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Spielfilm : Der wahre Held der „Landshut“

Angewidert vom Täterkult

Und dieser Mann, der dem jähzornigen Mahmud Paroli bot - der ihm permanent die Pistole ins Gesicht hielt, mehrmals drohte, ihn zu töten, Passagiere quälte, nach Juden suchte und eine Selektion vornahm -, sollte fliehen wollen? Für Maurice Philip Remy passte das nicht und auch nicht für Monika Schumann, die Frau des ermordeten Piloten. Wer sie besucht, trifft keine verbitterte Witwe, sondern eine starke Frau, die als Redakteurin achtzehn Jahre lang beim Hessischen Rundfunk gearbeitet hat. Eine Frau, die nach Oslo reiste, um die überlebende Terroristin Souhaila Andrawes zu treffen, die sich als Opfer darzustellen suchte und sich an ihr sadistisches Verhalten bei der Entführung nicht erinnern wollte. Eine Frau, die es angenommen hat, dass ihr Mann gestorben ist, weil er bis zuletzt aufrecht die Verantwortung für die Passagiere und die Crew trug.

Was sie nicht hinnimmt, ist die Gleichgültigkeit, die Fixierung auf die Täter, der Verzicht darauf, Schuld zu benennen, wenn es um den Terror geht. Diese Haltung teilt sie mit Remy, den der Täterkult nachgerade anwidert. „Ich kann damit leben, dass er tot ist, aber seine Verantwortung wahrgenommen hat“, sagt Monika Schumann über ihren Mann. „Ich könnte schlecht damit leben, dass er sich auf Kosten anderer gerettet hätte. Damit hätte er auch selbst nicht leben können.“ Das wird ihr von manchen als Härte ausgelegt. In Wahrheit drückt sich darin eine Haltung aus, der Gewalt und dem Unrecht zu widerstehen und sich nicht zu bücken.

„Ich bin sicher, sie werden mich umbringen“

Maurice Philip Remy fand heraus, was Jürgen Schumann in Aden am 16. Oktober 1977 tat: Er verließ das Flugzeug, prüfte das Fahrwerk und ging ins Flughafengebäude, um zu erreichen, dass sie nicht weiterfliegen mussten. Der Mann, mit dem Schumann sprach, den Remy fand und der die Antwort auf die lange offene Frage weiß, heißt Scheich Ahmed Mansur. Er kommandierte als Luftwaffengeneral die Sondereinheit, die damals das Flugzeug umstellt hatte. Schumann, erinnert sich Mansur, der noch heute in Aden lebt, „verlangte, wir sollten auf die Forderungen der Entführer eingehen. Ich sagte ihm: Ich kann jeden anderen Wunsch erfüllen, aber unmöglich den, dass die Passagiere aussteigen und die Entführer von jemenitischem Boden aus verhandeln.“ Schumanns letzte Worte habe er nicht vergessen: „Ich kehre jetzt zurück. Ich bin sicher, sie werden mich umbringen.“ An Bord hatte Schumann keine Gelegenheit mehr, etwas zu sagen, Mahmud brüllte ihn nieder und erschoss ihn sofort.

Es ist elf Uhr abends in Casablanca. Die Schauspieler und das Team verlassen die „Landshut“ mit hochroten Köpfen, erschöpft, aber zufrieden. Sie feiern „Bergfest“ - die Hälfte der Dreharbeiten ist vorüber - und sehen auf einer Leinwand die ersten Szenen. Sie sind von einer realistischen Härte, wie man sie im deutschen Fernsehen selten erlebt. Eine Seifenoper, ein Melodram darf das nicht werden.

„Die Toten haben keine Stimme mehr“, sagt Monika Schumann. Aber sie haben ein Recht, gehört und nicht vergessen zu werden. „Mogadischu“ könnte dazu einen Beitrag leisten, mit einem Schauspieler wie Christian Berkel, der sich dem Bundeskanzler Helmut Schmidt kongenial anverwandelt, mit Herbert Knaup, der die Haltung eines Ulrich Wegener annimmt, und mit Thomas Kretschmann, der jemanden spielt, auf dem, wie der Schauspieler sagt, „die Hoffnungen aller ruhten, von dem alle eine Lösung erwarteten“. Dreißig Jahre hat es gedauert, bis jemand seine Geschichte erzählt.

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