https://www.faz.net/-gqz-a35u4

11,4 Millionen Videos : Was Youtube so alles wegfiltert

Aufnahme läuft, aber nicht alles, was Nutzer bei Youtube anderen zeigen wollen, lässt der Uploadfilter durch. Bild: AFP

Wer im Netz bewegte Bilder senden will, ist bei der Videoplattform, die zu Google gehört, richtig. Doch nicht alles erscheint. Es wird gesiebt und gelöscht, millionenfach, ganz automatisch.

          3 Min.

          Wer schon einmal versucht hat, bei Youtube etwas löschen zu lassen, weiß, wie schwierig sich das gestalten kann. Man muss ein Google-Konto anlegen, um seine Einwendung bei der Tochtergesellschaft des Digitalkonzerns vortragen zu können. Und dann muss man dem Team, das Videos oder Kommentare löscht, erklären, warum man dies fordert. Wegen Gewaltverherrlichung, Aufstachelung zum Hass, Rassismus und Antisemitismus zum Beispiel. Wenn dem Lösch-Team die Meldung nicht einleuchtet, bleibt der Inhalt, also das Video oder ein Kommentar zu demselben. Doch – es geht auch anders, und zwar automatisiert und in ganz großem Stil.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          11.401.696 Videos hat Youtube im vergangenen Quartal, im Zeitraum zwischen April und Juni, gelöscht, wie aus dem vor ein paar Tagen veröffentlichten Transparenzbericht des Konzerns hervorgeht. Die überwiegende Zahl der Löschungen vollzog sich durch „automatische Erkennung“, also durch Algorithmen oder, besser gesagt: durch Uploadfilter. Erst danach erfolgt die Prüfung durch Mitarbeiter. Die Uplaodfilter fischen sogar oft Videos aus dem Angebot von Youtube, bevor sie ein einziger Nutzer zu Gesicht bekommen hat. 10.849.634 Videos wurden automatisch entfernt, 42 Prozent davon, bevor sie ein Nutzer gesehen hatte, 33,7 Prozent, die bis zu zehn Nutzer aufrufen konnten, und 24,3 Prozent, die mehr als zehn Nutzer aufgerufen hatten.

          Die manuelle Löschung nimmt sich dagegen verschwindend gering aus. Während rund 10,8 Millionen von 11,4 Millionen Videos vom automatischen Filtersystem erfasst wurden, beläuft sich die Zahl der Löschungen nach „manuellen Meldungen“ von Nutzern auf 382.499, die Zahl der Meldungen von sogenannten „Trusted Flaggern“ auf 167.318. Als „Trusted Flagger“ führt Youtube „Einzelpersonen, Nichtregierungsorganisationen und Behörden“, die den Konzern „besonders effektiv über Inhalte informieren, die gegen unsere Community-Richtlinien verstoßen“, wie es im Transparenzbericht heißt. Ganze 2200 Meldungen, die zu Löschungen führten, kamen der Youtube-Statistik zufolge von Nichtregierungsorganisationen, von Behörden waren es gerade einmal fünfundzwanzig. Insgesamt jedoch melden Nutzer und „Trusted Flagger“ fleißig – im vergangenen Quartal rund 15,5 Millionen Mal (Mehrfachmeldungen inbegriffen), nur führen diese Meldungen nicht zwingend zu einer Löschung.

          2,1 gelöschte Kommentare in einem Quartal

          Was wird gelöscht? Zum größten Teil Inhalte, die gegen den Schutz von Kindern verstoßen – rund 3,8 Millionen Videos, das macht einen Anteil von 33,7 Prozent der Gesamtlöschmenge aus. Es folgen Löschungen, die unter „Spam, betrügerische oder irreführende Inhalte“ fallen (3,2 Millionen, 28,3 Prozent), „Nacktheit oder sexuelle Inhalte“ (1,6 Millionen, 14,6 Prozent), „gewaltsamer oder grausamer Inhalt“ (1,2 Millionen, 10,6 Prozent), „gewaltverherrlichende Inhalte oder gewalttätiger Extremismus“ (knapp 922.000, 8,1 Prozent), „Belästigung und Cybermobbing“ machen nur 0,9 Prozent der Löschungen aus (rund 108.000) und „hasserfüllter oder beleidigender Inhalt“ nur 0,7 Prozent (rund 80.000 Löschungen).

          Die meisten der von Youtube gelöschten Uploads stammen aus den Vereinigten Staaten (rund zwei Millionen), es folgen Indien (rund 1,4 Millionen), Brasilien (rund 980.000), Indonesien (rund 680.000) und Russland (rund 400.000). Deutschland liegt mit knapp 125.000 Löschungen auf Platz 21 der Quartalsliste.

          Youtube löscht nicht nur einzelne Videos, sondern legt ganze Kanäle lahm. Im vergangenen Quartal waren dies fast zwei Millionen Kanäle (1.998.635) mit einer Gesamtzahl von etwas mehr als 33 Millionen Videos (33.128.011). Entfernt oder „gekündigt“, wie es bei Youtube heißt, wird ein Kanal, wenn er dreimal innerhalb von neunzig Tagen wegen eines Verstoßes gegen die Community-Richtlinien verwarnt wurde, bei „einmaligem schweren Missbrauch, zum Beispiel bei sexuell missbräuchlichem Verhalten, oder (...) wenn wir feststellen, dass er einzig dem Zweck dient, gegen unsere Richtlinien zu verstoßen“. In den Richtlinien sind Verbote festgehalten, die sich an rechtlichen, zumeist strafrechtlichen Normierungen orientieren. Verboten sind etwa Inhalte, die gegen den Kinder- und Jugendschutz verstoßen, Gewaltverherrlichung, Fälschungen, Inhalte mit Schusswaffen und der Verkauf illegaler Waren.

          Ist die Zahl der gelöschten Videos schon beeindruckend, so ist es die Zahl der gelöschten Kommentare (unter den Videos) noch mehr. Sie beläuft sich für den Zeitraum von April bis Juni dieses Jahres auf rund 2,1 Milliarden (2.132.367.731). Auch diese sind zumeist automatisch weggefiltert worden – zu 99,2 Prozent, manuelle Meldungen gaben nur im Fall von 0,8 Prozent der Löschungen (rund siebzehn Millionen) den Ausschlag. Bei den gelöschten Kommentaren ging es zumeist um „Spam, irreführende oder betrügerische Inhalte“ (52,8 Prozent, 1,125 Milliarden), „Belästigung und Cybermobbing“ (30,8 Prozent, knapp 658 Millionen), „Schutz von Kindern“ (9,2 Prozent, knapp 197 Millionen) und „hasserfüllten oder beleidigenden Inhalt“ (7,1 Prozent, 151,5 Millionen).

          Rund 2,1 Milliarden gelöschten Kommentaren und etwa 11,4 Millionen gelöschten Videos stehen 325.439 Beschwerden über die Löschungen gegenüber. 160.621 Videos wurden nach einer Beschwerde über die Entfernung wieder reaktiviert.

          Weitere Themen

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Ahnungslos in der Sprungschicht

          Kinderroman von Judith Burger : Ahnungslos in der Sprungschicht

          Eine Theaterproduktion für die Freilichtbühne, wie jedes Jahr, und doch ist alles anders: In ihrem Kinderroman „Ringo, ich und ein komplett ahnungsloser Sommer“ taucht Judith Burger in die frühe Pubertät.

          Topmeldungen

          Halbe Seite vom früheren CSU-Kultus- und Wissenschaftsminister Hans Maier übernommen? Neue Vorwürfe gegen Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet

          Buch des CDU-Kanzlerkandidaten : Neue Plagiatsvorwürfe gegen Laschet

          Der österreichische Medienwissenschaftler Stefan Weber zieht seine entlastende Stellungnahme zum Buch des Unions-Kanzlerkandidaten Armin Laschet zurück. Weber kündigte an, das Buch genauso detailliert zu prüfen wie jenes der Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock.
          Alles so schön bunt hier: eine Gasse in Basel. In der Schweizer Stadt fanden im vorigen Jahr Demonstrationen der Black-Lives-Matter-Bewegung statt, die Martin R. Dean ermutigten, über seine Erfahrungen als „nichtweißer“ Autor zu sprechen.

          Was die Sprache verändert : Ade, du weiße Selbstverständlichkeit

          Der Schriftsteller Matthias Politycki hat kürzlich begründet, warum er Deutschland verlassen hat: Politisch korrekte Sprachregelungen mache ihm das Schreiben unmöglich. Ihm antwortet nun ein Freund und Kollege.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.