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Sophia Loren bei Netflix : Rückkehr der Löwin

Geben einander Halt: Momò (Ibrahima Gueye) und Madame Rosa (Sophia Loren) Bild: Regina de Lazzaris/Netflix

Sophia Loren spielt auf Netflix die Retterin eines Flüchtlingsjungen. Dass „Madame Rosa“ eine Überlebende des Holocaust ist, ahnt der rebellische Momò nicht. „Du hast das Leben vor dir“ heißt der Film, den die Loren mit Würde und Wärme trägt.

          3 Min.

          Der Pandemie wegen bei Netflix statt im Kino, aber nicht weniger groß: Sophia Loren kehrt nach fast zehn Jahren Abwesenheit in tragender Rolle vor die Filmkamera zurück, als Heldin, Hure, Heilige, als Ersatzmutter und traumatisiertes Kind im Körper einer Greisin. Der Hauptfigur Madame Rosa in dem von Edoardo Ponti, Lorens Sohn, inszenierten Sozialdrama „Du hast das Leben vor dir“ verleiht die Sechsundachtzigjährige genau das Maß an Würde und Wärme, das es braucht, um den ganzen Film praktisch allein zu tragen und doch die Mitspieler leuchten zu lassen, statt sie in den Schatten zu stellen. Das ist umso wertvoller, als an der Seite der längst zeitlos gewordenen Verkörperung der italienischen Diva schlechthin der junge Ibrahima Gueye in seiner ersten Filmrolle strahlen kann.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Er spielt Momò, eigentlich Mohammed, einen in Bari gestrandeten Waisenjungen aus dem Senegal. Wie schon andere Kinder vor ihm bringt der altersweise Arzt Doktor Coen (Renato Carpentieri) den zwölfjährigen Gelegenheitsdieb bei Madame Rosa unter: einer ehemaligen Prostituierten, die gegen Bezahlung Kinder anderer Frauen (oder Männer) aus dem Gewerbe bei sich aufnimmt. Momò darf nur unter Protest bei der ruppigen Lebensveteranin einziehen, in eine Kammer, die mehr einem Loch gleicht. Er hat sie tags zuvor auf dem Wochenmarkt bestohlen und zu Boden gestoßen. Meine Bleibe, meine Regeln, gibt sie nun als Parole aus und schleudert finster blitzende Blicke auf den mit Gossensprache um sich werfenden Neuzugang.

          Dass er nebenbei Drogen dealt, kann sie ahnen, aber nicht wissen. Was die tätowierte Nummer auf ihrem Unterarm bedeutet, kann Momò wiederum nicht ahnen. Als Madame Rosa etwas von Auschwitz sagt, ist das nur ein unbekanntes Wort für ihn. Er versteht „Housewitch“, was gut dazu passt, dass die vor Resolutheit strotzende, aber gebrechliche Dame immer wieder im Keller verschwindet. Momòs Pflegebruder Iosif (Diego Iosif Pirvu), den sie Hebräisch für die Barmizwa büffeln lässt, vermutet, sie sei eine Geheimagentin, die ähnlich dem Comic-Superhelden Batman eine Höhle als Kommandozentrale unterhalte. Tatsächlich ist das mit Gerümpel und Erinnerungsstücken vollgestellte Kellergelass Rosas Schutzraum, in dem die im Alter wieder von Ängsten vor dem Abgeholtwerden heimgesuchte Holocaustüberlebende Sicherheit sucht.

          Wem diese durchaus literarisch konstruierte Geschichte bekannt vorkommt, irrt nicht. Edoardo Ponti adaptiert, beim Verfassen des Drehbuchs unterstützt von Ugo Chiti, die ursprünglich in Paris angesiedelte Handlung des Romans „Du hast das Leben noch vor dir“ von Romain Gary alias Emile Ajar, der 1975 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. In die apulische Hafenstadt Bari verlegt, die im Film das wahrhaftige Bild eines Habitats der kleinen und kleinsten Leute abgibt, keine Touristendestination, wird daraus ein gegenwärtiges Drama, in dem die Flüchtlingskrise unserer Tage sich mit der lebendigen Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen an den Juden Europas kreuzt.

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          Nicht theoretisch, sondern ganz konkret, weil Figuren aufeinandertreffen, die all das in sich tragen, ohne sich einander erklären zu können. Das ist auch nicht nötig. Es würde den kindlichen Erkenntnisrahmen, den die Perspektive des Films setzt, sprengen. Worauf es ankommt, ist das Naheliegendste und Weitreichendste zugleich: dass Menschen, so unterschiedlich an Alter, Herkunft oder Religion sie sein mögen, so verschieden in ihren Beschädigungen, einander Halt geben können. Es gibt in diesem Drama viel richtiges Leben im Falschen, und das für sich ist schon immer ein Zeichen der Humanität.

          Dass der traditionell und gefällig inszenierte Film nicht zum Rührstück gerät, durch den ein Hauch „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ weht, verdankt sich neben der ungeleckten Kulisse der Unmittelbarkeit des Schauspiels. Sophia Loren, selbst mit grauem Lotterhaar und in Kittelkleidern noch eine Erscheinung, schüttelt Geraunze mit der nötigen street credibility ebenso aus dem Ärmel wie debile Erstarrung. Ibrahima Gueye wirkt niemals angeleitet, ganz gleich, ob er motzt, rennt, tanzt, lacht oder weint. Die transsexuelle Schauspielerin Abril Zamora als spanische Prostituierte Lola erscheint überaus selbstverständlich als Teil der Wohngemeinschaft, und Asghar Farhadi als Teppichhändler Hamil ruht als Vaterfigur und Vertreter eines freundlichen Islams in sich.

          So entsteht Glaubwürdigkeit in einer ziemlich märchenhaften Geschichte, deren Ende kaum jemanden ungerührt lassen wird. Auf der Traumebene der Erzählung spendet eine Löwin Momò Trost. Es besteht kein Zweifel, wessen Totemtier die Königin der Tiere ist: natürlich das Madame Rosas, der Symbolfigur des guten Europas – aber auch das der Loren selbst.

          Du hast das Leben vor dir läuft von heute an auf Netflix.

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