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Spielfilme im Internet : Der Traum von der globalen Videothek

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Cineastische Schätze im World Wide Web

Und immerhin: Langsam setzen sich die schwerfälligen Räder der großen Studios in Bewegung. In den Vereinigten Staaten haben sich die im letzten Jahr die Major Players in zwei große Konkurrenzportale aufgespalten, die Filme und Serienangebote werbefinanziert und kostenlos bereitstellen – aus lizenzrechtlichen Gründen jedoch bislang nur für die heimischen Nutzer des amerikanischen Markts. Während die Sendeanstalten NBC und ABC sich mit der Fox Entertainment Group im März 2008 zur Plattform Hulu zusammenschlossen, gingen MGM, Lionsgate und CBS wenig später eine Liaison mit dem Netzvideo-Marktführer Youtube ein. Sie wurde im April 2009 noch um den Branchengiganten Sony ergänzt, der über seine hauseigene Online-Division Crackle partizipiert. Seit einigen Monaten bieten beide Portale kostenlose Inhalte der Kooperationspartner an: Youtube zum Beispiel alle Folgen von „Star Trek“ und „Beverly Hills, 90210“, Hulu Episoden der Fox-Cartoons „The Simpsons“ und „Family Guy“ nebst Filmklassikern wie „Basic Instinct“ (1992) und „Der letzte Mohikaner“ (1992). An einer globalen Ausweitung des Angebots wird zwar gearbeitet, doch müssen sich deutsche Nutzer bisweilen mit Filmen aus der sogenannten „Public Domain“ begnügen, also: mit Produktionen, die aus Zeit- oder Versäumnisgründen keinem Copyright (mehr) unterliegen. Dazu zählen immerhin Trickfilm-Evergreens wie die George-Orwell-Adaption „Animal Farm“ (1954), Francis Ford Coppolas Kino-Debüt „Dementia 13“ (1963) oder George A. Romeros Horrorklassiker „Die Nacht der lebenden Toten“ (1969), der infolge einer Unachtsamkeit des Verleihs direkt nach der Premiere unter die Gemeinfreiheit fiel.

Das allerdings sind bei weitem nicht die einzigen cineastischen Schätze, die in den endlosen Weiten des World Wide Web zu entdecken sind: Freunde des Stummfilms werden so etwa auf der Site des gemeinnützigen Internet-Archives fündig, einer in San Francisco ansässigen Organisation, die sich seit 1996 der digitalen Langzeitarchivierung kultureller Dokumente widmet. Dazu zählen auch hunderte Streifen aus der Frühzeit des Zelluloids, darunter die großen expressionistischen Klassiker des Weimarer Kinos wie Robert Wienes „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920) und Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu“ (1922). Eine zahlungswilligere Klientel darf darüber hinaus einen Blick auf die beeindruckende Filmliste von TheAuteurs.com werfen – einem 2007 gegründeten Projekt, das sich in rasantem Tempo zum überzeugendsten Streaming-Anbieter auf dem Gebiet des Autorenfilms gemausert hat. Gegen eine Gebühr von zumeist fünf Euro können dort inzwischen rund 500 Meisterwerke abgerufen werden – von Fellini und Hitchcock über Kubrick und Leone bis hin zu Ozon und Kaurismäki. Mit einer deutschen IP-Adresse hat man indes auch hier noch oft das Nachsehen, da die Zahl in diesem Fall auf rund 150 Produktionen zusammenschrumpft. Etwa im gleichen Mengenbereich bewegen sich derzeit auch die Gratis-Angebote der großen deutschen Streaming-Anbieter. Bei MSN Movies, Videoload und MyVideo muss der Zuschauer zwar Werbeclip-Unterbrechungen in Kauf nehmen, kommt dafür aber in den bequemen Genuss mancher Klassiker wie Godards „Außer Atem“ (1960) oder Roberto Benignis „Das Leben ist schön“ (1999).

Zeit- und ortsungebundener Zugriff

Noch braucht es zwar Geduld, die im Netz zerstreuten Perlen aus über hundert Jahren Filmkunst auf legale Weise aufzuspüren, doch ist eine Verminderung der Mühen deutlich in Sicht: Schon jetzt lässt sich erahnen, dass die Livestream-Technologie sowohl die klassische Videothek als auch das Medium DVD in absehbarer Zeit beerben wird. Die Magie eines dunklen Kinosaals lässt sich natürlich auch so nicht ersetzen. Dafür aber lockt die Möglichkeit eines völlig zeit- und ortsungebundenen Filmzugriffs als außerordentlich reizvolle Perspektive.

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