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Spielfilme im Internet : Der Traum von der globalen Videothek

  • -Aktualisiert am

Youtube zeigt seit Kurzem Filme in Komplettlänge Bild: AFP

Illegale Livestream-Angebote wie Kino.to bescheren der Filmindustrie jährlich Verluste in Millionenhöhe. Doch langsam zeichnen sich auch im Netz neue Wege ab – und die Erkenntnis, dass dem hochwertigen Heimkino auf Abruf die Zukunft gehört.

          Unter Filmfans ist die Website kino.to längst kein Geheimtipp mehr: Mit rund 4 Millionen Zugriffen im Monat zählt das Video-on-Demand-Portal inzwischen zu den fünfzig meistbesuchtesten Internet-Angeboten in Deutschland – und das mit gutem Grund. Fast 33 000 Spielfilme führen die Betreiber inzwischen im Angebot, dazu über 100 000 Serien-Episoden und zahlreiche Dokumentationen. Sie kann man sich allesamt als Livestream anschauen – das heißt: direkt aus dem Netz und ohne den juristisch prekären Download der urheberrechtlich geschützten Inhalte auf den eigenen PC.

          Völlig legal – und das ist kein Geheimnis – ist die kostenlose Online-Videothek natürlich trotzdem nicht. Vielmehr öffnet sie der munteren Raubpiraterie, auf die sie existentiell angewiesen ist, ohne jeden Skrupel Tür und Tor. Die Auswirkungen sind fatal. In Zeiten, in denen DVD-Veröffentlichungen in immer kürzen Abständen nach den Kinostarts überhastet auf den Markt geworfen werden, führt die Filmindustrie derzeit einen aussichtlosen Kampf: Oft schon am Premierentag sind die neuesten Blockbuster gratis im Netz abrufbar, mitgefilmt per Digitalkamera direkt aus dem Kinosaal und dann bereitgestellt auf einem der unzähligen Streamhostern. Aus ihnen speist sich über direkte Verlinkungen das gewaltige Archiv von Kino.to, dessen Betreiber sich somit innerhalb der gesetzlichen Grenzen wägen. Tatsächlich bezeugt ihre raffinierte Selbstentlastung jedoch nur den irrwitzig-bizarren Baustellen-Charakter des unausgegorenen Internet-Urheberrechts. „Kino.to ist nicht illegal“, heißt es recht frech in den FAQs, da man „keine eigenen Streams“ bereitstelle, sondern als Aggregator nur die Fremdinhalte Dritter verlinke. So ganz indessen scheinen die sammeleifrigen Webmaster ihren eigenen Worten dann aber doch nicht zu trauen: Wie sonst ist es zu erklären, dass die Domain des Portals aus dem verschwiegenen Internet-Eldorado, dem Südsee-Inselreich Tonga stammt, dass es kein Impressum gibt und sich die Administratoren unter dem Deckmantel der Anonymität verbergen?

          Die Zukunft der Unterhaltungsindustrie

          Seit 2008 hat sich die „Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen“ (GUV) des prominenten Falls von kino.to angenommen – und im Verbund mit der benachbarten Schwesterorganisation BREIN den niederländischen Server der Website abschalten lassen. Prompt wichen die findigen Betreiber nach Russland aus, von wo aus das Portal nun solange ungehindert operiert, bis es auch dort von den nationalen Fahndern ins Visier genommen wird. Den Nutzern freilich ist dieses Sisyphos-Detektivspiel, der das Grimmsche Märchen vom Hasen und dem Igel auf den Kopf zu stellen scheint (frei nach der Devise „Ich bin schon weg!“), reichlich egal. Da der bloße Abruf copyright-geschützter Inhalte in einer bislang straffreien rechtlichen Grauzone angesiedelt ist, interessieren sie sich vor allem für Quantität und Qualität und des Angebots. Gerade in diesen Punkten aber offenbart das Portal aus Tonga eine große Diskrepanz: Aufgrund der schieren Masse der Materiallieferanten ist es zwar in punkto Vielfalt fast nicht zu übertreffen, dafür aber lässt die Nutzerfreundlichkeit sehr zu wünschen übrig. Lange Wartezeiten, unzählige, zuweilen viren- und neppereiverseuchte Werbe-Pop-Ups und eine oft notgedrungen fade Optik und Akustik stehen einem entspannten Filmgenuss sehr entschieden entgegen, so dass wohl jeder wahre Cineast schon nach dem ersten Besuch entnervt und verärgert das Weite sucht.

          Hat die DVD als Medium bald ausgedient?

          Doch liegt die qualitative Misere der verfügbaren Videos wirklich nur an den widrigen Umständen ihrer Herstellung begründet? Kann die Livestream-Technologie auch unter idealen Bedingungen überhaupt mit den hochwertigen aktuellen Speichermedien konkurrieren? Fest steht: An die Qualitäten von DVD und Blue-ray reicht der filmische Online-Abruf flächendeckend zumindest vorerst noch nicht heran. Dafür fehlt es oft nicht nur an einer reibungs- und ruckellosen Übertragung, sondern auch an einem reaktionsschnellen Bedienmenü. Nach und nach allerdings sickert auch bei der Filmindustrie eine Erkenntnis durch, die sie von der Kollegen aus der Musikbranche viel früher hätte lernen müssen: dass im Internet die Zukunft der Unterhaltungsindustrie liegt – und dass eine Ausweitung online verfügbarer Top-Inhalte demnach oberste Priorität genießen muss.

          Cineastische Schätze im World Wide Web

          Und immerhin: Langsam setzen sich die schwerfälligen Räder der großen Studios in Bewegung. In den Vereinigten Staaten haben sich die im letzten Jahr die Major Players in zwei große Konkurrenzportale aufgespalten, die Filme und Serienangebote werbefinanziert und kostenlos bereitstellen – aus lizenzrechtlichen Gründen jedoch bislang nur für die heimischen Nutzer des amerikanischen Markts. Während die Sendeanstalten NBC und ABC sich mit der Fox Entertainment Group im März 2008 zur Plattform Hulu zusammenschlossen, gingen MGM, Lionsgate und CBS wenig später eine Liaison mit dem Netzvideo-Marktführer Youtube ein. Sie wurde im April 2009 noch um den Branchengiganten Sony ergänzt, der über seine hauseigene Online-Division Crackle partizipiert. Seit einigen Monaten bieten beide Portale kostenlose Inhalte der Kooperationspartner an: Youtube zum Beispiel alle Folgen von „Star Trek“ und „Beverly Hills, 90210“, Hulu Episoden der Fox-Cartoons „The Simpsons“ und „Family Guy“ nebst Filmklassikern wie „Basic Instinct“ (1992) und „Der letzte Mohikaner“ (1992). An einer globalen Ausweitung des Angebots wird zwar gearbeitet, doch müssen sich deutsche Nutzer bisweilen mit Filmen aus der sogenannten „Public Domain“ begnügen, also: mit Produktionen, die aus Zeit- oder Versäumnisgründen keinem Copyright (mehr) unterliegen. Dazu zählen immerhin Trickfilm-Evergreens wie die George-Orwell-Adaption „Animal Farm“ (1954), Francis Ford Coppolas Kino-Debüt „Dementia 13“ (1963) oder George A. Romeros Horrorklassiker „Die Nacht der lebenden Toten“ (1969), der infolge einer Unachtsamkeit des Verleihs direkt nach der Premiere unter die Gemeinfreiheit fiel.

          Das allerdings sind bei weitem nicht die einzigen cineastischen Schätze, die in den endlosen Weiten des World Wide Web zu entdecken sind: Freunde des Stummfilms werden so etwa auf der Site des gemeinnützigen Internet-Archives fündig, einer in San Francisco ansässigen Organisation, die sich seit 1996 der digitalen Langzeitarchivierung kultureller Dokumente widmet. Dazu zählen auch hunderte Streifen aus der Frühzeit des Zelluloids, darunter die großen expressionistischen Klassiker des Weimarer Kinos wie Robert Wienes „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920) und Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu“ (1922). Eine zahlungswilligere Klientel darf darüber hinaus einen Blick auf die beeindruckende Filmliste von TheAuteurs.com werfen – einem 2007 gegründeten Projekt, das sich in rasantem Tempo zum überzeugendsten Streaming-Anbieter auf dem Gebiet des Autorenfilms gemausert hat. Gegen eine Gebühr von zumeist fünf Euro können dort inzwischen rund 500 Meisterwerke abgerufen werden – von Fellini und Hitchcock über Kubrick und Leone bis hin zu Ozon und Kaurismäki. Mit einer deutschen IP-Adresse hat man indes auch hier noch oft das Nachsehen, da die Zahl in diesem Fall auf rund 150 Produktionen zusammenschrumpft. Etwa im gleichen Mengenbereich bewegen sich derzeit auch die Gratis-Angebote der großen deutschen Streaming-Anbieter. Bei MSN Movies, Videoload und MyVideo muss der Zuschauer zwar Werbeclip-Unterbrechungen in Kauf nehmen, kommt dafür aber in den bequemen Genuss mancher Klassiker wie Godards „Außer Atem“ (1960) oder Roberto Benignis „Das Leben ist schön“ (1999).

          Zeit- und ortsungebundener Zugriff

          Noch braucht es zwar Geduld, die im Netz zerstreuten Perlen aus über hundert Jahren Filmkunst auf legale Weise aufzuspüren, doch ist eine Verminderung der Mühen deutlich in Sicht: Schon jetzt lässt sich erahnen, dass die Livestream-Technologie sowohl die klassische Videothek als auch das Medium DVD in absehbarer Zeit beerben wird. Die Magie eines dunklen Kinosaals lässt sich natürlich auch so nicht ersetzen. Dafür aber lockt die Möglichkeit eines völlig zeit- und ortsungebundenen Filmzugriffs als außerordentlich reizvolle Perspektive.

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