lässt das Blut in den Adern gefrieren, weil solche Bilder im kollektiven Schockgedächtnis abgespeichert sind. Fukushima taucht vor dem inneren Auge auf, Harrisburg, Majak, Tschernobyl. Jorge Sánchez-Cabezudo, der Regie führte, hat verstanden, was das Bedrohlichste an einem GAU ist: seine Unsichtbarkeit.

          Der größte anzunehmende Unfall für eine Fernsehserie dürfte es freilich sein, wenn kurz vor ihrer Ausstrahlung eine exzeptionell gute (und noch viel teurere) Konkurrenz-Serie zum selben Thema allzu sichtbar den Markt überrollt. Die HBO-Sky-Produktion „Chernobyl“ hat in der Bewertung der Filmdatenbank IMDb inzwischen „Game of Thrones“ als beste Serie aller Zeiten verdrängt. Und doch steht die bildmächtige Vergegenwärtigung des fatalen Reaktorunfalls in der Ukraine der viel bescheidener inszenierten Koproduktion des spanischen Bezahlsenders Movistar+ mit ZDFneo nicht im Weg. Handlungstechnisch ließe sich fast von einer Ergänzung sprechen, weil „La Zona“ ganz auf die Nachwirkungen des Unglücks abstellt, auf das Leben mit dem Verlust von Angehörigen, Sicherheit und Eigentum. Die Überlebenden wohnen beengt in Anlagen, die an bessere Slums erinnern.

          Auch hier macht der leise Ton die Musik

          Es stimmt zwar, dass sich die Brüder Sánchez-Cabezudo auch beim Horrorfilm bedienen, wie im Atomunfallgenre einigermaßen gängig (außer eben in Craig Mazins „Chernobyl“), aber auch hier stehen die Zombies, die zudem arg lädiert wirken, nicht im Mittelpunkt. Wichtiger nimmt die Totentanz-Erzählung bei ZDFneo etwa das Schicksal der „Liquidatoren“. Unter ihnen sind angeworbene Kriminelle, die gegen hohe Prämien und Straffreiheit Arbeiten verrichten, für die in naher Zukunft freilich der Krebstod winkt: eine Bezugnahme auf Berichte, die japanische Mafia habe Schuldner zu Aufräumarbeiten in hochverstrahlten Bereichen von Fukushima gezwungen.

          Am augenfälligsten sind wohl die Zutaten Krimi und Endzeitmelodram. Letzteres gibt den Tonfall vor, Ersteres die Erzählstruktur. Das Mordopfer war ein Schmuggler, zudem der Onkel der jungen Zoe, die in der Eröffnungsszene davonlief. Bei der erstaunlich gut organisierten, kaum von herkömmlichen Krimis zu unterscheidenden Polizei werden die beiden Kollegen Martín (Álvaro Cervantes), ein junger Charismatiker mit Geheimnissen, und der gebrochene Melancholiker Hector (Eduard Fernández), der bei dem Unglück seinen Sohn verloren hat, mit der Aufklärung des Falls betraut. Hinzu kommt ein mit den Schutzmaßnahmen fremdelnder Inspektor aus der Hauptstadt (Manolo Solo) sowie die an neuen Ausbrüchen der Strahlenkrankheit verzweifelnde Ärztin Julia (Alexandra Jiménez), Hectors Geliebte.

          Diese stark mit sich selbst beschäftigte Truppe taucht nun tief in die rund um die Zone entstandene, ihrerseits einer Mutation von Gesellschaft ähnelnde Halbwelt aus Drogen- und Schmugglermilieu, politischer Korruption, Weltuntergangs-Bordell und knorrigen Menschenjägern ein. Aber auch hier macht der leise Ton die Musik, herrschen besorgte, ruhige Dialoge vor, wie man sie kaum erwarten würde. Es ist der stets für Details und Beiläufigkeiten aufmerksame Blick, der diese Serie auszeichnet. Weil die Figuren so sensibel gezeichnet sind, nicht als klassische Helden, nimmt man „La Zona“ auch die zentrale Botschaft ab: Selbst in dieser beinahe altarbildwürdigen Hölle (ohne Ausgang) sind es die über nackte Bedürfnisse hinausgehenden Sehnsüchte, die Menschen von Monstren unterscheiden.

          Anders als „Chernobyl“ arbeitet sich die hyperrealistische spanisch-deutsche Koproduktion, die seit der Serienmesse MipCom 2017 heiß gehandelt wird, nicht an übergroßen Themen wie menschlicher Hybris oder Grenzen des Machbaren ab. Sie stellt – jenseits des zentralen Spannungsplots – vielmehr die kleinen Fragen, etwa die, wie es sich in einer Wiederansiedlungszone mit großen Gärten lebt, in denen nichts angebaut werden darf. Oder ob sich Schmerz, Wut und Angst irgendwie verrechnen lassen, sobald man ahnt, dass nach dem Tier mit zehn Hörnern und sieben Köpfen gar nichts mehr kommt.

          La Zona – Do not cross läuft samstags, um 22.15 Uhr, in Doppelfolgen auf ZDFneo (komplett in der Mediathek).

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