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Marie Sophie Hingst Ende 2018 in Berlin. Am 12. Juli 2019 wurde sie tot in ihrer Wohnung in Dublin gefunden. Bild: dpa

Tod von Bloggerin : „Spiegel“-Journalist verteidigt Enthüllungsgeschichte

  • Aktualisiert am

War es richtig, über die Bloggerin Marie Sophie Hingst und ihre erfundene Familiengeschichte zu berichten? Der „Spiegel“-Journalist Martin Doerry erklärt, warum er über die junge Frau, die Mitte Juli gestorben ist, geschrieben hat.

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          Nach dem Tod der Bloggerin Marie Sophie Hingst hat sich der Journalist Martin Doerry im „Spiegel“ die Frage gestellt, ob er richtig war, über deren erfundene Familiengeschichte zu berichten – und sich und seine Berichterstattung verteidigt. „Der Tod der Historikerin Marie Sophie Hingst bewegt mich Tag und Nacht“, schreibt Doerry.

          Doerry hatte am 1. Juni dieses Jahres in einer aufwendig recherchierten „Spiegel“-Geschichte aufgedeckt, dass Marie Sophie Hingst erfundene Geschichten über eine jüdische Familienbiografie verbreitet und in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem eine gefälschte Opferliste mit zweiundzwanzig Namen hinterlegt hatte. Historiker und Archivare, die den Angaben zu der ermordeten Familie nachgegangen waren, hatten sich an das Magazin gewandt. Mitte Juli starb Hingst: Sie wurde in ihrer Wohnung in Dublin aufgefunden.

          „Selbstbewusst und konzentriert“

          In seiner Erklärung im „Spiegel“-Artikel schreibt Doerry von einem „zufällig zustande gekommenen Rechercheteam“, dem Unstimmigkeiten in Hingsts Blog aufgefallen seien. Man habe sie damals bereits dazu aufgefordert, die Einträge in Yad Vashem zu löschen. Weil Hingst empört reagiert und nichts unternommen habe, sei Doerry kontaktiert worden, weil er im Jahr zuvor über den Hochstapler und ehemaligen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Pinneberg, Wolfgang Seibert, berichtet hatte. Seibert hatte sich ebenfalls Holocaust-Opfer in seiner Familie ausgedacht.

          Doerry traf Hingst in Dublin. Anstoß hatte unter anderem der Vorwurf erregt, er habe angekündigt, mit Hingst über ihren Bildband „Kunstgeschichte als Brotbelag“ sprechen zu wollen – und sie dann unvermittelt mit ihrer jüdischen Familiengeschichte konfrontiert. Der Berliner Korrespondent der „Irish Times“, Derek Scally, traf Hingst eine Woche nach der Veröffentlichung der Recherche und verzichtete auf eine Berichterstattung. Die Bloggerin sei in einer katastrophalen psychischen Verfassung, hilflos und verwirrt gewesen. Sie habe sich, so ihre eigenen Worte, von der „Spiegel“-Geschichte „wie bei lebendigem Leibe gehäutet gefühlt.“

          Doerry gibt jedoch an, Hingst habe vor der Publikation des Artikels „selbstbewusst und konzentriert“ reagiert. Sie sei kämpferisch und entschlossen gewesen. „Wir haben zwar dieselbe Person getroffen, aber in zwei völlig unterschiedlichen Lebenssituationen.“ Wenn sie während oder nach der Konfrontation angekündigt hätte, ihre Geschichte öffentlich zu korrigieren, wäre der Artikel in dieser Form nicht erschienen, so Doerry. Stattdessen habe sie acht Tage ungenutzt verstreichen lassen und auch einen Fragenkatalog nicht genutzt, um sich in Ruhe zu den Vorwürfen zu äußern.

          Die vehemente Kritik an seiner Berichterstattung „irritiere“ und „verstöre“ ihn, schreibt Doerry. Hingsts Legenden müssten von tatsächlichen Holocaust-Überlebenden und ihren Familien als Verhöhnung der Opfer empfunden werden und lieferten Holocaust-Leugnern gefährliche Argumente: Wenn manche Schicksale erfunden seien, könnten es auch andere sein.

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