https://www.faz.net/-gqz-9fzbx

Wahl bei ARD, ZDF und HR : Wer wirklich gewonnen hat, sehen wir noch

  • -Aktualisiert am

Anne Will bespricht mit SPD-Politiker Olaf Scholz die Hessenwahl. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Nichts Genaues weiß man nicht. Das war bei Wahlen in Hessen schon immer so. Dabei steht doch früh fest, wer feiern darf und wer nicht. Denkste! Am Ende gibt es anscheinend fast nur Verlierer. Ein denkwürdiger Abend.

          In der ARD ist das Fazit des Wahlabends durchwachsen. Die Parteien der Großen Koalition in Berlin verlieren zusammen fast 22 Prozent. Die SPD erzielt im einst linken Hessen das schlechteste Ergebnis seit 1946. Der Kontrast zur Trümmerzeit könnte kaum größer sein. Denn mit der Lage im Land sind die Bürger in fast jeder Hinsicht zufrieden, aber die SPD scheint sich selbst zu zerstören.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die Ergebnisse sehen durchwachsener aus, als den Parteistrategen lieb sein kann. Die CDU liegt in den Charts von Jörg Schönenborn nur bei den über Sechzigjährigen vorn. Will sie Rentnerpartei sein? Bei den Jusos sieht es anders aus. Kevin Kühnert bescheinigt den hessischen Genossen, einen musterhaft guten Wahlkampf geführt zu haben, als ob Kopfnoten im Zeugnis über die Versetzung in Regierungsverantwortung entschieden.

          Die Wähler wandern vom einen zum andern

          Die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung erklärt das Ergebnis. Volker Bouffier kann – wahrscheinlich – Ministerpräsident bleiben. Vielleicht gibt es in Folge von Überhangmandaten auch eine hauchdünne Mehrheit für eine Ampel. Bleibt Hessen Politiklabor für neue Trends? Das Plebiszit über die Große Koalition stört das Geschäft aller Landesparteien. Die Zurechenbarkeit von Gewinnen und Verlusten koppelt sich ab von der Landespolitik. Ist die Sonderkonjunktur für die Grünen nur eine Momentaufnahme? Das werden sie nicht gerne hören. Aber wer abwandert, kann auch wieder zurückwandern.

          Die Unzufriedenheit in SPD und in der Union ist mit Händen zu greifen. Beide haben im Bund nur Durchhalteparolen anzubieten. Bei der AfD bleiben die Ergebnisse hinter den Erwartungen. Das hindert ihre Parteifreunde nicht, musikalisch schwer verstimmt das Deutschlandlied zu singen. Die Union muss sich fragen, warum sie in Koalitionen mit den Grünen keine Zugewinne erzielt. Die SPD befindet sich im einst roten Hessen seit 19 Jahren in der Opposition. Ein Werbefilm des Labourchefs Jeremy Corbyn, der am Sonntag auf Twitter die Runde macht, führt zu der Frage, in welcher Konstellation die SPD je wieder zu einem ähnlich kämpferischen Profil gelangen kann. Sie läuft Gefahr, sich auf Dauer von ihrer Klientel zu entfremden.

          Für die FDP sieht es nicht so aus, als wollte sie sich für eine komfortablere Mehrheit an die Seite von Schwarz-Grün gesellen. Noch unwahrscheinlicher dürfte ihre Bereitschaft sein, sich für eine dünne Ampel ins Risiko zu begeben. Sie will der knappen Regierungsmehrheit das Geschäft erschweren. Wenn es für Schwarzgrün nicht reicht, wird sie aber besser verhandeln als ihre Bundesspitze in Berlin.

          Noch spielen alle mit eng an die Brust gehaltenem Blatt. Die Ergebnisse hessischer Wahlen stehen erst in der späten Nacht fest. Bitter für die SPD und ihren hessischen Chef ist der Augenblick, als Andrea Nahles im Willy-Brandt-Haus allein vor die Kameras tritt. Sie liest vom Blatt ab, dass die SPD in Hessen sehr gut aufgestellt sei und der Spitzenkandidat nichts falsch gemacht habe. Im Nadelstreifenanzug erteilt sie ihrem Parteifreund Schäfer-Gümbel ein Lob, das wie ein Abschied klingt. Nur von wem? Sie zieht sich den Schuh an, dass für das Ergebnis in erster Linie das Erscheinungsbild der Großen Koalition verantwortlich sei. So viel Schuld muss sein.

          Weitere Themen

          „The Great Hack“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „The Great Hack“

          „The Great Hack“ läuft ab Mittwoch, den 24. Juli bei Netflix.

          Topmeldungen

          Bergbau im Erzgebirge : Die Jagd nach dem Milliarden-Schatz

          Im Erzgebirge wird an der ersten deutschen Erzmine seit dem Krieg gebaut. Ein Investor verspricht sichere Rohstoffe und Hunderte Arbeitsplätze. Doch Politiker interessiert es nicht, Behörden mauern und Anwohner rebellieren.

          Pläne der neuen Ministerin : Was die Bundeswehr braucht

          Die Streitkräfte müssen bereit und fähig für den Einsatz sein. Die bisherigen Bemühungen müssen deshalb fortgesetzt und verstärkt werden – daran wird man die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer messen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.