https://www.faz.net/-gqz-167c2

Spielfilm „Der verlorene Vater“ : Manch Schatten fällt auf diese späte Liebe

  • -Aktualisiert am

Für seine Kinder tut Arndt (Edgar Selge) alles - vor allem wenn es um den Kampf gegen seine Ex-Frau geht Bild: © WDR/Thomas Kost

Niemand kann Einsamkeit so authentisch darstellen wie Edgar Selge. Dass „Der verlorene Vater“ die Paraderolle für den Schauspieler bietet, beweist er nun als neurotischer Vater zweier Kinder, der die späte Liebe entdeckt.

          2 Min.

          Arndt Salzbrenner ist ein ganz normaler Mann: Mitte vierzig, verheiratet, zwei Kinder. Von der Mutter seiner Kinder lebt er zwar getrennt, aber es gibt eine neue Frau an seiner Seite. Sie heißt Elke Hagestedt, trägt eine große Brille, arbeitet in einer Behörde und ist gut zehn Jahre älter als ihre Vorgängerin. Manchmal, sagt Elke, sei ihr deswegen seltsam zumute, denn normalerweise seien die zweiten Frauen der Männer ja jünger als die ersten. Aber irgendwann, so erzählt sie einer Freundin, habe sie beschlossen, ihren Träumen nicht mehr hinterherzujagen. Die Träume sollten stattdessen lieber zu ihr kommen. Und siehe da, sie kamen - eben in Gestalt von Arndt.

          Lena Bopp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Dies könnte also eine schöne, späte Liebesgeschichte werden. Aber dass die Dinge anders laufen als geplant, versteht sich wieder einmal von selbst. Und wie bei vielen Paaren, die sich in der zweiten Lebenshälfte begegnen, liegen auch die Schwierigkeiten von Arndt und Elke (Ulrike Krumbiegel) in der Vergangenheit, und zwar vor allem in seiner. Arndt (Edgar Selge) kann sich ein Leben ohne seine von ihm getrennt lebende Frau Bettina (Jeanette Hain) zwar gut vorstellen, aber er hängt an seinen Kindern wie an nichts sonst. „Entscheidend ist“, sagt er zu Elke, „dass ich ohne dich nicht leben kann und nicht ohne die Kinder. Und ich werde alles tun, damit das zusammengeht.“

          Überspannter Neurotiker auf Recherche-Trip

          Dass dieses schöne Versprechen allerdings auch bedeuten würde, den Sohn David (Louis Hofmann) von der Schule abzuholen, ohne dessen Mutter davon in Kenntnis zu setzen, konnte Elke nicht ahnen. Auch dass Arndt versucht, über die Nachbarn seiner Exfrau etwas über deren Umgang mit den Kindern zu erfahren - Arndt sagt, er habe ein bisschen „recherchiert“ -, findet Elke seltsam. Und als er dann ein ums andere Mal vollkommen die Beherrschung verliert, hat Elke das Gefühl, etwas tun zu müssen. Arndt sagt zwar, er brauche bedingungslose Unterstützung im Kampf gegen seine Ex-Frau, die er als Alkoholikerin bezeichnet. Aber Elke möchte Bettina trotzdem wissen lassen, dass sie nicht vorhat, den Kindern die Mutter zu ersetzen. Das klingt gut, und so ist es auch gemeint, aber bei ihrem heimlichen Besuch bei Bettina erfährt Elke ein paar Dinge über ihren neuen Lebensgefährten, die sie noch nicht wusste und vermutlich auch nicht wissen wollte. Und dann kommt der Zweifel.

          Dass sich Elke (Ulrike Krumbiegel, r.) in einen Neurotiker verliebt hat, wird ihr erst später bewusst
          Dass sich Elke (Ulrike Krumbiegel, r.) in einen Neurotiker verliebt hat, wird ihr erst später bewusst : Bild: © WDR/Thomas Kost

          Elke begreift, dass sie sich eines Tages wird entscheiden müssen. Sie, die noch immer peinlich berührt ist, wenn sie Bekannten erklären muss, dass sich eigene Kinder einfach „nicht ergeben“ hätten, schwankt lange zwischen der Loyalität gegenüber Arndt und ihrem gesunden Menschenverstand. Oft lässt die herausragende Ulrike Krumbiegel ihre Figur dabei aussehen, als breche sie jeden Augenblick unter der Last der unerhörten Ereignisse zusammen, aber nur um sie im nächsten Moment als resolute kleine Person zu präsentieren, deren Lächeln verrät, dass sie keineswegs so willenlos ist, wie es scheint.

          Ihr zur Seite darf sich der kongeniale Edgar Selge einmal mehr in der Rolle des überspannten Neurotikers zeigen. Dass ihm dieser Part liegt, hat er schon öfters bewiesen. In „Der verlorene Vater“ (Regie: Hermine Huntgeburth; Drehbuch: Daniel Nocke) aber zeigt er noch mal, warum wir ihn als Kommissar Tauber im „Polizeiruf 110“ so sehr vermissen: weil niemand die Einsamkeit so darstellen kann wie er. Einen besseren Partner hätte Ulrike Krumbiegel nicht finden können. Die beiden sind das Traumpaar des Abends - in jeder Hinsicht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der texanische Rancher Tony Sandoval steht im März vor einem Abschnitt der Grenzmauer zu Mexiko.

          Migration in die USA : Texas will Trumps Mauer bauen

          Private Spender sollen helfen, in Texas Grenzanlagen zu Mexiko zu finanzieren. Mit der „Mauer“, die Donald Trump seinen Anhängern einst versprach, machen nun auch andere Politik.

          Livestream : Welche Gefahr geht von der Delta-Variante aus?

          Wie entwickeln sich die Infektionszahlen? Wie läuft die Impfkampagne? In Berlin äußern sich Gesundheitsminister Jens Spahn und der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler zur aktuellen Corona-Lage.
          Mette Frederiksen, die Ministerpräsidentin von Dänemark, verkündet mit Vorsitzenden der Parteien einen Wiedereröffnungsplan nach dem Corona-Lockdown

          Dänische Sozialdemokratie : Dänemark zuerst bedeutet Europa zuletzt

          Begriffe wie „internationale Verpflichtungen“, „Konventionen“ und „Menschenrechte“ sind von vornherein negativ besetzt: Vom unheimlichen Schmusekurs der dänischen Sozialdemokratie mit rechtspopulistischen Wählern.
          Michał Dworczyk am 16. Juni in Warschau

          Hackerangriff in Polen : Die Mails vom falschen Konto verschickt

          Michał Dworczyk, der Amtschef des polnischen Ministerpräsidenten, hat zahlreiche dienstliche E-Mails von seinem privaten Konto verschickt. Die erscheinen nun fortlaufend auf Telegram. Der Spott der Opposition ist groß.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.