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Snapchat : Versende deine Jugend

Der Erwachsenenschreck: Vielleicht ist Snapchat mehr als nur das nächste große Ding. Bild: dpa

Der Social-Media-Dienst Snapchat wirbt damit, Fotos sofort wieder zu löschen. Was daran toll ist, können viele nicht verstehen. Für die Nutzer kann das gerne so bleiben.

          Vor langer, langer Zeit, als sich Menschen noch Telefonnummern merken konnten oder in dicken Büchern nachschlugen, assoziierte man Nachrichten, die sich selbst zerstören, vor allem mit der Welt der Spionage. In der Fernsehserie „Mission Impossible“ etwa wurde jeder Auftrag durch ein Tonband überliefert, welches sich notorisch „in fünf Sekunden selbst vernichten“ würde. Dabei war die Vernichtung von Daten, die im Genre des Agententhrillers effektvoll inszeniert wurde, alles andere als eine exklusive Erfahrung. Nachrichten, die sich nach der Übermittlung selbst zerstören, kannte jeder: Man nannte das Telefongespräch.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Man muss kurz die Erinnerung an solche altmodischen kommunikativen Bedingungen wiederherstellen, bevor es im Folgenden um Snapchat gehen soll, um jene App, die derzeit bei Menschen über dreißig für kollektive Ratlosigkeit sorgt – auch und gerade bei jenen, deren ganzer Stolz davon abhängt, in der digitalen Welt zu Hause zu sein. Es könnte nämlich sein, dass Snapchat nicht nur wieder einmal das nächste große Ding ist, sondern ein interessanter Umweg der technischen Entwicklung. Und nicht, wie manche glauben: ein Rückschritt.

          Verschwinden als Versprechen

          Das besondere Merkmal des Social-Media-Dienstes ist es, dass er Fotos und Videos, die dort verschickt werden, nicht speichert. In der Regel kann man sie nur einmal anschauen, danach lösen sie sich auf. Dass Daten verschwinden, galt im Bereich digitaler Medien eigentlich eher als Problem. Snapchat hat das Versagen zum Versprechen gemacht. Es ist, um es in der Sprache der Softwareentwickler zu sagen, kein Bug, sondern ein Feature. Glaubt man dem aktuellen Getöse um Snapchat, vor dem man sich auch in Deutschland spätestens seit der Digitalkonferenz re:publica Anfang Mai nicht mehr retten kann, ist die Idee mehr als nur ein netter Anachronismus: 100 Millionen täglich aktive Nutzer soll der Dienst mittlerweile haben, täglich werden zehn Milliarden Videos abgerufen. 35 Prozent aller Teenager haben Snapchat installiert, ergab eine Studie der „Bravo“, Facebook kommt nur noch auf 32 Prozent. Die meisten Nutzer sind zwischen 13 und 24 Jahre alt.

          Was Snapchat sonst bietet, tun auch andere Apps: Man kann damit Selfies mit Stickern bekleben oder kurze Videos zu sogenannten Storys zusammenbasteln, dann kann man sie sogar 24 Stunden lang anschauen. Es gibt, wie es sich gehört, auch hier Leute, die dafür berühmt sind, besonders viele Follower zu haben, zum Beispiel einen dicken Musikproduzenten aus Miami namens DJ Kahled. Die Tochter des Kardashian-Jenner- Clans, die für Snapchat zuständig ist, heißt Kylie. Sie postet vor allem Karaoke-Clips, zeigt ihre „Shoes of the day“ (Louboutin, Tom Ford, Aquazzura) und anderes Bling-Bling oder macht Werbung für ihren Lippenstift.

          Nichts für Erwachsene

          Die herausragende Fähigkeit der App aber ist es, dass Erwachsene sie nicht verstehen. Selbst jene Blogger, die ihren eigenen Eltern gerade noch erklärt haben, warum man einen Tweet nicht ausdrucken darf, gucken bei Snapchat so, als ob sie jemand davon überzeugen wollte, das Zerkratzen von CDs sei das neue Millionengeschäft. Über 500 Zuschauer besuchten auf der re:publica den Vortrag des 15-jährigen Schülers Joshua Arntzen über „Snapchat für Erwachsene“, auch das Panel zum Thema „Hauptsache authentisch Instagram, Snapchat und Co. entzaubert“ war überfüllt. Und nicht einmal der Titel „Potenzial von Snapchat für Influencer Marketing“ konnte die Menschen davon abhalten, sich für das Thema zu interessieren. Deutschlands berühmtester Internetversteher Sascha Lobo drückte das kollektive Kopfschütteln in einem Satz aus, der zum Bonmot der Konferenz wurde: „Wir waren diejenigen, die noch viel früher als alle anderen Snapchat nicht verstanden haben.“

          Wenn sich aber nicht einmal die Ureinwohner des Netzes einen Reim auf Snapchat machen können, liegt der Verdacht nahe, dass es Menschen, die vor dem Browserkrieg geboren wurden, gar nicht erst versuchen sollten. Jedenfalls ist das die Hoffnung, wenn nicht der eigentliche Grund für die Popularität der App bei den Jugendlichen, die froh sind, endlich einen Ort gefunden zu haben, an dem ihre Eltern nicht gleich wieder ihre Freunde sein wollen. „Benutzt es bitte trotzdem nicht“, sagte Joshua, nachdem er ausführlich die Vorzüge des Dienstes gelobt hatte. Er meinte: Ihr habt uns schon den Spaß an Facebook verdorben.

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