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Bots in Migrationspakt-Debatte : Das Orakel weiß es nicht

  • -Aktualisiert am

Aufsteller mit Silhouetten von Migranten stehen auf dem Gelände der UN-Konferenz zum Migrationspakt in Marrakesch. Bild: dpa

Skandalstudien behaupten, 28 Prozent aller deutschsprachigen Tweets in der Debatte um den Migrationspakt stammen von „Social Bots“. Auch Politiker beriefen sich darauf. Doch was hier Tatsache und was Fiktion ist, ist ausgerechnet in diesem Fall schwer zu sagen.

          Der politischen Meinungsforschung attestierte Hans Magnus Enzensberger einst eine „strukturelle Ähnlichkeit mit den mantischen Praktiken der Alten Welt“. Es sei „unmöglich zu sagen, welchen Anteil am Orakelspruch die Gottheit und welchen die Priesterschaft“ habe. Jüngste Skandalstudien begründen Zweifel, ob sich daran bis heute viel geändert hat. Das Berliner Unternehmen Botswatch teilte vor kurzem mit, dass 28 Prozent aller deutschsprachigen Tweets in der Debatte um den Migrationspakt von „Social Bots“ stammten, also buchstäblich von Robotern ohne menschliches Dahinter geschrieben worden seien. Die Maschinen hätten Propaganda-Inhalte so stark popularisiert, dass man von einer manipulierten Debatte sprechen könne. Die Botschaft verbreitete sich schnell, gerade in einem öffentlichen Diskurs, der Begriffe wie „Fake News“ oder „alternative Fakten“ längst ins Repertoire aufgenommen hat. Auch Politiker beriefen sich auf die Ergebnisse, um vor der Beeinflussung demokratischer Verfahren zu warnen.

          Aber was ist hier Tatsache, und was ist Fiktion? Der Online-Analyst Luca Hammer beklagt, dass die Studie nicht einmal in Auszügen einsehbar sei, was „die Ergebnisse wertlos“ mache. Hammer untersucht selbst regelmäßig soziale Netzwerke und betont, dass es keine zuverlässige Definition dessen gibt, was als „Social Bot“ gekennzeichnet werden kann. Darunter fallen je nach Methode auch Partei-Accounts, die Nachrichten ihrer eigenen Funktionäre automatisch weiterverbreiten, oder konventionelle Medien, die Eilmeldungen durchgeben. Tatsächlich sucht man bei Botswatch nach einer erklärenden Veröffentlichung oder gar einer Offenlegung der Rohdaten vergebens. Es handelt sich um Geschäftsgeheimnisse. Das Unternehmen teilt auf Nachfrage dieser Zeitung mit, dass es kein „wissenschaftliches Institut“, sondern „ein privatwirtschaftlich organisiertes Cyber Intelligence Unternehmen“ sei.

          Wie viel Glaubwürdigkeit besitzen private Studien?

          Aber wie viel Glaubwürdigkeit ist solchen privaten Studien zuzumessen? Viele Medien präsentierten die Ergebnisse der Firma wie Tatsachen und verpassten der Analyse das Gütesiegel „wissenschaftlich“, ohne das grundlegende Problem privater Datenerhebung anzusprechen: Wissenschaft ist ihrem Wesen nach öffentlich. Nur methodische Transparenz kann sicherstellen, dass sich hinter wohlklingenden Pressemitteilungen keine undurchschaubaren Orakelsprüche, sondern nachvollziehbare und saubere Arbeiten verbergen. Das fällt dem akademischen Betrieb schon schwer genug. Die Privatforscher verzichten darauf aus kommerziellem Interesse.

          Dieser Umstand treibt auch in der Umfrageforschung Blüten. Die Institute Forsa, Infas und die Forschungsgruppe Wahlen legten vor einigen Wochen beim Deutschen Presserat gegen die Verwendung von Umfragen ihres jungen Konkurrenten Civey Beschwerde ein, weil dessen Ergebnisse nicht repräsentativ seien. Civey greift, anders als die herkömmlichen Institute, nicht auf klassische Zufallsstichproben in Telefon- oder Straßenbefragungen zurück, sondern rekrutiert für seine Umfragen freiwillige Teilnehmer im Internet auf nicht zufälliger Basis. Um die dadurch entstehenden statistischen Fehler auszugleichen, finden komplizierte Quoten- und Gewichtungsverfahren statt, die garantieren sollen, dass die Antworten ungefähr denen der Gesamtbevölkerung entsprechen. Der Presserat beantwortete die Beschwerde mit dem Hinweis, dass „eine eigene wissenschaftliche Prüfung der Umfragemethodik von Civey“ den Journalisten „nicht abzuverlangen“ sei. Auch wenn die Begründung der Ablehnung plausibel klingt, so beschreibt sie doch einen rein hypothetischen Fall. Denn eine wissenschaftliche Überprüfung der Wahlumfragen ist aufgrund der Geheimhaltung des statistischen Vorgehens sowieso unmöglich. Das gilt noch für die Mehrheit der Beschwerdeführer selbst. Mit Ausnahme der Forschungsgruppe Wahlen veröffentlichen auch sie keine Rohdaten oder Gewichtungsfaktoren und bauen auf ihre öffentliche Glaubwürdigkeit.

          Dass die Herkunft eines Orakelspruchs nicht überprüfbar ist, macht ihn noch lange nicht falsch. Und tatsächlich versuchen die meisten privaten Meinungsforscher öffentlich zumindest grob anzudeuten, welche Erhebungsverfahren sie verwenden. Immer häufiger geben sie die Fehlertoleranz an, auch wenn das die Eindeutigkeit der bunten Balkendiagramme mindert. Darüber hinaus zeigt ein Vergleich der Vorwahlumfragen mit den tatsächlichen Wahlergebnissen, dass die Schätzungen nicht so weit danebenliegen, wie häufig angenommen wird. Teilweise sind sie sogar recht präzise.

          Wenn in den kommenden Jahren der Trend zum Datenjournalismus anhält, dürfte sich das Problem verschärfen. Die Öffentlichkeit und die Medien kommen dann kaum mehr an der Aufgabe vorbei, politische Studien mit öffentlichkeitswirksamen Ergebnissen einzuordnen, zu kritisieren und im Zweifel auch wissenschaftlich zu überprüfen. Auch die privaten Forschungsunternehmen müssen diesem Bedürfnis nach Transparenz nachkommen, wollen sie nicht die Glaubwürdigkeit ihrer statistischen Verfahren gefährden. Selbst die Orakelsprüche der Pythia litten zu späteren Zeiten bei aller Beharrlichkeit unter christlichem Zweifel, bis sie zu Legenden wurden – und schließlich zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.

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