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Sportexperten im Fernsehen : Wohltäter, Streber, Freigeister

  • Aktualisiert am

Andrea Petkovic, ZDF Bild: ZDF und Torsten Silz

Eben noch standen sie als Profis auf dem Fußballfeld, dem Tennisplatz oder sausten über die Skipiste, jetzt sind sie hinterm am Mikro: Sind einstige Sportlerinnen und Sportler die besseren Experten? Eine Übersicht.

          7 Min.

          Laura Dahlmeier, ZDF

          Der Abschied von der mehrfachen Weltmeisterin und Olympiasiegerin Laura Dahlmeier im vergangenen Mai fiel nicht leicht: Sie war schließlich die herausragende deutsche Biathletin, welche wiederum den Abschied von der noch etwas herausragenderen Biathletin Magdalena Neuner leichter gemacht hatte.

          Aber kaum dass wieder Winter wird (oder so ähnlich), ist Dahlmeier zurück, begleitet für das ZDF die Wettkämpfe ehemaliger Kolleginnen und Kollegen. Und sie tut das in solch einer freundlich-ernsten Ruhe und im schönsten Bairisch, dass man denkt: Die eigentliche Schule für dieses neue Amt könnten jene Jahre gewesen sein, in denen Dahlmeier selbst nach den Wettbewerben unerbittlich das Mikro unter die Nase gehalten wurde.

          Laura Dahlmeier, ZDF

          Wenn das Sportfernsehen ja an einem festhält, dann am Glauben, man müsse ausgepumpten Athletinnen und Athleten die sofortige und kompakte Selbstanalyse abverlangen, kaum dass die wieder zu Atem gekommen sind. Laura Dahlmeier aber wahrt, wie zuvor als Weltklassebiathletin, auch jetzt als Fernsehexpertin die Distanz – zur Kamera, zum Format, zur eigenen Rolle. Kein Wort zu viel und keines zu laut: Es ist eine Wohltat. (Tobias Rüther)

          Oliver Kahn, ZDF

          Es wäre leichter zu sagen, was Oliver Kahn alles nicht macht. In seiner langen Karriere hat er für alles Mögliche geworben und zugleich unter dem Hammer-Motto „Ab heute bleibt der Kasten sauber“ als „Werbestopper“ posiert. Auf Sky preist er unermüdlich Tipico-Sportwetten an. Dass er den Wettanbieter als Teil der „Spielkultur“ bezeichnet hat, ist da nur konsequent. Und nur wer von Multitasking überfordert ist, wird staunen, dass Kahn auch nach seinem Eintritt in den Vorstand der FC Bayern München AG weiterhin werben und dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ZDF als Experte dienen möchte.

          Ein Siegertyp kennt halt keine Interessenkonflikte. Damit quälen sich andere herum, Leute wie Thomas Hitzlsperger, dessen Kooperation mit der ARD endete, als der Ex-Profi Sportvorstand beim VfB Stuttgart wurde. Bei Kahn kommt es angesichts seiner vielen Funktionen zu einer Art Rudelbildung. Wobei seine Expertise im Fernsehen sich in den typischen unterschiedslosen Experteneinheitssounds auflöst und in der Sache meist nur die Selbstgefälligkeit des einstigen Titanen und die Vorzugsbehandlung seines alten und neuen Arbeitgebers bleibt. Dabei wäre es leicht, sich neben Erscheinungen wie Jochen Breyer und Katrin Müller-Hohenstein, denen man den Stolz anmerkt, den Welttorhüter „Olli“ nennen zu dürfen, durch bloße Kompetenz zu profilieren.

          Oliver Kahn, ZDF

          Kahn hat bei Uli Hoeneß gelernt. Als dem 2018 bei der Jahreshauptversammlung des FC Bayern vorgehalten wurde, die Münchener Stadionwurst stamme aus Hoeneß‘ Wurstfabrik, da hatte Hoeneß das Unternehmen schon seinen Kindern überschrieben. Das ZDF teilte kürzlich mit, Kahn werde bei Bayern-Spielen nicht eingesetzt. Bei der Europameisterschaft werden auch nur ein paar Bayern-Spieler eingesetzt. (Peter Körte)

          Felix Neureuther, ARD

          „Ich ruf jetzt den Marcel Hirscher an“, sagte Felix Neureuther vergangenen Oktober bei seinem ersten Einsatz als ARD-Experte, kurz vor der Kamerafahrt in Sölden. „Burschi! Habe die Ehre!“, schrie er ins Telefon, „ich brauch‘ noch ein paar Tipps von dir!“ Und dann folgte ein wirklich lustiges Hin und Her, und Hirscher riet ihm die banale Skilehrerweisheit: „Der Außenski ist der Chef.“ Das war natürlich genau so gewollt, und die Botschaft lautete: Felix Neureuther fachsimpelt nicht mit Ex-Konkurrenten, er scherzt mit Freunden.

          Felix Neureuther, ARD

          Noch im Jahr zuvor waren die beiden in Sölden gegeneinander angetreten. Es war für beide die letzte Saison. Und nun steht Neureuther auf der anderen Seite, neben den Moderatoren Julia Scharf oder Markus Othmer, und trifft Skifahrer und Skifahrerinnen zum Interview. „Ich will die Nähe zu den Athleten mit einbringen“, sagte er, als er seinen neuen Job antrat. Und das spürte man von Anfang an. Er jubelt mit seinen Gesprächspartnern, schlägt ihnen auf die Schultern, grinst schelmisch und reißt Insider-Witze – was ihn dann doch sehr von Maria Höfl-Riesch unterscheidet, seiner Vorgängerin auf dem Posten.

          Seinen oberbayerischen Dialekt setzt Neureuther dabei so dosiert ein, dass die ARD ohne Untertitel auskommt – was ihn wiederum von Markus Wasmeier unterscheidet. Doch zugleich gelang es Neureuther bis jetzt immer, bei seinen Analysen distanziert und objektiv zu bleiben. Gut möglich, dass seine Eltern – Rosi Mittermeier und Christian Neureuther haben auch einmal für den Bayerischen Rundfunk gearbeitet – ihm auch noch ein paar Tipps gegeben haben. (Andreas Lesti)

          Steffen Freund, RTL Nitro

          Sein Weg in die Fernsehstudios war überraschend, aber im Nachhinein folgerichtig. Steffen Freund war als Spieler ein Arbeiter, sein Spiel unglamourös, seine Karriere frei von Getöse. Der Fünfzigjährige mit Spielervergangenheit in der Premier League hatte, bevor er erst bei Sky und dann bei RTL und Nitro Fuß fasste, in englischen Formaten Erfahrungen gesammelt, was sein Auftreten, seinen Blick auf das Spiel und seine Fähigkeit zum Dialog mit einem Moderator vorteilhaft beeinflusst hat. Er macht im Englischen eine gute Figur, weil er knapp und mit einem Gefühl für die Pointe formuliert, was schon reicht, um im deutschen Fußball-Expertenzirkus aufzufallen. Er hat sogar, wie man auf Youtube sehen kann, ein Talent für physical comedy, wenn er einen kuriosen Elfmeterfehlschuss nachstellt.

          Steffen Freund, RTL Nitro

          Freund ist nie servil und enorm begeisterungsfähig, weshalb auch kritische Äußerungen über Löw oder die deutsche Nationalmannschaft (deren Spiele er auf RTL mit Marco Hagemann kommentiert) nie verletzend oder schlaubergerhaft klingen, sondern ernst in der Sache und locker im Ton. Er kann im Spiel Partei ergreifen wie ein Fan, ohne je populistisch zu sein, und ein knackiger Spruch wirkt bei ihm nie so ranschmeißerisch und leicht ranzig wie etwa bei einem Wolff Fuss. Steffen Freund ist auch als Fernsehexperte ein Profi, er entspricht dem Authentizitätsbedarf, dem Wunsch nach sogenannten „Typen“, der in den Sendern offenbar desto heftiger umgeht, je mehr sie Sendungen und Personal durchformatieren; und wenn er das wirklich auch noch sein und es nicht nur blendend verkörpern sollte, umso besser für ihn und für uns Zuschauer. (Peter Körte)

          Didi Hamann, Sky

          Auf den ersten Blick steht kein anderer Fußball-Experte so exemplarisch für die untergehende Welt biederer Berichterstattung wie jener Dietmar Hamann, der in den unförmigen Sky-Anzügen immer ganz besonders unzeitgemäß ausschaut. Und doch ist es gerade er, der aus der Eiseskälte des Studios ab und zu noch ein bisschen Erregung in die Welt zaubert. So legte sich Hamann, einst lange bei Bayern München und Liverpool selbst im Einsatz, allein 2019 mit allerhand Leuten an: Er prophezeite Joachim Löw wütend, ihm werde die Verbannung von Müller, Hummels und Boateng noch böse auf die Füße fallen; er regte sich über den Schalker Jubel beim Sieg gegen Dortmund auf; er verglich Uli Hoeneß mit einem Kind, und er polterte gegen den Bayern-Stürmer Robert Lewandowski, der „keinen Wert für das Team“ habe – der Münchener Sportdirektor Hasan Salihamidzic forderte daraufhin, Sky möge Hamann entlassen.

          Didi Hamann, Sky

          Schon 2017 schrieb er sich bei Twitter mal über eine harmlose Frage zum Real-Spieler Gareth Bale in Rage, warf einem Nutzer „idiotische Kommentare“ und Steroid-Missbrauch vor, wünschte ihm eine Tracht Prügel und benutzte weitere, nicht zitierfähige Kraftausdrücke. Hamann ist ein Wolf im Sky-Anzug. Wenn schon Sky, dann mehr davon. (Timon Karl Kaleyta)

          Andrea Petkovic, ZDF

          Dass ihr Tennisspielen allein nicht reicht, hat Andrea Petkovic schon gezeigt, als sie noch auf dem Circuit der ganz großen Turniere unterwegs war – und zwischen den Ballwechseln tanzte. Was ansteckend war, nicht nur fürs Publikum, auch für ihre Gegnerinnen. Petkovic wurde damit auch ein Star im Circuit sozialer Medien, wo die Clips ihrer Auftritte begeistert archiviert wurden; sie selbst ist auch eine ziemlich begabte Twitterin. Und irgendwie hat sie den Charme eines nerdigen Enthusiasmus für obskure Leidenschaften und Begabungen, der typisch für das Netz ist, mit ins Fernsehen genommen: Seit Dezember moderiert sie sonntags die „Sportreportage“ im ZDF.

          Andrea Petkovic, ZDF.

          Tut das einerseits lebendiger und expressiver, als man es gewohnt ist von den Profis auf solchen Posten, sie kann ihre Hände und Moderationskarten kaum bei sich behalten, wenn sie etwas bewegt. (Hoffentlich legt sich das nie!) Und andererseits spürt man eine Leidenschaft für den Sport an sich, egal welcher, auch Rudern; Petkovic ist für die Athletinnen und Athleten, über die sie spricht, ist ja immer noch eine von ihnen. Aber sie ist eben auch: eine Journalistin. Sie hat schon für diese Zeitung geschrieben und das Magazin der „Süddeutschen“. Und so eigensinnig und frei, wie Andrea Petkovic jetzt schon moderiert, dürfte ihr eine lange Karriere vor der Kamera bevorstehen, sobald die im Tennis tatsächlich vorbei ist. Es wäre ein Gewinn fürs Sportfernsehen – und alle, die es schauen. (Tobias Rüther)

          Frank Busemann, ARD

          Zehnkämpfer haben den großen Vorteil, dass sie sich in allen Disziplinen der Leichtathletik auskennen. Laufen, Werfen, Springen, sogar Stabhochspringen – als Zehnkämpfer hat man zu allem was zu sagen. Und das ist fast schon eine Bewerbung für einen Experten-Posten im Fernsehen. So zumindest war es bei Frank Busemann, seit 2003 Leichtathletik-Experte der ARD; kompetent und sympathisch, aber auch ein bisschen zu seriös, mit gestelztem Humor und Streberwissen, der seine Gesprächspartner mit Statistikbüchern konfrontiert, so dass die meist lockerer wirken als Busemann selbst.

          Frank Busemann, ARD

          Zuletzt konnte man das bei der Weltmeisterschaft in Katar sehen: Busemann interviewte dort Niklas Kaul, der 21-Jährige hatte überraschend den Zehnkampf gewonnen und seinen Erfolg danach vor der Kamera so gelassen und reflektiert eingeordnet, dass Busemann ein wenig verblasste. Aber vielleicht ist das nur ein Trick, mit dem Busemann jüngere Athleten noch heller strahlen lässt. (Andreas Lesti)

          Thomas Broich, ARD

          Als Profifußballer fiel Thomas Broich nicht nur durch außergewöhnliche Pässe auf, sondern auch durch sein Talent, unfallfreie Sätze zu sprechen. Dass er heute sein Geld damit verdient, über Fußball zu reden, ist deshalb einerseits sehr folgerichtig. Und andererseits doch eine Überraschung. Von seinen Profikollegen unterschied sich Broich damals vor allem dadurch, dass er sich nach Feierabend auch für ein paar andere Dinge interessierte: Nebenher studierte er Philosophie, im Auto hört er klassische Musik, in Interviews redete er über Schopenhauer und Dostojewski, manchmal las er noch im Ermüdungsbecken. Was in diesem Umfeld reichte, um sich den Ruf des Intellektuellen und den Spitznamen „Mozart“ einzuhandeln.

          Thomas Broich, ARD

          Wie Broich an dieser Außenseiterrolle (und daran, wie er sie auslebte) scheiterte als Sonderling in einer Mannschaftssportart, kann man in Aljoscha Pauses Film „Tom meets Zizou“ sehen, der 2011 herauskam, und vom Beginn von Broichs neuem Leben erzählen konnte, von seinem Erfolg und Glück beim australischen Erstligisten Brisbane Roar. Sieben Jahre spielte er dort, am Ende wurde er zu Australiens Fußballer des Jahrzehnts gewählt. Was Broich auch seinem Trainer Ange Postecoglou und dessen Ehrgeiz verdankt, aus Brisbane Roar den australischen FC Barcelona zu machen. Dank Postecoglou, sagt Broich heute, habe er seine Leidenschaft für den Fußball wiederentdeckt. Seitdem denkt er fast nur noch darüber nach, erst recht, seit er nicht mehr spielt.

          Mit seinem Freund Jerome Polenz, den er aus der australischen Liga kennt, analysierte er auf der Website Zonaly.de Spiele, Taktiken und Statistiken. Im Fernsehen waren beide erst auf DAZN zu sehen, mittlerweile zerlegen sie regelmäßig Spiele in der „Sportschau“. Und auch wenn diese zeitgemäße Form von Analyse und Diskurs immer ein wenig schlaumeierisch wirkt, nimmt Broich ihr doch jede Prätention. Und zeigt, dass man sich vom Gros des Fernsehfußball-Expertengeplappers nicht nur abheben kann, indem man über kluge Dinge redet. Sondern auch, indem man klug darüber redet. (Harald Staun)

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