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Spiegel-Chefs auf Abruf : Erst das Gerücht, dann der Vollzug?

Welchen Kurs man in dieser für alle Verlage zukunftsentscheidenden Frage auch einnimmt - es wäre an der Geschäftsführung, für den einen oder anderen Weg zu votieren und dann im Zweifel auch eine Personalentscheidung zu treffen. Beim „Spiegel“ läuft es anders: Es gibt keinen klaren Kurs in der Sache, dafür wird beiden Chefredakteuren der Stuhl vor die Tür gesetzt beziehungsweise man lässt von außen andeuten, dass für sie kein Bleiben sei.

Jeder zahlende Leser ist ein Gewinn

Und dabei werden dann noch Dinge herumgereicht, die den beiden Journalisten zum Nachteil gereichen sollen. Mascolo - einer der herausragenden Rechercheure des Landes, Antreiber und Talentförderer - habe einen ruppigen Führungsstil und es nicht vermocht, den Rückgang der Auflage zu stoppen, heißt es. Eine Auflage, die beim „Spiegel“ wohlgemerkt zwar nicht mehr bei einer Million Exemplare, aber bei knapp 900.000 Stück liegt. Was in Zeiten allgemein sinkender Auflagen immer noch sensationell ist.

Die Entscheidung, den „Spiegel“ zu abonnieren oder für 4,20 Euro am Montag am Kiosk zu kaufen, ist im Jahre 2013 ganz anders zu bewerten als in den Jahren 2003, 1993, 1983 oder 1973 - in einer Welt, in der einem permanent weisgemacht wird, Qualitätsinformation gebe es für lau. Wer glaubt, diese Entwicklung lasse sich mit zwei, drei tollen Titelgeschichten umkehren, lügt sich in die Tasche. Jeder einzelne Leser, der sich für die Einsicht gewinnen lässt, dass Journalismus seinen Preis hat und keine kostenlose Beilage ist, ist heute ein Gewinn.

Von dem anderen „Spiegel“-Chefredakteur, Mathias Müller von Blumencron, von dem es nun heißt, er sei ein „Stalinist“ der Kostenloskultur (was Quatsch ist), wird man sagen dürfen, dass er den erfolgreichsten Online-Auftritt der deutschen Presse überhaupt auf die Beine gestellt hat (nur „Bild“ hat online mehr Leser, allerdings mit einem ganz anders gearteten Angebot) - ein innovativer, wie besessen rund um die Uhr rotierender und auch noch umgänglicher Schwerstarbeiter. Dessen Redaktion seit einigen Jahren schon einen Gewinn erwirtschaftet und auch im für die meisten Verlage krisenhaften Jahr 2012 den Umsatz steigerte. Was nun offenbar nicht mehr so ins Gewicht fällt.

Die Geschichte wiederholt sich

Dass Mascolo und Blumencron nicht so recht miteinander können und sich als Doppelspitze seit ihrem Antritt im Jahr 2008 schwertun, was unter anderem dazu geführt hat, dass ihre Befugnisse vor zwei Jahren aufgeteilt wurden - Mascolo steht für das Printprodukt, Blumencron verantwortet den Online-Auftritt -, lässt sich nicht bestreiten. Doch wäre es ein Armutszeugnis, würde die Entscheidung über die redaktionelle Führung dieses Leitmediums am Ende darauf reduziert.

Schon beim Abgang des früheren Chefredakteurs Stefan Aust, bei dem dessen unbestrittene Verdienste kleingeredet wurden, hat der „Spiegel“ gezeigt, wie man es besser nicht macht. Die Geschichte wiederholt sich. Und diejenigen, die nun schon als Chefredakteur(in) oder Herausgeber(in) gehandelt werden, treten mit einer tonnenschweren Hypothek an, die schon auf Blumencron und Mascolo lastete. Sie lautet: Im Zweifel ist der Journalist nicht nur verantwortlich für sein eigenes Metier, sondern für sämtliche Fragen, auf die alle anderen keine Antwort haben.

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