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E-Boys auf TikTok : Die sanfte Macht

Mal nicht so melancholisch: Die E-Boys aus dem „Sway House“ in Los Angeles, eine Band ohne Alben und Konzerte Bild: TalentX Entertainment

Sie zwinkern. Sie verdrehen die Augen. Sie schütteln ihr Haar ins Gesicht. Sie singen Playback. Und sie stellen die Vorstellungen von Maskulinität auf den Kopf: Woher kommen die E-Boys, die gerade das Internet erobern?

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          Der kanadische Youtuber Cody Ko macht alles das, was man von seinem Berufsstand erwartet: Er setzt sich vor die Kamera, lädt ein paar Freunde ein, dann quatschen sie drauflos, machen irgendwelche „Challenges“, kommentieren ihr Leben oder, noch lieber, das Leben anderer Youtuber. Sein beliebtestes Format heißt „That’s Cringe“, in dem er sich darüber lustig macht, was junge Menschen ins Netz stellen – also alles, was so peinlich ist, dass es Fremdscham hervorruft. Zum Beispiel Jungs, die sich schön finden und das Internet daran teilhaben lassen wollen: sogenannte E-Boys.

          Caroline O. Jebens
          Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          Nach drei Minuten kommen Cody und seine Freundin Kelsey Kreppel zur Erkenntnis: „Ich bin mir natürlich bewusst, dass sich hier gerade zwei Erwachsene über Kinder lustig machen. Aber ... ich weiß nicht einmal, wie ich das rechtfertigen soll.“ Cody und Kelsey sind Ende zwanzig, in und mit den sozialen Medien aufgewachsen, sie haben dort Karriere gemacht, stets mit ihnen gewachsen sind ihre Followerzahlen. Das hilft ihnen aber auch nicht, um zu verstehen, was auf der unfassbar erfolgreichen App „Tiktok“ so vor sich geht. Und was hinter dem Phänomen steckt, das sich E-Boys nennt.

          „Wie kann man so liebenswert und heiß und nett sein?“

          Wer sind diese Jungs? Die meisten von ihnen sind sehr jung (zwischen fünfzehn und zwanzig Jahren), sehr blass und sehr schön. Sie haben verträumte Blicke und volle Lippen, und, besonders wichtig, volles Haar, das ihnen im Mittelscheitel ins Gesicht fällt, so wie dem Schauspieler Timothée Chalamet, bloß ohne dessen Charisma. Was machen sie? Vor allem tragen sie Kleidung. Irgendetwas zwischen Grunge und dem Skaterlook der Neunziger (Doc Martens, Longsleeves), dem Emo-Look der nuller Jahre (dunkler Nagellack, viele, viele Ketten, gestreifte Shirts) und dem K-Pop-Style (Hoodies, und wichtig: nur ein Ohrring, mit baumelndem Kreuz).

          Der Bogen der Tiktok-Videos spannt sich meist zwischen zwei Outfits: ein normales (in dem der Boy in die Schule geht) – Schnitt, Bass – ein cooles (in dem sich der E-Boy zu Hause filmt und unendlich lässig aussieht). Und natürlich sieht der Junge in beiden Versionen fantastisch aus. Die Talente dieser E-Boys beschränken sich darauf, zu zwinkern und die Augen zu verdrehen, ihr Haar noch weiter ins Gesicht zu schütteln, auf ihren Ketten rumzubeißen, mit ihren Fingern über die Stirn zu spielen und die Adern ihrer Hände zu filmen. Und dann tanzen sie eben herum und bewegen die Lippen, oft zu Liedern von Billie Eilish oder Lana Del Rey, meist aber zu den Songs unbekannter Soundcloud-Rapper, deren Textzeilen sie besonders zweckmäßig nutzen können, wie „You look so sexy, you really turn me on, blow my mind everytime I see your face“. Zeilen, die E-Boys „singen“, damit Teenager-Girls dann genau das über sie denken.

          Wenn man ihnen dabei so zuschaut, dann ist die Fremdscham tatsächlich sehr groß. Einfach, weil diese Jungs das, was man als Teenager allein vor dem Spiegel gemacht hat, in Videos vor Millionen von Followern machen: Prüfen, wie Outfits und das eigene Lächeln denn eigentlich aussehen – und wie das bei anderen so ankommen könnte. Der Spiegel in den Kommentarspalten gibt natürlich ein direkteres Feedback: „Wie kann man so liebenswert und heiß und nett in einer Person sein?“, fragen dort meist Mädchen. „Thirst Traps“ nennt sich das im Slang – wenn jemand also Selfies oder Clips hochlädt, in denen er oder sie besonders gut aussieht, so gut, dass einem die Spucke wegbleibt und man durstig wird (natürlich nicht nach Wasser).

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