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Arte-Doku „Sklavinnen des IS“ : Sie wollen Gerechtigkeit

Die Jesidin Lewiza wurde vom IS entführt und versklavt. Heute lebt sie dank eines Rettungsprogramms in Deutschland und will gegen die Täter aussagen. Bild: © SWR/Oxford Films

Wie soll Europa mit den Verbrechen des „Islamischen Staats“ umgehen? Wird je gesühnt, was den Jesiden angetan wurde? Der Massenmord, die Vergewaltigungen? Der Film „Die Sklavinnen des IS“ gibt wichtige Antworten.

          Wie kann ich noch eine Frau sein, nachdem ich verkauft worden bin?“ Mit diesem Satz beginnt die Dokumentation von Philippe Sands. Dalal spricht ihn. Die junge Jesidin aus einem Dorf in der Nähe von Sindschar im Norden des Iraks wollte sich die Haare abrasieren. Sie wollte ein Mann sein, damit sie hätte sterben können – wie ihre Brüder.

          An einem Nachmittag im Jahr 2014 rücken die Terroristen des „Islamischen Staates“ in ihr Dorf ein. Sie töten die Männer fast ausnahmslos. Die Frauen machen sie zu Sklavinnen. So auch Dalal. Über neun Monate wird sie von einem Kämpfer oder IS-Sympathisanten an den nächsten verkauft. Sie wird bis zur Bewusstlosigkeit verprügelt und wieder und wieder vergewaltigt. Woher Dalal die Kraft nimmt, so klar über ihr Martyrium zu berichten, weiß sie selbst nicht. Aber die Welt müsse wissen, was den Jesiden angetan wurde, erklärt sie.

          Was Philippe Sands Film so stark macht, ist, dass er zum einen genau das tut: Er dokumentiert durch die Zeugnisse zweier Frauen, Dalal und Lewiza, die Gewalt, die einer ganzen ethnischen Gruppe angetan wurde. Aber er leistet noch mehr als die reine Dokumentation des Verbrechens. Der Jurist und Autor Sands reflektiert, ob und wie es danach Gerechtigkeit für die Opfer gibt. Kann internationales Recht mit dem individuellen und kulturellen Bedürfnis nach Gerechtigkeit zusammenkommen? Das ist keine Flucht in juristische Abstraktion. Es rührt an die Frage, wie man nach dem schlechthin Unvorstellbaren wieder eine Vorstellung von der eigenen Zukunft entwickeln kann, welche Wege aus dem eigenen Trauma führen. Sands Ziel ist es, die Täter vor den internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu bringen.

          Rettungsprogramm bringt Frauen nach Deutschland

          Unterstützt wird er von dem Psychologen Jan Ilhan Kizilhan, der selbst Sohn jesidischer Eltern ist. In den siebziger Jahren kamen sie aus dem Irak nach Deutschland. Der promovierte Traumatologe und Orientalist machte früh auf das Schicksal der Jesiden und anderer Opfer des IS aufmerksam. 2015 überzeugt er die baden-württembergische Landesregierung, einige traumatisierte Frauen und Familien, die es in eines der Flüchtlingslager geschafft hatten, nach Deutschland zu holen. Der Grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann beschloss ein Sonderkontingent. Tausend Frauen, unter ihnen Dalal und Lewiza, nahm das Land auf, um sie ärztlich und psychologisch zu versorgen.

          In den Flüchtlingslagern beginnt für Kizilhan jedoch der schwerste Teil. „Ich hatte manchmal das Gefühl über Leben und Tod zu entscheiden“, sagt er im Film. Das ist keine Überspitzung, denn unter denen, die es aus den Fängen der Terroristen geschafft haben und nun in den Lagern leben, ist die Suizidrate hoch. Die Frauen sind durch das Erlebte traumatisiert. Sie fürchten um ihre Mütter, Väter, Schwestern und Brüder, von denen sie nicht wissen, ob sie womöglich selbst Sklaven des IS sind oder in einem Massengrab liegen. Zugleich können sie sich ihren Familien nicht anvertrauen, nicht erzählen, was ihnen zugestoßen ist. Ein Jeside darf keinen sexuellen Kontakt zu Menschen anderer Religionsgemeinschaften haben. Den Frauen droht, von der Familie verstoßen zu werden. Das persönliche Trauma rüttelt so an den Grundfesten der eigenen Identität. Umso beeindruckender ist die Stärke der Überlebenden. „Ich habe von den Frauen Hass erwartet, Hass auf die Täter“, sagt Kizilhan, „aber sie wollen vielmehr Gerechtigkeit.“

          Doch was bedeutet Gerechtigkeit? Als sich Dalal und Lewiza, die in der Michael-Balint-Klinik in Königswinter betreut werden, bereit erklären, ihre Geschichten vor einer Kamera zu erzählen, beginnt für Philippe Sands die juristische Arbeit. Er nimmt ihre Aussagen auf und präsentiert sie dem deutschen Generalbundesanwalt, dem Center for Justice and Accountability (CJA) und dem Internationalen Strafgerichtshof. Die Einsicht, dass die Verbrechen gegen die Jesiden als Genozid einzustufen sind, verfestigt sich. Massengräber, die rund um Sindschar gefunden wurden, sind Beweis dafür. Systematische Vergewaltigungen werden nach internationalem Recht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft. Dalals klare Erinnerung an Orte, Namen und Nationalitäten kann helfen, die Täter zu verurteilen. Darauf hofft sie.

          Doch die Täter vor ein Gericht zu stellen könnte schwierig werden. Zumindest, solange der politische Wille dazu fehle, sagt der Jurist Sands. Ein Prozess mache das Leid der Frauen nicht ungeschehen, sagt der Psychologe Kizilhan. Doch er könne Geschichtsbewusstsein und Selbstverständnis einer Kultur prägen, die sich mit ihrem eigenen Verschwinden oder einem Leben in der Diaspora konfrontiert sieht.

          Philipp Sands’ Film zeichnet drei Jahre der Suche nach Gerechtigkeit auf. Er und Jan Ilhan Kizilhan sind überzeugt, dass die Frauen ihre Traumata nie werden bewältigen können, wenn es keine juristische Aufarbeitung gibt. Die Nürnberger Prozesse sind das Vorbild. Europa und der Internationale Strafgerichtshof sind gefragt: Werden sich die Täter des IS je in einem Prozess verantworten müssen? Oder sind Kampfdrohnen die einzige Antwort auf das, was dem Volk der Jesidin angetan wurde?

          Sklavinnen des IS, heute, Dienstag 19. Juni, um 21.45 Uhr auf Arte.

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