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Spektakulärer Briefwechsel : Rudolf Augstein rief Carl Schmitt zu Hilfe

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War offenbar weniger „links” als alle dachten - Rudolf Augstein 1963 Bild: dpa

Im Nachlass des verfemten Staatsrechtlers Carl Schmitt ist unerwartet ein Briefwechsel mit dem „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein aufgetaucht, der diesen in ein neues Licht rückt. Die Hintergründe von Lutz Hachmeister und Stefan Krings.

          Eigentlich waren sie für Samstagabend verabredet. Carl Schmitt wartete an jenem 18. Oktober 1952 allerdings vergeblich auf seinen Gast. Erst am folgenden Vormittag traf Rudolf Augstein im sauerländischen Plettenberg ein - in Begleitung einer jungen Journalistin. Eine Autopanne habe die beiden zu einer Zwischenübernachtung gezwungen, wie Augstein in einem kurzen Telegramm mitteilen ließ. Am Sonntag nahm sich Schmitt dann bei einem Spaziergang die Zeit für ein vertrauliches Gespräch mit dem „Spiegel“-Herausgeber.

          Doch was motivierte den damals neunundzwanzigjährigen Augstein zu einem Besuch bei dem verfemten Staatsrechtler, den man den „Kronjuristen des Dritten Reiches“ genannt hat? Bei einem Mann, der einst den jüdischen Geist aus dem deutschen Rechtsgelehrtentum hatte austreiben wollen? Erst wenige Monate zuvor hatte ein Artikel von Schmitt in Hans Paeschkes Monatszeitschrift „Merkur“ dazu geführt, dass zahlreiche Autoren mit Kündigung gedroht hatten. Dabei ging es gar nicht um den Inhalt des Aufsatzes, sondern darum, dass „dieser Schmitt“ überhaupt im „Merkur“ publizieren konnte.

          „Freundschaftlicher Nachsicht“ sicher

          Das konkrete Motiv für Augsteins Stippvisite in Plettenberg war die Beschlagnahmung des „Spiegel“ im Rahmen einer Affäre, die sich um einen ehemaligen Agenten des französischen Nachrichtendienstes namens Hans-Konrad Schmeißer rankte. Unter Berufung auf Schmeißer hatte das Nachrichtenmagazin am 9. Juli 1952 berichtet, Ministerialrat Herbert Blankenhorn, früher Adenauers persönlicher Referent und nunmehr Abteilungsleiter im Auswärtigen Amt, habe im Auftrag des Kanzlers französische Agenten mit geheimen Informationen versorgt. Im Gegenzug hätten die französischen Behörden versprochen, Blankenhorn und die Familie Adenauers im Falle eines Einmarschs der russischen Armee rechtzeitig nach Spanien in Sicherheit zu bringen. Außerdem, so der „Spiegel“ weiter, soll Blankenhorn 1949 versucht haben, von den Franzosen rund 800.000 D-Mark für den Wahlkampf der Christdemokraten zu bekommen.

          Adenauer nannte den damals noch in Hannover ansässigen „Spiegel“ wegen dieser und anderer Vorwürfe ein „Drecksblatt“. Er stellte Strafantrag wegen übler Nachrede und Verleumdung gegen Schmeißer, die verantwortlichen Redakteure sowie den Herausgeber Augstein. Auf kurzem Wege erreichte der Kanzler, dass die bereits ausgelieferte „Spiegel“-Ausgabe Nummer 28 bundesweit von der Polizei beschlagnahmt wurde. Denn laut Beschluss des Amtsgerichts Bonn enthielt der Artikel „schwerwiegende Angriffe“ gegen den Bundeskanzler und andere „hochgestellte politische Personen“, so dass die Zeitschrift „im Falle einer Aburteilung der für den Inhalt strafrechtlich verantwortlichen Personen“ eingezogen werden müsse.

          Augstein sah in der Beschlagnahmung einen massiven Angriff auf die Pressefreiheit; rechtlich humpele die Aktion „auf wackeligen Beinchen einher“, wie er im „Spiegel“ 29/1952 schrieb. Als sein Einspruch aber vom Landgericht Hannover zurückgewiesen wurde, erwog Augstein erstmals in seiner Karriere eine Verfassungsbeschwerde. Deshalb wandte er sich ratsuchend an Carl Schmitt. Bei dem politischen Theologen und Entscheidungstheoretiker Schmitt fühlte sich Augstein „freundschaftlicher Nachsicht einigermaßen sicher“ - so jedenfalls schrieb am 30. Juli 1952 der junge Publizist an Schmitt. Das mag erstaunen, da Schmitt zwei Jahrzehnte zuvor in seinem theoretischen Zugriff konsequent die autoritäre Medienpolitik der Nationalsozialisten vehement verteidigt und darauf hingewiesen hatte, dass selbst ein „noch so liberaler Staat“ Zensur ausübe.

          Nicht nur ein eiliges Interview

          Augstein war von Schmitt wie von vielen anderen „konservativen Revolutionären“ schon deren schneidiger Begriffswelt wegen beeindruckt, aber er wusste wohl, dass er Schmitt vor allem auf seine Seite bekommen konnte, weil dieser seine Antipathie gegen Bundeskanzler Adenauer teilte. Schmitt erklärte sich denn auch zu einer Stellungnahme bereit. Allerdings wollte er nicht „in irgendeiner sogenannten wissenschaftlichen Aufmachung“ wiederholen, was Augstein selbst schon im „Spiegel“ geschrieben habe. Vielmehr interessiere ihn das „publizistische und strategische Gesamtproblem einer solchen Verfassungsbeschwerde“. Für ein persönliches Gespräch stehe er deshalb jederzeit zur Verfügung - „unter der einzigen Voraussetzung, dass eine gesammelte Erörterung und nicht nur ein eiliges Interview gemeint ist“, schrieb er am 7. August 1952 an Augstein.

          „Das Normale wäre nun, dass ich Sie eiligst aufsuchte“, antwortete Augstein eine Woche später. Durch eine Auslandsreise zunächst verhindert, ließ er Schmitt die bereits formulierte Klage mit der Bitte schicken, den „Spiegel“-Justitiar ins Sauerland zu bestellen, falls Schmitt in der Anlage „ein gefährliches Moment“ sehe. Wenn die Beschwerde erst einmal fristgerecht eingereicht sei, so Augstein weiter, „haben wir auch genügend Zeit, das Thema zu besprechen“. Dazu kam es dann an jenem Oktoberwochenende, als Augstein zum ersten Mal nach Plettenberg fuhr - ein Besuch, an den Schmitt sich noch zwei Jahre später „mit großer Freude“ erinnerte.

          Schmitt lieferte zur Schmeißer-Affäre keine schriftliche Stellungnahme ab, jedenfalls findet sie sich nicht in den Akten. Stattdessen führte der Bruder des „Spiegel“-Herausgebers, Rechtsanwalt Josef Augstein, einen anderen Staatsrechtler ins Feld, den in Hamburg lehrenden Herbert Krüger. Mag sein, dass Schmitt einen Hinweis auf den ihm argumentativ nahestehenden Kollegen gab. Der Schüler Rudolf Smends hatte 1942 einen Ruf an die Reichsuniversität Straßburg angenommen. Von 1951 bis 1955 hatte er in Hamburg als Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Reeder gewirkt, bevor er wieder einen Lehrstuhl erhielt.

          Die erste persönliche Begegnung

          Für die „Spiegel“-Beschwerde stufte Krüger die Pressefreiheit als wesentlichen Garanten zur Bildung der öffentlichen Meinung ein, griff in seiner Argumentation mehrfach auf Carl Schmitt zurück und zitierte dessen zentrale Werke aus der Weimarer Zeit. Dass Schmitt liberale Konzepte von Öffentlichkeit, von Medien als Kontrollinstanzen der Politik seinerzeit als „nichtige Formalität“ und für den souveränen Entscheidungsträger somit ziemlich lästige Angelegenheit betrachtet hatte, blieb auch in dem Krüger-Gutachten unberücksichtigt.

          Das Strafverfahren gegen Augstein und dessen Mitarbeiter endete im September 1955 mit einem Vergleich. Schmeißer erklärte schriftlich, bei seinen Aussagen über den Bundeskanzler nicht in beleidigender Absicht gehandelt zu haben. Die für den „Spiegel“-Artikel verantwortlichen Redakteure nahmen von ihrem Vorwurf Abstand, Adenauer habe sich pflichtwidrig und ehrenrührig verhalten. Der Bundeskanzler zog daraufhin seinen Strafantrag zurück. Augstein hielt seine Verfassungsbeschwerde zunächst aufrecht, gab jedoch nach zahlreichen bürokratischen Verzögerungen 1959 auf. Ob die vom „Spiegel“ gegen Adenauer erhobenen Vorwürfe berechtigt waren, hat die Forschung bis heute verblüffend wenig beschäftigt.

          Dass Augstein in dieser Angelegenheit den Kontakt zu Schmitt suchte, erklärt sich auch aus einer ersten persönlichen Begegnung im Februar 1951. Bei einer volkspädagogischen Veranstaltung in Bonn hatten beide seinerzeit die Frage erörtert, ob Macht an sich gut oder böse sei. In einem Brief vom 28. August 1954 erinnerte der Jurist den „Spiegel“-Chef an diese Unterhaltung (“Es hat weiter in mir rumort ...“) und machte ihn auf sein jüngst im Hörfunk gesendetes „Gespräch über die Macht und den Zugang zum Machthaber“ aufmerksam, das wenig später auch als Buch erschien. Zudem wies Schmitt auf einen Auszug dieses „Gesprächs“ in der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ hin. Zu diesem Zeitpunkt konnte er noch nicht wissen, dass deren Politikchefin Marion Gräfin Dönhoff diesen Beitrag zum Anlass nehmen sollte, ihre Mitarbeit bei der damals stark rechtslastigen „Zeit“ aufzukündigen.

          Die „Haifische der so genannten Öffentlichkeit“

          Augstein reagierte diplomatisch auf diesen Versuch Schmitts, eine Rezension seines jüngsten Werks gezielt zu plazieren. Zwar habe er das Büchlein „mit viel Genuss“ gelesen, doch sei die Diskussion für einen breiten Leserkreis „natürlich etwas ,hoch'“, schrieb Augstein am 24. September 1954: „Wir wollen sehen, ob wir darüber etwas zustande bringen.“ Schmitt ärgerte sich noch Monate später darüber, dass der „Spiegel“-Herausgeber das Werk in dessen „höllischer Aktualität“ verkannt habe. „Und Sie schreiben mir“, so Schmitt im April 1955, „das verständen breitere Schichten nicht? Das versteht jede Stenotypistin und jeder Lobbyman!“

          Ein anderes Mal, am 3. Januar 1954, hatte Schmitt als kritischer, aber treuer „Spiegel“-Leser die „großen Momente“ des Magazins gelobt und dabei speziell auf Augsteins Kolumne über den „Abschied von den Brüdern im Osten“ verwiesen. Darin hatte der Herausgeber unter dem Pseudonym Jens Daniel vehement gegen Adenauers Politik der Westbindung angeschrieben. Schmitt verband seine „besten Neujahrswünsche“ allerdings auch mit harscher Kritik: Sein Ärger richtete sich gegen einen Artikel über Jürgen Fehling. Der „Spiegel“ hatte den Theaterregisseur als „kranken Mann“ dargestellt, der während einer Shakespeare-Lesung in einem Frankfurter Künstlerkeller auf die Treppe des Lokals uriniert und sich gegenüber Frauen „in Wort und Tat als Barbar“ aufgeführt haben solle. Schmitt war empört über diese Art der Berichterstattung, die „den armen, alten und recht verzweifelten, großen Fehling gestürzt und ihn unter dem Beifall einer moralisch entrüsteten Menge durch den Dreck gezogen“ habe. „Wollten Sie als educator auftreten?“, fragte er Augstein.

          Schmitt fühlte sich bei der Lektüre des Beitrags offenbar an sein eigenes Schicksal erinnert. Auch er sah sich verfolgt von „Haifischen der so genannten Öffentlichkeit“. Als ihm nach 1945 der Zugang zur Universität verwehrt blieb, hatte er keinen Zweifel, wer dafür verantwortlich war: „Diffamierungen und Todesurteile erfolgen heute durch die Presse; die staatliche Justiz vollstreckt sie nur.“ Allein durch bloßes Zitieren seiner Thesen in einer gedruckten Publikation fühlte er sich inzwischen „verstellt, entstellt, bestellt und angestellt“. Dabei war er, neben Briefen und Gesprächen mit Vertrauten, mehr denn je auch auf die Medien angewiesen. Seine jüngsten Schriften schickte Schmitt denn auch stets an Augstein. Ein Werk des von der Schmitt-Schule hochverehrten spanischen Staatsphilosophen und Diplomaten Juan Donoso Cortés empfahl er ihm 1955 mit dem Hinweis, dass „ein Publizist Ihres Ranges“ etwas über Cortés wissen müsse. Er notierte für Augstein die wichtigsten Cortés-Stellen „für den eiligen Leser“.

          Briefwechsel „liegt wohl bei mir im Keller“

          Augstein antwortete, dass er zwar kein „eiliger Leser sei“, das Buch aber „in zwei Stunden beinahe atemlos durchgelesen“ habe: „Darf ich mich gelegentlich an Sie wenden, wenn ich Literaturnachweise zu gewissen Fragekomplexen benötige? Sie haben mir eine große Freude gemacht.“ Augstein zitierte kurz darauf Cortés in einem „Spiegel“-Artikel unter der Überschrift „Symbolische Soldaten“.

          An Schmitt fand Augstein die „Vielfältigkeit seiner geistigen Beziehungen“ faszinierend. Obwohl die beiden schon durch ihr Alter und die Stellung in der aktuellen politischen Publizistik unterschiedlicher kaum sein konnten, verband sie eine Bewunderung für die erhaben Verfemten, die Ausgegrenzten und Obskuren. Beide stammten aus katholischem Milieu, beschäftigten sich auch ihr Leben lang mit theologischen Fragen, wenngleich Augstein - anders als Schmitt - seit seiner Jugend nicht mehr an die Existenz eines Gottes im Sinne der katholischen Kirche glaubte. Zudem suchte er wie Schmitt den starken Zentralstaat gegen Zugriffe durch Föderalismus und ökonomische Einflüsse zu schützen. Augstein, der Autodidakt, war neugierig auf nach 1945 umstrittene Geistesgrößen wie Heidegger oder Ernst Jünger, in dessen „Marmorklippen“ er eine „Kampfansage gegen die Diktatur“ sah.

          Ganz pragmatisch hatte Augstein, wie wir seit einiger Zeit wissen, auch ehemalige Geheimdienstleute aus Heydrichs SD als Spiegel-Ressortleiter angestellt - aus jenem Sicherheitsdienst der SS also, der 1936/37 den Sturz des „Kronjuristen“ und Staatsrats Schmitt bewerkstelligt hatte. „Wir haben Augstein damals“ - gemeint war die Zeit der „Spiegel“-Affäre 1962 - „linker gesehen, als er wirklich war“, stellt heute der Frankfurter Politologe Iring Fetscher fest. Mit seinem Interesse für Schmitt war Augstein der konventionellen Linken mehr als einen Schritt voraus, die Schmitts Staats- und Politikdefinitionen, vor allem aber seine Partisanentheorie erst seit den siebziger Jahren wieder intensiver diskutierte.

          Als Augsteins Besuch in Plettenberg am Rande in Paul Noacks Schmitt-Biographie von 1993 erwähnt wurde - irrtümlicherweise in die Zeit der großen „Spiegel“-Affäre von 1962 verlegt -, ging der Herausgeber verspätet auf Distanz. Augstein schrieb damals im „Spiegel“: „Viele kleinere Geister pilgerten nach Plettenberg. Auch ich war bei ihm zum Mittagessen. Zwischen 1.30 und 2.00 Uhr, so wurde einem bedeutet, würde der Professor am Tisch für eine halbe Stunde einnicken. Da solle man sich nicht drum scheren, sondern sich einfach weiter unterhalten.“ An die Tatsache, dass er die juristische Beratung des ehemaligen NS-Staatsrats gesucht und genutzt und jahrelang mit ihm korrespondiert hatte, mochte Augstein sich nur ungern erinnern: „Mag sein, liegt wohl bei mir im Keller.“

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