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Sommerinterviews bei ARD und ZDF : „Ich merke, Sie sind schon ganz auf Inhalt“

  • -Aktualisiert am

Treffen sich zwei: Angela Merkel und Bettina Schausten Bild: Juergen Detmers

Wenn man vor lauter Ausflugsschiffen auf der Spree Horst Seehofer etwas aus den Augen verliert, weiß man: Aha, ein Sommerinterview im Fernsehen. Dem altgediehnten Format ist inzwischen die Relevanz abhandengekommen.

          Thomas Walde ist fit. Er kann gleichzeitig reden und gehen, ohne außer Atem oder ins Schwitzen zu kommen oder uncool mit den Armen zu rudern. Das hat der „Berlin Direkt“-Moderator seiner Gesprächspartnerin Simone Peter voraus. Er hat die Vorsitzende der Grünen an der saarländisch-französischen Grenze getroffen, und zum Warmmachen (oder warum auch immer) schlendern die beiden einen Feldweg runter und rauf. Er: wie auf einem Journalisten-Laufsteg, eine Hand in der Anzughose, choreographiert lässig. Sie: keuchend, ungelenk gestikulierend.

          Er bricht den komischen Spaziergang dann aber bald ab, denn auf seine Frage, wie sie sich auf Bundesebene bekannt machen will, fängt sie einfach an, über Themen zu reden! „Ich merke, Sie sind schon ganz auf Inhalt“, stellt er fest. Er versucht es dann noch mit der Frage, was der größte Unterschied zwischen Landespolitik und Bundespolitik sei: „Landesliga, Bundesliga, was ist Ihnen da aufgefallen?“ Aber sie sagt darauf wieder irgendetwas Inhaltliches, und Walde kehrt um mit den Worten: „Ich merke das schon, Sie sind. Sie sind. Sie wollen. Okay, wir setzen uns hin. Wir legen gleich los. Ich merke das schon. Sie sind.“

          Ja, sie ist – beim Sommerinterview, einer der merkwürdigen Traditionen im deutschen Fernsehen.

          Die ersten vier Interviews der diesjährigen Saison sind jetzt gelaufen, und als Erstes ist anzuprangern, dass in bisher keinem der Sommer überhaupt ein Thema geschweige denn Gesprächspartner war. Dabei würde es einen, angesichts des unbedingten Willens zum inszenatorischen Zinnober, der diese Sendungen auszeichnet, nicht wundern, wenn plötzlich einer rufen würde: „Und hier ist er, Frau Bundeskanzlerin, der Sommer!“, und der dann als Überraschungsgast um die Ecke böge.

          Wenigstens schön, dass es überhaupt klappt

          Von der Möglichkeit, dass es einfach interessant sein könnte, zwei Menschen bei einem Gespräch zuzuhören, davon sind die Macher sichtlich nicht überzeugt. (So sind aber, zugegeben, auch die Gespräche nicht.) Beim ZDF müssen sie einen großen Aufwand betrieben haben, den Innenhof ihres Berliner Bürogebäudes für Angela Merkel glamourös auszuleuchten, und dann fahren sie gerne eine Kamera vor eine andere, so dass nicht mehr Merkel im Bild ist, sondern ein Monitor, auf dem Merkel im Bild ist, was auch Experimente mit der Tiefenschärfe erlaubt.

          Den schwindelerregenden Vertigo-Effekt, bei dem die Kamera gleichzeitig zoomt und sich in entgegengesetzte Richtung bewegt, haben sie sich allerdings noch nicht von der ARD (beziehungsweise Hitchcock) abgeguckt. Deren Sommerinterviews finden wieder auf einer Plattform vor dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus statt, im Hintergrund der Reichstag, vor allem aber die Spree mit den bunten Ausflugsschiffen, die viel attraktivere Filmmotive als die Gesprächspartner im Vordergrund sind, woran Kameraleute und Regie auch keinen Zweifel lassen. Gelegentlich lenkt Gejohle von Passanten auch von den Aussagen Horst Seehofers ab, was nicht wie ein Verlust wirkt, aber möglicherweise erklärt, wie ARD-Mann Rainald Becker zwischen den Zeilen herausgehört zu haben meinte, dass Seehofer sich von seinem Verkehrsminister Dobrindt trennen würde, wenn das mit der Maut nicht klappt.

          Im ZDF wirft Thomas Walde derweil Simone Peter vor, dass die Grünen die Ukraine-Politik der Bundesregierung nicht kritisieren, nur weil sie daran nichts auszusetzen haben: Das sei doch „Opposition light“. Und er stellt die dringende Frage nach möglichen Koalitionspartnern 2018. Seine Kollegin Bettina Schausten nutzt die Gelegenheit, sich bei der Bundeskanzlerin zu erkundigen, ob es den Wunsch gebe, die Länge der Amtszeit von Helmut Kohl einzustellen, worauf die erwidert, dass es den Wunsch gebe, diese Legislaturperiode „ordentlich zu arbeiten“.

          Wobei es nicht so ist, dass Merkel konkrete Antworten grundsätzlich schuldig bleibt. Das ZDF zeigte auch, wie Schausten sie vor dem Gespräch empfing („Hallo, Frau Bundeskanzlerin, schön, dass das klappt“) und, weil es der Tag vor dem WM-Finale war, als Erstes sagte: „Ich habe mich gefragt, wie lange man nach Brasilien fliegt.“ – „Zwölf Stunden.“ Geht doch.

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