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Spendabler Polizist : Ein Bild geht um die Welt

  • -Aktualisiert am
Kleine Geste, große Wirkung: Ein Schnappschuß aus New York
          3 Min.

          Der rote Mantel musste zwar ein paar schwarzen Stiefeln weichen. Aber sonst liest sich die Geschichte in der „New York Times“ wie der Gründungsmythos eines amerikanischen heiligen Martin: „In einer kalten Novembernacht ging der Polizist Lawrence Deprimo gerade Hinweisen zur Terrorismusbekämpfung nach, als er am Times Square auf einen alten, barfüßigen Obdachlosen traf. Der Polizist verschwand kurz und kam dann mit einem neuen paar Schuhe zurück, kniete nieder und half dem Mann in seine neuen Stiefel.“ Es ist eine kleine Geste der Menschlichkeit von jemandem, vom dem man sie vielleicht nicht erwartet hätte.

          Sie wäre unsichtbar geblieben, wie viele andere auch, wenn nicht Jennifer Foster aus Arizona zu Thanksgiving nach New York gekommen wäre. Wenn sie nicht zufällig einen Polizisten als Vater gehabt hätte, der in ihrer Kindheit in Phoenix selbst Obdachlose mit Essen versorgte. Foster erinnerte sich daran und drückte auf den Auslöser ihres Handys, als Deprimo mit den neuen Stiefeln neben dem Obdachlosen kniete. Damit bescherte sie der New Yorker Polizei den größten PR-Coup der vergangenen Jahre: Seitdem das NYPD das Foto am Mittwochabend auf ihre Facebook-Seite stellte, haben mehr als dreihunderttausend Menschen auf „Gefällt mir“ geklickt, mehr als siebzigtausend das Foto mit ihren Freunden geteilt.

          Unerwartetes Samariter-Image

          Mittlerweile haben Millionen das Bild gesehen, weil sich im Netz nicht die Botschaften großer Social-Media-Kampagnen, sondern die kleinen, überraschenden Momente verbreiten, bei denen man kurz gemeinsam staunt. Ein „herzerwärmender Moment“, so lautet der häufigste der rund zwanzigtausend Kommentare, und: Es sei schön, die „Hilfsbereitschaft einer Polizei zu sehen, die man sonst von gegenteiligen Szenen kennt“. Tief im kollektiven Netz-Gedächtnis sind noch die Bilder vom gewaltsamen Vorgehen der Polizei gegen die Occupy-Proteste in New York abgespeichert. Besonders eines hielt sich über mehrere Wochen: Ein Polizist schlendert langsam auf friedliche Studenten zu, greift ansatzlos zu seiner Pfefferspraydose und sprüht den Reizstoff in die Augen der Demonstranten.

          Die Sogwirkung solcher zufällig aufgenommenen Szenen ist nicht zu unterschätzen. Doch dass solche Bilder auch „viral“ funktionieren, dass sich ihr Inhalt in den sozialen Netzen so schnell verbreitet wie ein Virus, das hat nicht nur die Pressestelle der NYPD überrascht. Denn eigentlich wollte es Jennifer Foster gar nicht so weit kommen lassen. Sie selbst ist nicht einmal bei Facebook registriert und hatte dem NYPD das Foto nach ihrer Rückkehr per E-Mail geschickt. Die Pressesprecherin hatte das Potential des Schnappschusses schnell erkannt und es nach einer kurzen Nachfrage online gestellt.

          Auch der fünfundzwanzigjährige Polizist Deprimo war zunächst irritiert, als er das Foto auf einmal im Internet sah, nahm sein neues Samariter-Image aber schnell an und erzählte die Geschichte auf Medienanfrage weiter. Demnach fragte er den Obdachlosen nach seiner Schuhgröße und ging dann in den nächsten Schuhladen. Der Verkäufer gewährte Deprimo seinen Mitarbeiterrabatt auf die neuen Stiefel, er bekam sie für fünfundsiebzig statt hundert Dollar.

          Obdachlose bleiben namenlos

          Sind der Polizist und der Ladenverkäufer damit selbst schon Occupy-Aktivisten? Denn längst ist das Label „Occupy“ zu einer neuen Chiffre für die gegenseitige Hilfe geworden. „Occupy Sandy“ nannte sich ein erstes loses nachbarschaftliches Hilfsnetzwerk, das auch in New York zur Stelle war. Ist es so, wie Occupy-Vordenker David Graeber beständig wiederholt, dass der Markt diese Hilfsbereitschaft gefrieren lässt - wie der kalte Winter eben?

          Wem Deprimos Tat zu optimistisch vorkommt, sei hier noch auf einen anderen Fall aus dem vergangenen Winter verwiesen, in dem das Internet für einen anderen „herzerwärmenden“ Augenblick sorgte. Im Januar war der ebenfalls obdachlose Ted Williams mit einem handbemalten Pappschild in Ohio auf der Suche nach Arbeit. Nachdem einem Videofilmer seine unglaubliche Stimme aufgefallen war, luden die zwei sofort ein Bewerbungsvideo auf Youtube hoch, das binnen weniger Tage ein paar Millionen Klicks erhielt. Williams bekam eine Reihe von Jobanfragen, Auftritten im Radio und im Fernsehen und hat in diesem Jahr ein Buch geschrieben. Titel: „Eine goldene Stimme: Wie mir Glaube, harte Arbeit und Bescheidenheit von der Straße zur Erlösung verhalfen“.

          Doch in den meisten Geschichten haben Obdachlose eben keine Namen und bleiben auch im Internet unsichtbar. Das ist auch bei der Geschichte des amerikanischen heiligen Martin so: Zwar wollte ihm Deprimo noch einen Kaffee anbieten, doch sobald er die Schuhe anhatte, verschwand er in der kalte Nacht.

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