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„Spiegel“ will Claus Kleber : Mit dem Zweiten fährt man besser

Vom „heute-journal” zum „Spiegel”: Claus Kleber Bild: picture-alliance/ dpa

Ihn hatten nur Insider auf der Rechnung: Claus Kleber soll Chefredakteur des „Spiegel“ werden. Der Nachrichtenmann des ZDF wird sich bei dem Magazin wohl auch in der Rolle beweisen müssen, die er den Zuschauern zeigt: als Moderator.

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          Das ZDF muss sich bald einen neuen Nachrichtenmoderator und Redaktionschef suchen, denn der „Spiegel“ hat einen neuen Chefredakteur gefunden. Und zwar einen, den nur Insider auf der Rechnung hatten. Zum Schluss waren er und der Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“, Uwe Vorkötter, noch im Kandidatenrennen. Es ist zwar noch nicht offiziell, aber aller Voraussicht nach wird die Redaktion des „Spiegel“ künftig geführt von - Claus Kleber.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Als stellvertreter Chefredakteur soll Matthias Müller von Blumencron neu hinzukommen, der bisherige, sehr erfolgreiche Chefredakteur von „Spiegel Online“. Martin Doerry, der bereits stellvertretender Chefredakteur ist, macht weiter. Darauf haben sich die beiden Hauptgesellschafter des „Spiegel“, die Mitarbeiter KG (50,5 Prozent), und der Verlag Gruner + Jahr (25,5 Prozent) am Freitagnachmittag verständigt. Die Erben des Magazingründers Rudolf Augstein jedoch sollen die Entscheidung für Kleber dem Vernehmen nach nicht mittragen. Eine zweite Abstimmung soll ohne Ergebnis geblieben sein: über die Zukunft des Geschäftsführers Mario Frank.

          Für Kleber verändert sich nicht nur die Sendeform

          Der Beschluss, Claus Kleber als Chefredakteur zu verpflichten, wird zumindest in der Redaktion für eines sorgen: für Beruhigung. Auch wenn er nicht einstimmig, sondern nur mit der erforderlichen Dreiviertelmehrheit der Gesellschafter erfolgt. Denn seit bekanntgeworden ist, dass der Vertrag des Chefredakteurs Stefan Aust nicht über den 31. Dezember 2008 hinaus verlängert wird, ist der „Spiegel“ heftig ins Schlingern geraten.

          Doch haben alle - man muss sagen - in der Republik, ein Interesse am Gegenteil. An einem starken „Spiegel“, an einem Magazin, das wirkungsvoll ist, das dem Diktum des Gründers Rudolf Augstein entspricht, ein „Sturmgeschütz der Demokratie“ darstellt und keine Gulaschkanone.

          Dafür soll nun Claus Kleber sorgen, den man für seinen Mut, die Aufgabe zu übernehmen, bewundern darf. Dass er moderieren kann, wissen wir. Er hat es als Anchorman des ZDF im „heute journal“ zum Aushängeschild des Senders und immerhin so weit gebracht, dass Harald Schmidt sich in seiner Show im Ersten mit Klebers Körperhaltung befasst. Jetzt muss er noch beweisen, dass er nicht nur die Redaktion einer Nachrichtensendung, sondern auch die eines Nachrichtenmagazins leiten kann. Mit seinem Wechsel von Mainz nach Hamburg verändert sich für ihn nicht nur die Sendeform.

          Astronaut? Pilot? Journalist!

          Das ZDF, dessen Fernsehrat sich gestern traf, um übers Internet zu beraten, dürfte Klebers Abgang hart treffen. Man hatte schließlich lange um ihn gebuhlt, bevor man ihn 2003 bei der ARD loseiste, für die er zuletzt als Korrespondent in Washington und dann in London gewirkt hatte. Als Junge wollte Claus Kleber Astronaut werden, dann Pilot (Siehe auch: Claus Kleber: Der Korresponaut), doch machte er schon in Schülertagen Bekanntschaft mit seinem späteren Beruf und arbeitete in der Redaktion des „Kölner Stadt-Anzeigers“.

          Er studierte Jura, arbeitete als Anwalt, schrieb eine Dissertation über den privaten Rundfunk (damals ein Zukunftsthema), wechselte 1985, mit dreißig Jahren, in den Journalismus und fing beim Radio des Südwestfunks an, schon ein Jahr später ging er als Radiokorrespondent nach Washington, 1989 wurde er Chefredakteur des Rias in Berlin. Von da ging es für Kleber 1992 zum ARD-Fernsehen, für das er ebenfalls wieder aus der amerikanischen Hauptstadt berichtete, von 1997 an bis 2002 leitete er dort das Studio, ging nach London und dann zum ZDF, wo er die Redaktion der Hauptnachrichtensendung „heute journal“ leitet und moderiert.

          „Nur“ Anchorman wollte Kleber nie sein

          Ob Kleber die Mondrakete, die als Bausatz in seinem Mainzer Büro liegt, inzwischen ausgepackt und zusammengesetzt hat, wissen wir nicht. In Hamburg jedenfalls wird er beim „Spiegel“ in eine neue Umlaufbahn geschossen. Er wird dafür sorgen müssen, dass die Redaktion wieder zu sich findet, dass die Ressorts ihr Profil stärker herausbilden. Und für eines sollte er vor allem sorgen: dass es im „Spiegel“ wieder Leitartikel und Kommentare gibt, die als solche zu erkennen sind. Die Redakteure müssen zeigen, wer bei diesem „Sturmgeschütz“ für die scharfe Munition und für die Treffer sorgt.

          Sein nicht nur auf dem Bildschirm gewinnendes Wesen und seine Weltgewandtheit und die Erfahrung als Korrespondent werden Kleber helfen. Auch sollte man die Entscheidung für ihn nicht vorschnell als eine gewissermaßen „amerikanische“ ansehen und vermuten, nur die Popularität durch das Fernsehen habe den Ausschlag gegeben. In seiner - zwar ungleich kleineren - Redaktion in Mainz gibt Kleber den Ton vor und treibt seine Leute an, seine persönlichen journalistischen Ambitionen hat er dabei nie ruhen lassen, sie finden ihren Niederschlag in sehr beachtlichen großen Reportagen, die ihn ebenfalls in alle Welt geführt haben.

          „Nur“ Anchorman, nur Aushängeschild, wollte Claus Kleber nie sein, auch der Glamour, mit dem sich das Fernsehen gerne umgibt, ist nur in Maßen seine Welt. Er ist ein umtriebiger und ambitionierter Journalist. Für ein Magazin wie den „Spiegel“, das seine aktuelle Stärke auch aus der vom jetzigen Chefredakteur Stefan Aust aufgebauten Fernsehtochter „Spiegel TV“ und dem marktführenden Internetauftritt „Spiegel Online“ bezieht, sind das durchaus keine schlechten Voraussetzungen.

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