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Spielfilm zur Staatsaffäre : Ein Spiegel für unsere Zeit

„Die Männer heute sind komplett anders als die Männer damals“, sagt Sebastian Rudolph. Ihm aber gelingt die Verwandlung in Rudolf Augstein anno 1962 spielend Bild: Wiedemann & Berg Film

Die Dreharbeiten zu einem Fernsehfilm über die „Spiegel“-Affäre von 1962 haben begonnen. Es geht dabei um dem Kampf zweier Männer, um Pressefreiheit und Staatsräson. Und um Lehren aus der Geschichte für heute.

          6 Min.

          Rudolf Augstein tippt. Im Zweifingersuchsystem. Und er tippt ziemlich lange. „Wie lang ist der Text?“, fragt jemand. Acht Seiten. Im Heft waren es sogar, mit Bildern und Anzeigen, fünfzehn: „Das Gesicht des Mannes, der mit Vokabeln wie ,totale Vernichtung’, ,selbstmörderisches Risiko’, ,absolute Abschreckung’, ,verbrecherische Dummheit’, ,dynamische Abschreckung’ wie mit Jongleurkugeln um sich wirft, kennt jeder Bewohner der Bundesrepublik“ - Augstein überlegt: Bewohner oder Bürger? -; „das Gesicht des Mannes, von dem Zeitgenossen geschrieben haben, er sehe aus wie ein ,stein of beer’ (,Time’, 19. Dezember 1960), wie ein Maßkrug also, oder, er sei rein äußerlich ,fast genau das, was die Franzosen meinen, wenn sie sachlich boche sagen’“.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Doch Augstein geht nicht nur auf Äußerlichkeiten ein, ihm geht es um das Wesen des Mannes, dessen Antlitz in sechsfacher Ausführung das Stück bebildern wird, an dem der Chef des „Spiegel“ gerade sitzt. Dass die Fotos unvorteilhaft sind, versteht sich. Hier geht es um ein Feindbild, hier geht es um den „Endkampf“ - Mann gegen Mann, Journalist gegen Politiker, Rudolf Augstein gegen Franz Josef Strauß.

          Mobiliar aus der Vorkriegszeit

          Doch es ist nicht Rudolf Augstein, den wir da tippen sehen, es ist der Theaterschauspieler Sebastian Rudolph, den die Kamera lange bei der Niederschrift verfolgt. Er sitzt in einer dunklen Kemenate, die sich gegen die Zellen seiner Mitarbeiter aber noch nobel ausnimmt. Das Augstein-Büro sei quasi eines mit fünf Sternen, sagt der Szenenbildner Knut Loewe. Fünf Sterne heißt: Schreibtisch, Beistelltisch, Chefsessel, Leselampe, Sitzgruppe. Für den heutigen Betrachter sieht Augsteins Büro nach Vorkriegsware aus.

          Und von vor dem Krieg stammen etliche der Möbel, die Loewe im ganzen Land gesammelt hat, um die „Spiegel“-Redaktion einzurichten. Die Redaktion der Jahre 1959 bis 1962 wohlgemerkt, in denen der „Spiegel“ noch nicht in seinem berühmten Gebäude an der Brandstwiete, sondern im Pressehaus am Speersort residierte oder besser gesagt: hauste. 1952 erst war das Magazin von Hannover nach Hamburg umgezogen - ein weiter Weg von dort zum heutigen Redaktionssitz an Hamburgs spektakulärer Ericusspitze.

          Ein Artikel zur Bundeswehr als Auslöser

          In den Räumen der Brooke-Wavell Barracks in Berlin-Spandau, die von der britischen Armee bis 1994 genutzt wurden, lassen sich die späten fünfziger, frühen sechziger Jahre gut nachstellen. Hier haut der gespielte Augstein in die Tasten, hier liefert er sich hitzige Debatten mit seinen Redakteuren, hier wird der Film „Die Spiegel-Affäre“ gedreht. Diese liegt rund fünfzig Jahre zurück, eine Distanz, die der Regisseur Roland Suso Richter aber in filmischen Siebenmeilenstiefeln überwinden will. Er wolle sich nicht auf die Historie setzen, sagt er, „sondern für eine Dynamik sorgen. Ich habe zwei Antagonisten, und die lasse ich aufeinander los.“ In jeder Figur, sagt der Regisseur, wolle er „den Eindruck von Jetzt erzeugen“. Die „Spiegel“-Affäre und jetzt?

          Rückblende: Am 8. Oktober 1962 erschien im „Spiegel“ unter der Überschrift „Bedingt abwehrbereit“ ein Artikel von Conrad Ahlers, in dem dieser die konventionellen Verteidigungsfähigkeiten der Bundeswehr in Zweifel zog. Das Stück war bestens informiert und traf den Verteidigungsminister Franz Josef Strauß ins Mark. Der hatte aus der Übermacht des Warschauer Pakts den Schluss gezogen, die Bundeswehr atomar aufzurüsten.

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