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Skandal Telefilm Saar : Für einen schwarzen Ferrari

Intendant Fritz Raff deckt die „kriminellen Machenschaften” bei Telefilm Saar auf Bild: dpa

Die Firma Telefilm Saar hat für die ARD den „Tatort“ produziert. Jetzt ist sie selbst ein Fall für die Ermittler. Es geht um Lug, Trug und einen Schaden von 25 Millionen Euro. Von Michael Hanfeld.

          2 Min.

          Der Intendant des Saarländischen Rundfunks, Fritz Raff, hatte den Mitgliedern seines Rundfunkrats in dieser Woche keine frohe Kunde zu überbringen. Denn das Ausmaß des Skandals um die inzwischen aufgelöste Tochterfirma Telefilm Saar schlägt Rekorde: Der Schaden könnte sich, wie Raff den Rundfunkräten sagte, auf zwanzig bis 25 Millionen Euro belaufen. Von Luftbuchungen, gefälschten Unterschriften und erschlichenen Bankdarlehen ist die Rede, mithin von „kriminellen Machenschaften“, die dazu führten, dass die Telefilm Saar aufgelöst werden soll. Der Geschäftsführer der Firma, Joachim Schöneberger, sitzt in Untersuchungshaft.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Den fragwürdigen Praktiken des Geschäftsführers auf die Spur gekommen ist der Aufsichtsrat der Telefilm Saar im Sommer des vergangenen Jahres. Damals gab es noch einen testierten Jahresabschluss für 2004, doch fehlten den Prüfern Zahlen für 2005 und 2006, erst recht ein gesicherter Ausblick für die Jahre 2007 bis 2009. Je härter sie nachfragten, führte der Intendant Raff aus, desto windiger wurden die Antworten und desto niederschmetternder die Erkenntnisse. Ging man zunächst davon aus, dass die Telefilm Saar „nur“ schlecht geführt war, wurden die Zweifel an der „Werthaltigkeit“ angeblicher Produktionen immer größer. Im Dezember waren die Zweifel so groß, dass die Münchner Produktionsgesellschaft Bavaria um beratende Hilfe gebeten wurde. Ein Geschäftsbesorgungsvertrag wurde geschlossen, ein Gesandter der Bavaria, der Askania-Geschäftsführer Martin Hoffmann, nahm das Heft in die Hand.

          Gefälschter Produktionsvertrag

          Er legte dem Aufsichtsrat der Telefilm Saar Ende März einen Bericht vor, der auf die vom Intendanten Raff benannten „kriminellen Machenschaften“ hindeutete: ein Produktionsvertrag war offenkundig gefälscht worden. Am 24. April wurde dem Geschäftsführer Schöneberger daraufhin fristlos gekündigt. Zwei Tage später offenbarte eine Buchhalterin, sie habe „auf Anweisung des Geschäftsführers am 8. Januar 2007 ,Luftbuchungen' im Wert von rund 2,7 Millionen Euro vorgenommen“. Damit sollte dem Aufsichtsrat vorgegaukelt werden, dass die Schulden der Telefilm Saar reduziert werden könnten und neues Geld hereinkomme. Anfang Mai kam es dann zu zwei Strafanzeigen gegen den gekündigten Geschäftsführer Schöneberger.

          Einer Anzeige, erklärte der Intendant Raff den Rundfunkräten, liege die Erkenntnis zugrunde, „dass bei zwei einer Bank vorliegenden Bürgschaften des Saarländischen Rundfunks (über 2,7 Millionen Euro und 3,7 Millionen Euro) die Unterschrift des Intendanten gefälscht wurde“. Ende vergangener Woche schließlich seien „Geldflüsse entdeckt“ worden, „die den Verdacht einer erheblich umfassenderen persönlichen Bereicherung als bislang angenommen bedeuten könnten. Aufgrund der entdeckten Unterlagen könnte eine persönliche Bereicherung im siebenstelligen Bereich erfolgt sein.“ Sollte sich dieser Verdacht erhärten, folge eine weitere Strafanzeige.

          Fragwürdige Sicherheiten

          Die Summe der festgestellten besicherten Bankschulden der Telefilm Saar beläuft sich nach jetzigen Erkenntnissen auf insgesamt 19,3 Millionen Euro, darunter befänden sich aber auch „fragwürdige, sprich: gefälschte Sicherheiten“, die eigentlichen Schulden lägen „über zwanzig Millionen Euro“, so dass „auf den Organkreis des Saarländischen Rundfunks“ - also den Sender und seine Tochterfirmen - „Belastungen in Höhe von zwanzig bis 25 Millionen Euro zukommen“.

          Der Anwalt des beschuldigten Geschäftsführers Schöneberger, sagte jedoch, wie die „Saarbrücker Zeitung“ berichtet, sein Mandant gebe nur die persönliche Bereicherung um 90.000 Euro zu. Die Polizei forscht angeblich nach einem schwarzen Ferrari und einer Villa auf Teneriffa; inzwischen soll sich eine zweite Buchhalterin den Ermittlern offenbart haben.

          Für den SR könnte die vorläufige Bilanz des Skandals nicht katastrophaler sein, zumal der Sender sich jeden Euro für Neuanschaffungen, etwa das „trimediale“ Nachrichtenstudio, das Fernsehen, Radio und Internet zugleich bedient, hart erspart hat. Die Banken müssen derweil um ihre Sicherheiten und die Wirtschaftsprüfer, die sich mit der Telefilm Saar beschäftigt haben, Schadensersatzansprüche fürchten. Und der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat einmal mehr Grund, um sein Renommee zu bangen.

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