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Skandal bei Pro Sieben : Nachtgestalten am Abgrund

  • -Aktualisiert am

Hauptsache Fernsehen: Juliane Ziegler im „Promi-Boxen” (2004) Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Vielleicht wird das Anruffernsehen uns ein völlig neues Krankheitsbild bescheren: den Dampfplauderer, der in einer schwachen Sekunde seine seelischen Abgründe offenbart - wie eine junge Moderatorin bei Pro Sieben, die jetzt für einen Skandal sorgte.

          Die Moderation im Call-TV, sagt die für Neun Live und Pro Sieben tätige Juliane Ziegler, „ist wohl die härteste der Welt“. Live und zwei Stunden am Stück zu moderieren sei schwierig und zugleich eine tolle Herausforderung: „Ich weiß vorher nie, was in der Sendung passiert, und muss deswegen besonders kreativ, spontan und einfallsreich sein.“

          In der Pro-Sieben-Sendung „Nightloft“ in der Nacht zum Mittwoch klagte ein müde wirkender Anrufer darüber, gleich zur Arbeit gehen zu müssen, worauf der Moderatorin Ziegler spontan einfiel: „Arbeit macht frei.“ Nachdem sie ein leicht hysterisch klingendes Gelächter ausstieß, verschwand Ziegler hinter den Kulissen und ließ ihre verunsicherte Komoderatorin eine Viertelstunde lang alleine. Danach kehrte sie zurück, um sich für die drei Wörter, die sich „blöderweise da eingeschlichen“ hätten, „ausdrücklich“ zu entschuldigen.

          Lieb und etwas durchgeknallt

          Auf der Neun-Live-Website bezeichnet sich Ziegler als „etwas durchgeknallte, liebe und ehrliche Person“, was man nach ihrer Entgleisung, die das Forum Call-in-tv.de öffentlich machte, zumindest partiell nachvollziehen kann. Anzeichen für eine rechtsradikale Gesinnung hat die 1981 Geborene bislang nicht offenbart in ihrer Karriere, die sie vom Realschulabschluss über eine Ausbildung als Schornsteinfegerin in die Niederungen des Privatfernsehens führte. Ende 2003 buhlte sie als eine von fünfundzwanzig jungen Frauen um die Gunst des RTL-„Bachelors“ und wurde tatsächlich zur Herzensdame gekürt. Es folgten ein Kurzauftritt in der „Guinness Show“ und Moderationen eher zu vernachlässigender Sendungen, bis sie im vergangenen Jahr zu Neun Live wechselte.

          Vielleicht wird das Anruffernsehen uns einmal ein völlig neues Krankheitsbild bescheren: den jungen, nicht übermäßig hellen Dampfplauderer, der in einer schwachen Sekunde die Zuschauer und sich selbst in seine seelischen Abgründe blicken lässt. So wie der Neun-Live-Moderator Max Schradin, der im Herbst vor der Kamera einen Kollegen als „pädophil“ bezeichnete und hinterher nicht wissen wollte, was das bedeutet. Nach einer kurzen Auszeit moderiert er wieder. Eine längere Rede- und vielleicht auch Gedankenpause bekommt nun Juliane Ziegler verordnet: Weder bei Pro Sieben noch bei Neun Live wird sie, die freie Mitarbeiterin war, auf den Bildschirm zurückkehren. Was die Neun-Live-Sprecherin mit einem Satz bestätigt, wie man ihn bei Trennungen häufiger hört, der in diesem Kontext jedoch ziemlich merkwürdig klingt: Frau Ziegler sei von ihren Moderationsverpflichtungen „befreit“.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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