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Spanischer Christian Drosten : Es lebe Fernando Simón!

Einstein reloaded: Fernando Simón als T-Shirt-Motiv Bild: 198.es

Für die einen eine liebenswerte wissenschaftliche Heldenfigur, für die anderen ein skrupelloser Gesinnungsethiker: Was der Streit um Spaniens Star-Virologen über die Spaltung der spanischen Gesellschaft verrät.

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          Man sagt den Spaniern nach, sie hätten mehr Sinn für Helden als die Deutschen, es liege an ihrem Temperament und ihrem Misstrauen in die Politik. Die meisten ihrer Helden haben einen Knacks, lassen sich aber nicht beirren, so wie Don Quijote, dafür schätzt man sie besonders. Die Helden der Krise wiederum waren in Deutschland und Spanien mehr oder weniger die gleichen, Krankenpfleger, Ärzte, Kassierer, Lieferanten und Virologen, was auch erklärt, warum Christian Drosten in Spanien „der deutsche Fernando Simón“ heißt. Simón ist ein Epidemiologe aus Saragossa und Chef des Notfall-Koordinationszentrums des Gesundheitsministeriums, und er hat in den vergangenen Wochen so unermüdlich Auskunft im Fernsehen, Rundfunk und in Zeitungsinterviews gegeben, dass einige Spanier sein Gesicht in Velázquez-Gemälde montierten und die „New York Times“ ihn zu einer „liebenswerten wissenschaftlichen Heldenfigur“ machte.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Als die Spanier sich noch nicht vorstellen konnten, wann es wieder eine Art von Normalität für sie geben sollte, blieb Simón zuversichtlich: Es musste irgendwann seine Wirkung zeigen, wenn man die Menschen wochenlang isolierte. Schon Ende Februar hatte er, der selbst am Virus erkrankte, es mit Besonnenheit versucht. Jetzt, da auch die Spanier wieder ans Meer dürfen, bedrucken Online-Händler T-Shirts, Tassen und Strandtaschen mit Simón-Konterfeis, die mal an Einstein, mal an Bilbo Beutlin erinnern. Tattoo-Studios nahmen seinen leicht zerzausten Kopf ins Programm. Von der Reaktion des Virologen auf seine Popikonisierung wurde nur bekannt, er empfehle, einen Teil der Einnahmen an NGOs zu spenden. Die Gemeinde Hinojos wiederum, 3000 Einwohner, will einen Platz nach ihm benennen, wenn die konservative Volkspartei PP das nicht im letzten Moment verhindert. Denn auch die Darstellung des Helden Simón hat nun einen kleinen Knacks bekommen.

          Anhänger der PP und der rechtskonservativen Vox-Partei haben es auf die Zuversicht ihres Nationalvirologen abgesehen. Der hatte vor dem Weltfrauentag am 8. März schließlich noch gesagt, er hege keine Bedenken, sollte jemand aus seiner Familie an der Demonstration teilnehmen wollen, und gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium dafür gesorgt, dass sie stattfinden durfte. Ein internationales Treffen von Gläubigen in Madrid wurde Mitte März dagegen verboten. Das alles rieche nach eklatanter Fehleinschätzung, überdies habe sich Simón von seiner linken Gesinnung leiten lassen, so der Vorwurf. Der ehemalige Basketballspieler Alfonso Reyes verglich Simón auf Instagram mit Napoleons ahnungslos-optimistischem Berater vor dem Russlandfeldzug. Ein nicht abgesagter Vox-Parteitag um dieselbe Zeit, bei dem sich vermutlich drei Mitglieder infizierten, kam selten zur Sprache.

          Tatsächlich hat das spanische Wirtschaftsinstitut Fedea vorgerechnet, mehr als die Hälfte der Infektionen wäre verhindert worden, hätten die Ausgangsbeschränkungen schon vom 7. März an gegolten. Das Zögern der Regierung hat Menschenleben gekostet, die Spanier sehen sich in ihrem Misstrauen gegenüber der Politik bestätigt. Tausende sind auch deswegen auf die Straße gegangen. Aber die wenigsten mochten sich ausmalen, was gewesen wäre, wenn das Land sich ohne Fernando Simón aus dem Notstand befreien hätte müssen.

          Kürzlich sprach der Virologe wieder im Fernsehen. Die ihm vorliegenden Daten, sagte er, beschrieben dieselbe Entwicklung wie in den Wochen zuvor. Eine „sacht abnehmende Tendenz“ sei erkennbar. Man sei jetzt in einer besseren Position, die Daten exakter und die Rückverfolgung neuer Fälle effizienter. Das Risiko für neue Ausbrüche schloss er nicht aus. Nach dieser vorsichtig positiven Tendenz atmeten viele Spanier für einen Moment auf. Und schalteten dann ins Abendprogramm um.

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