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Bericht zu „Spiegel“-Skandal : „Ein verheerendes Bild“

  • Aktualisiert am

Erst der Anfang: Dem „Spiegel“ stehen grundlegende Neuerungen bevor. Bild: Picture-Alliance

Fünf Monate nach dem Bekanntwerden seines Fälschungsskandals hat der „Spiegel“ den Abschlussbericht seiner internen Untersuchung vorgelegt. Er offenbart eine Verkettung missachteter Warnungen.

          Fünf Monate lang hat eine Aufklärungskommission beim „Spiegel“ die Fälschungen von Claas Relotius aufgearbeitet. Jetzt liegt ein Abschlussbericht des Betrugsfalls vor. „Es wurden keine Hinweise darauf gefunden, dass jemand im Haus von den Fälschungen wusste, sie deckte oder gar an ihnen beteiligt war“, schreiben Steffen Klusmann, „Spiegel“-Chefredakteur, und Geschäftsführer Thomas Haas in einem dem Bericht vorangestellten Brief an die Leser.  

          Weiter heißt es: „Wir haben uns von Relotius einwickeln lassen und in einem Ausmaß Fehler gemacht, das gemessen an den Maßstäben dieses Hauses unwürdig ist“. Die Verantwortlichen seien, als erste Zweifel aufkamen, „viel zu langsam in die Gänge gekommen“ und hätten den Lügen des ehemaligen Reporters zu lange geglaubt. „In seiner Verdichtung zeichnet der Bericht da ein verheerendes Bild.“

          Zur Kommission gehörten Stefan Weigel, Nachrichtenchef des „Spiegel“, Clemens Höges, Blattmacher und inzwischen Mitglied der Chefredaktion sowie die frühere Chefredakteurin der „Berliner Zeitung“, Brigitte Fehrle. Ihre Aufgabe war es, die Fehler einzelner „Spiegel“-Mitarbeiter aufzuklären, systemische Ursachen für den Betrug zu prüfen, festzustellen, ob es vergleichbare Fälle gab und Verbesserungsvorschläge zu machen.

          „Geradezu verehrt“

          In dem siebzehnseitigen Bericht wird Claas Relotius als taktisch handelnder, geschickt Unstimmigkeiten vertuschender Redakteur beschrieben: Er habe die „Spiegel“-Dokumentare gezielt auf nebensächliche Details gelenkt, Kollegen mit seinen Selbstzweifeln konfrontiert und die Veröffentlichung von Leserbriefen verhindert. Der ehemalige Chefredakteur Klaus Brinkbäumer wird im Bericht mit den Worten zitiert, die Leitung des Gesellschaftsressorts, in dem Relotius veröffentlichte, habe ihn „geradezu verehrt“, man nannte ihn ein „Jahrhunderttalent“.

          Drei deutliche Warnungen vor Relotius‘ fragwürdigen Recherchen gab es nach Einschätzung der Kommission: Einen an den Leiter des Gesellschaftsressorts gerichteten Leserbrief, der sich auf die Geschichte „Blindgänger“ über eine Britin bezog, die jahrelang eine Weltkriegsgranate in einer Vase in ihrer Wohnung aufbewahrte. Offenbar hatte Relotius diverse Details aus britischen Zeitungen abgeschrieben. Die zweite Warnung, ein Hinweis aus der TV-Redaktion des „Spiegels“, dass Recherchen vor Ort ergeben hätten, etwas stimme mit den Protagonisten von Relotius‘ Reportage „Löwenjungen“ nicht, soll die Leitung des Gesellschaftsressorts ebenfalls erreicht haben. Wen und wann, blieb allerdings unklar. Auf die dritte Warnung, die Recherchen von Relotius‘ „Spiegel“-Kollegen Juan Moreno im Zusammenhang mit der Reportage „Jaegers Grenze“, wurde schließlich reagiert. Allerdings schoben sich die Vorgesetzten die Verantwortung offenbar immer wieder gegenseitig zu, bis man sich dem Fall annahm.

          Nur ein Gezänk

          Zwei Wochen nach Eingang von Morenos ersten Indizien erschien im Gesellschaftsressort eine von Relotius in wesentlichen Teilen gefälschte Titelgeschichte zum Thema Klimawandel. Damals, so die Bewertung der Kommission, hätte bereits klar sein müssen, dass es der „Spiegel“ bei Relotius mit einem Betrüger zu tun hatte. „Der Fall wurde behandelt, als ginge es nur um Gezänk zwischen einem freien Kollegen und dem Nachwuchsstar des Ressorts – und nicht um einen Verdacht, der dem ganzen Unternehmen schaden könnte“, heißt es in dem Bericht.

          Um zu verhindern, dass es zu vergleichbaren Fällen kommt, will der „Spiegel“ eine unabhängige Ombudsstelle einrichten, die Hinweisen auf Ungereimtheiten nachgehen soll. „Derzeit tagen im Haus unter dem Titel ‚Spiegel-Werkstatt‘ verschiedene Arbeitsgruppen, die sich mit der Fortentwicklung von Erzählstandards, Recherchestandards und Verifikationsregeln beschäftigen“, schreibt die Kommission. Zu den Neuregelungen journalistischer Standards gehört etwa, Geschichten ohne Klarnamen nur in Ausnahmefällen zu erlauben, wenn die Namen der Ressortleitung bekannt seien, von Reportern zu verlangen, dass sie ihre Recherchen lückenlos dokumentieren und in ihren Geschichten immer mehrere Perspektiven einnehmen.

          „Wenn all das den ‚Spiegel‘ besser macht“, schreiben Steffen Klusmann und Thomas Haas, „stellen sich die Betrügereien von Claas Relotius rückblickend betrachtet vielleicht als heilsamer Schock heraus.“ Die Aufarbeitung indes solle weitergehen.

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