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Soziale Netzwerke : Facebook muss sich anpassen

Diesen Daumen kennt inzwischen fast jeder Bild: dapd

In einem Prüfbericht empfiehlt die irische Datenschutzbehörde, wie Facebook den Umgang mit den Daten seiner Nutzer verbessern soll. Die Forderungen der Behörde sind sehr umfangreich.

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          Facebook-Kritiker könnten es für einen zweideutigen Wortwitz halten: Der am Mittwoch veröffentlichte Prüfbericht des irischen Datenschutzbeauftragten zum Umgang des sozialen Netzwerkes mit den Daten seiner Mitglieder hat die in Irland sitzende Unternehmenstochter Facebook Ireland Ltd. fast durchweg als FB-I abgekürzt, um Verwechselung mit dem amerikanischen Mutterkonzern zu vermeiden. F, B, I - dieselben drei Buchstaben, die auch den amerikanischen Inlandsgeheimdienst abkürzen, das Federal Bureau of Investigation, das unter anderem Daten sammelt und auswertet, um die Vereinigten Staaten vor terroristischen Bedrohungen zu schützen.

          Martin Gropp
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Daten zu sammeln und zu analysieren gehört auch zum Geschäftsmodell von Facebook. Wer sich dort anmeldet, kann viel von sich preisgeben, manchmal sein ganzes Leben. Mehr als 800 Millionen Nutzer hat das Netzwerk, und sie alle nennen ihm mindestens Namen, E-Mail-Adressen und Geburtsdaten. Als Maximum geben sie Dutzende, manchmal Hunderte Hinweise auf Hobbys, Musikgeschmack, Aufenthaltsorte. Facebook verkauft im Gegenzug Werbeplätze an Unternehmen. Mit Hilfe der Daten wird diese Werbung auf den einzelnen Nutzer zugeschnitten. Das Geschäft mit dem „Targeting“ läuft: Wohl im Frühjahr wird Facebook an die Börse streben und will dort rund zehn Milliarden Dollar einnehmen - so viel wie kein Internetunternehmen zuvor.

          Die Öffentlichkeit ist nicht ausgeschlossen

          Weil Facebook eine marktbeherrschende Stellung einnimmt und weil ihm so viele Menschen Daten zur Verfügung stellen, beobachten Datenschützer vieler Länder das Netzwerk argwöhnisch. Aber auch Nutzer arbeiten sich an ihm ab. Beides hat dazu geführt, dass der irische Datenschutzbeauftragte Facebook geprüft hat. Seit Anfang dieses Jahres war die Prüfung angekündigt, im Sommer erhielt sie Auftrieb, als sich unter anderem die Initiative „Europe versus Facebook“ des Wiener Datenschutzrechtlers Max Schrems über das Netzwerk beschwerte (F.A.Z. vom 26. Oktober).

          Schrems schickte zweiundzwanzig Beschwerden nach Irland, dazu kamen drei von norwegischen Verbraucherschützern. Außerdem verlangten mehr als sechshundert Nutzer die Herausgabe ihrer Datenprofile. All das floss in den Bericht der irischen Datenschutzbehörde ein. Dass ihn jedermann online einsehen kann, ist ungewöhnlich. Die Behörde prüft normalerweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit, doch Facebook wollte die Veröffentlichung: „Wir glauben, dass das der beste Weg ist, um zu verstehen, wie eingehend die Behörde die Prüfung vollzog und wie eng wir in Zukunft zusammenarbeiten werden“, heißt es in einem Facebook-Blogpost.

          Beim virtuellen Daumen gehts weiter

          Die Frage ist, wie diese Zusammenarbeit aussehen wird. Die gute Nachricht für Facebook: Der Bericht stellt fest, dass die Datenschutzpraxis von Facebook sowohl dem irischen Datenschutzrecht genügt als auch europäischen Standards entspricht. Auch die Verwendung von persönlichen Daten für maßgeschneiderte Werbung beanstandeten die Datenschützer nicht. Außerdem testeten sie explizit Funktionen, über die sich Nutzer mit Blick auf ihre Persönlichkeitsrechte beschwert hatten, und befanden sie für ausreichend. Die schlechte Botschaft lautet: Der Bericht gibt zu siebzehn Themen Empfehlungen, wie Facebook bis spätestens Ende Juli nachbessern soll. Dann steht abermals eine Prüfung an.

          Eine Beanstandung trifft eine bisherige gängige Geschäftspraxis: Zwar will das Netzwerk die Welt transparenter machen, wie Gründer Mark Zuckerberg betont. Doch was das eigene Kleingedruckte betrifft, waren Klarheit und Stringenz bislang eher vernachlässigte Tugenden. Deshalb sollen die Bestimmungen über die Datennutzung vereinfacht und innerhalb der Facebook-Welt prominenter plaziert werden. Bei sogenannten Social-Plug-Ins wie dem Like-Button, dem virtuellen Daumen, den Nutzer innerhalb ihres Profils für Produkte oder Kommentare heben, gehen die Forderungen weiter: Es sei nicht angemessen, dass Facebook die Daten länger speichere als für einen „sehr kurzen Zeitraum und für sehr begrenzte Zwecke“.

          Die Darwinsche Natur des Netzwerks

          Ein anderer Ratschlag rührt an der bisher oft von Facebook gewählten Praxis, neue Dienste und Angebote ohne Zustimmung der Nutzer freizuschalten. Wenn es etwa um das „Tagging“ geht, das Verlinken von Nutzern auf im Netzwerk hochgeladene Bildern, seien Verfahren einzuführen, die belegten, dass die Zustimmung der Nutzer dazu tatsächlich auch auf vertrauenswürdige Weise eingeholt worden sei.

          Der Facebook-Kritiker Schrems sieht vor allem diese Vorgabe als einen Erfolg an: „Das ist schon etwas, dass Facebook gerade an dieser Stelle seine Policy anpassen musste“, sagte Schrems. Insgesamt brauche er mindestens eine Woche, um alle Ergebnisse mit seinen Einreichungen abzugleichen. „Es ist aber schon jetzt deutlich, dass dies erst der erste Bericht sein wird, denn unsere Beschwerden sind noch nicht alle abgearbeitet.“

          Die Entwicklung von Facebook werden Schrems und die Datenschützer in Irland weiter beobachten. In einer Mitteilung vom Mittwoch sprach der irische Datenschutzbeauftragte von der „Darwinschen Natur“ des Netzwerks. Darwins „Überleben der Bestangepassten“ ins Spiel zu bringen ist sicher zum Teil Bildungshuberei. Doch trifft es auch den Kern: Facebook muss sich wohl oder übel anpassen, was am Ende übrig bleibt, ist hingegen noch nicht so ganz ausgemacht.

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