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„Spiegel“ sucht neuen Chef : Lieb, links und auf der Liste

Die „Spiegel”-Gruppe weiß zwar schon, wie ihr neues Heim aussehen, aber noch nicht wer der neue Chef-Redakteur sein soll Bild: picture-alliance/ dpa

Bei der Suche nach einem Nachfolger von Stefan Aust zeigen die Verantwortlichen vom „Spiegel“ keine souveräne Haltung. Selbst „Spiegel“-Mitarbeiter sind irritiert, wie sich die Gesellschafter bei der Suche nach einem neuen Chef anstellen.

          Verhuschte Gestalten, hektisches Abwinken, bloß sagen, dass man nichts sagt: Das NDR-Medienmagazin „Zapp“ brachte diese Bilder von der Pforte der Hamburger „Spiegel“-Zentrale, und das Herz konnte einem schwer werden, kannte man das Draufhalten auf störrisch verschwiegene Mitarbeiter doch aus den Sternstunden von „Spiegel-TV“, wenn die Kollegen irgendeiner Lebensmittelschweinerei auf die Spur gekommen waren.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nun steht der weltweit als unerschütterliches Instrument der Aufklärung geachtete „Spiegel“-Verlag selbst im Fokus der Aufmerksamkeit, verbindet sich mit der Personalkrise doch die Sorge, die Unabhängigkeit des Blattes könne durch die unklaren Machtverhältnisse in Gefahr geraten. Die jetzigen Gesellschafter haben keine gemeinsame Linie und scheinen sich gegenseitig nicht zu trauen. Ist dies, die Ablösung des letzten noch von Rudolf Augstein selbst eingesetzten Chefredakteurs, der Beginn einer strukturellen Krise und somit gar das Einfallstor für einen neuen Eigentümer?

          Die „Spiegel“-Leute sind in der Klemme: Einerseits dem Prinzip der Aufklärung und der Öffentlichkeit verpflichtet, sind sie doch vertraglich dazu angehalten, über Interna Stillschweigen zu bewahren. So sind ausgerechnet die „Spiegel“-Produkte, selbst „Spiegel Online“, frei von Nachrichten über das Thema, welches das Land weit über die Branche hinaus bewegt. Die Frage ist, warum niemand für diesen Krisenfall vorgesorgt hatte? Und warum man nicht gewartet hat, bis der Nachfolger gefunden war?

          Die Quittung

          Dass Stefan Aust die Fußstapfen des „Spiegel“-Gründers Rudolf Augstein ganz gut ausfüllen konnte, das streiten ja selbst die Leute nicht ab, die ihn nun aus dem Amt gejagt haben. Was sie ihm vorwerfen, klingt eher nach akuten als nach chronischen Beschwerden: Die Titel seien immer schlechter geworden, rückwärtsgewandt, nur noch auf Jahrestage und Jubiläen ausgerichtet. Dass sie sich aber verkauft haben, ja dass es dem „Spiegel“ insgesamt so gut geht wie selten in seiner Geschichte, das ist anscheinend Glück. Oder Schicksal. Oder irgendetwas anderes als der Erfolg des Stefan Aust.

          Ganz offensichtlich konnte nicht einmal der Blick der Mitarbeiter auf ihre jährlich steigenden Dividenden dazu beitragen, sich die Aversionen gegen ihren Chef noch zwei weitere Jahre gut bezahlen zu lassen. Als „Sollbruchstelle“ im Vertrag hat der „Spiegel“-Minderheitsgesellschafter Jakob Augstein im Gespräch mit dieser Zeitung den jetzigen Zeitpunkt beschrieben. Dass Aust in letzter Zeit die Kommunikation mit dem Geschäftsführer Mario Frank verweigerte, den ihm die Mitarbeiter KG Anfang des Jahres vorgesetzt hatte, lässt sich womöglich nachvollziehen: wenn man, nur zum Beispiel, den Gerüchten Glauben schenkt, wonach einer von Franks Helfern als erste Amtshandlung die Spesenquittungen Austs aus den letzten dreizehn Jahren durchforstet habe. Als Kitt für ein zerrüttetes Verhältnis funktioniert ein derart abweisendes Verhalten trotzdem kaum - nicht nur, weil es dem Verlag Gruner + Jahr, dem Frank freundschaftlich verbunden ist, die Solidarität mit der Mitarbeiter KG nicht unbedingt schwerer macht.

          Die Eigentümerstruktur macht diesen Fall wirklich singulär. In keiner Zeitung der Welt wird der Chefredakteur von den Redakteuren gewählt. Nicht einmal Aust hätte zu Beginn eine Mehrheit gehabt. Augstein trat damals mit der Frage an die Mitarbeitervertreter heran, ob sie denn einen Kandidaten für den Chefposten hätten; als sie verneinten, benannte er Stefan Aust.

          Der Bessere

          Fassungslos sieht man den uneinigen Eigentümern nun bei der Suche nach einem Nachfolger zu. Auch unter den „Spiegel“-Mitarbeitern gibt es viele, Redakteure, Korrespondenten, Ressortleiter, die nicht glauben können, was in den vergangenen Tagen passierte: nicht die Namen auf der Liste möglicher Nachfolger, nicht das Verfahren, mit dem man einen neuen Chef sucht, und am wenigsten die Orientierungslosigkeit, die das alles offenbart. Ist euch eigentlich klar, fragen sie ihre Kollegen, wie gut Aust war? Wie „genial“ (ein Ressortchef), wenn es darum ging, nicht nur das richtige Titelthema, sondern auch Bild, Grafik, Titelzeile zu finden. Das (sagt zum Beispiel sein Stellvertreter Joachim Preuß, der schon angekündigt hat, mit Aust gemeinsam abzutreten) mache ihm keiner nach.

          Aber vor allem: Wenn ihr Aust schon stürzt - habt ihr einen Besseren?

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