https://www.faz.net/-gqz-6v07g

Silvio Berlusconi : Jetzt, liebe Zuschauer, gerät Europa in Panik

  • -Aktualisiert am

Vergangene Prominenz? Berlusconi mit Gaddafi ... Bild: REUTERS

Der Cavaliere tritt ab und für seine Sender bleibt die Welt ein Traum. Doch das Personal von Berlusconis Gnaden beschwört zugleich die Angst vor der „Zeit nach ihm“.

          3 Min.

          Gewiss, die Mediengruppe Mediaset des scheidenden italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi besitzt drei überregionale Privatsender und hat damit großen Einfluss auf das Fernsehpublikum. Auch der erste staatliche Sender Rai 1 steht traditionell dem jeweiligen Regierungschef nahe. Aber Italia 1, Rete 4 und Canale 5 machen ihr Geld nicht mit politischen Kommentaren und tiefschürfenden Analysen; und so ist es gar nicht leicht, die Spuren von Berlusconis Fall in seinen Sendern zu orten. Nur bei Rai 1 kriecht Berlusconis Chefredakteur jetzt langsam wieder aus dem Bunker, aus dem er vor dem Sturz aus sicherer Deckung auf die Feinde des Bosses feuerte, um ihn zu halten. Da herrschte Krieg. Jetzt schüren Berlusconis Mannen die Furcht des kleinen Mannes vor den Fremden, den Banken und die „Zeit nach ihm“.

          In den sechziger Jahren, am Anfang der Karriere, war es der Schlüssel zu Berlusconis Erfolg, die unpolitische Welt der „bella vita“, des jet set, an der Via Veneto Roms zu den Massen am Stadtrand zu tragen. Dafür errichtete der Bauunternehmer in „Milano Due“ eigens ein Wohnviertel, das bis heute besser und grüner aussieht als der übliche soziale Wohnungsbau jener Jahre. Er schickte den Wohnungsbesitzern dazu seine eigenen Fernsehprogramme: Unterhaltung, vor allem amerikanische Filme, Glimmer. Das tat er, weil es seinem eigenen Lebensgefühl als Mann aus dem Volke entsprach und Gewinn brachte; bis heute.

          Enricas öffentliche Träume

          Berlusconi blieb allein nicht siebzehn Jahre lang mit Unterbrechungen an der Macht, weil seine Medien ihn unterstützten. Im Gegenteil, wenn für ihn im Fernsehen Propaganda gemacht wurde, dann schalteten viele ab. Berlusconi aber lenkte ab - er entführte seine Zuschauer in eine heile Traumwelt, entließ sie in die Harmonie vom Glanz und Gloria, in der er sich selbst auch am wohlsten fühlt. Im Schatten der Shows, die seine Kunden am Fernsehschirm lähmten, machte er dann Politik. Und auch dort blieb er sich treu, redete die Krisen weg und schönte die Defizite; er versprach filmreif, was er in Wirklichkeit nicht halten konnte.

          ... mit Merkel und Sarkozy ...
          ... mit Merkel und Sarkozy ... : Bild: REUTERS

          So ist es gar nicht einfach, in seinen Medien seinen Sturz nachzuzeichnen. Ungerührt bleiben sie bei den üblichen Beiträgen: In Canale 5 waren am Mittwoch illustre Gäste bei der früheren italienischen Schönheitskönigin Martina Colombari zum Gespräch über die gesellschaftlichen Höhepunkte der Fechtweltmeisterschaften, wo Italien Weltmeister wurde. Danach breitete die mandeläugige Enrica aus Catania vor ihrem männlich-herben Gastgeber mit offener Brust Luca auf seiner Gartenbank vor blühendem Gesträuch ihre Träume aus und sagte, wie sie es mit Filippo und Mario halten möchte. Die Nachrichten werden wie stets kurz gehalten.

          ... mit Alessandra Mussolini ...
          ... mit Alessandra Mussolini ... : Bild: dpa

          Italia 1 war da schon politischer. Im Rahmen eines Cabarets weckte ein Schauspieler die Ängste der Italiener vor den Fremden und beruhigte sie wieder: „Was machen Sie, wenn Handwerker in Ihr Haus wollen, obwohl Sie gar nicht da sind und Angst haben?“, fragte er und spielte offenbar auf die Kontrollen des Internationalen Währungsfonds in Italien an. „Es gibt einen Schlüssel der Garantie, den kann nur der Eigentümer nachmachen lassen, der ist wirklich sicher - und heißt Europa.“ Im Blog des Turiner Journalisten Alessandro Banfi bei Rete 4 ging es dann zur Sache.

          Ein Chefredakteur bleibt Berlusconi treu

          Längst mit dem Abgang Berlusconis abgefunden und versöhnt damit, dass der Staatspräsident nicht dessen Wunsch auf Neuwahlen nachkommen will, forderte Banfi: „Schluss mit den Wortgefechten in den Fernsehshows“ (der berlusconikritischen Sender), „mit den täglichen Fragen, wie sich der Ministerpräsident verhält, Schluss mit den Skandalen und Skandälchen, Schluss mit den Kämpfen und Privilegien der Kaste.“ Denn „Italien und die Italiener sind wirklich in Gefahr. Wir müssen eine neue Seite aufschlagen und unser Land verteidigen. Mit erhobenem Haupt.“ Das klang sonderbar. Hätte das nicht auch Berlusconi schon tun können?

          ... und mit Wladimir Putin
          ... und mit Wladimir Putin : Bild: Reuters

          Augusto Minzolini, Chefredakteur von Rai 1, gab sich am Montagabend als der fast letzte Getreue seines Ministerpräsidenten und beschimpfte zur besten Sendezeit um 20 Uhr die „abtrünnigen Verräter“, die am Dienstag im „Kampf“ um das Parlament nicht für den Rechenschaftsbericht zum Haushalt 2010 stimmen würden. „Passt auf, die einzige mögliche Regierung ist die jetzige“, wütete er.

          Diese Abtrünnigen sollten nicht glauben, sie könnten noch lange sein Brot essen. „Anstatt Wahlen zu vermeiden, provoziert ihr sie!“ Im „Giornale“, das dem Bruder von Berlusconi gehört, widmete Chefredakteur Vittorio Feltri am Donnerstag seinem bisherigen Regierungschef einen Nachruf, der auch die Stimmung in Berlusconis Sendern widerspiegeln dürfte: Offenbar hätten alle von der Ankündigung des Abschieds Berlusconis einen positiven Effekt auf die Börsen erwartet. Tatsächlich kam es zum Desaster. „Zeigt das nicht, dass nicht er das Problem war oder ist?“ Die Spekulanten und Europa insgesamt „sind nicht von Berlusconi in Schrecken versetzt worden, sondern von seiner Instabilität“, die von seinen Gegnern verursacht worden sei. Jetzt, ohne ihn, gerate Europa in Panik. „Wenn Berlusconi geht, wer kommt nach ihm? Ängstliche Fragen.“

          Weitere Themen

          Eine Familie voller Freaks Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Ema“ : Eine Familie voller Freaks

          „Ema" ist intensiv und fesselnd, aber nichts für Spießer. Regisseur Pablo Larrain inszeniert ein Drama der besonderen Sorte, das seinem Ruf als Genie endlich gerecht wird, urteilt F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath in der Video-Filmkritik.

          Der Eremit als glücklicher Sozialarbeiter

          Pergolesi an Frankfurts Oper : Der Eremit als glücklicher Sozialarbeiter

          Ist Religion ein Relikt aus der Welt von Gestern oder eine Kraft, die Welt zu überwinden? Katharina Thoma verknüpft an der Oper Frankfurt „La serva padrona“ und das „Stabat mater“ von Giovanni Battista Pergolesi zu einem schönen, sinnfälligen Abend.

          Topmeldungen

          Abgeordnete im Deutschen Bundestag

          Corona-Kompetenzen : Die Gesetze macht immer noch der Gesetzgeber

          Beim Streit über die Kompetenzen des Bundestages geht es um mehr als nur um Formalitäten. Die Debatte ist auch eine Abrechnung mit der Art, wie die Corona-Politik bisher zustande gekommen ist.
          Schönau am Königssee: Alle Touristen mussten den Landkreis Berchtesgadener Land bis zum Beginn des Lockdowns verlassen. (Archivbild)

          Lockdown am Königssee : Jetzt ist auch für den Tourismus Schluss

          2500 Gäste mussten bis 14 Uhr den Landkreis Berchtesgadener Land verlassen. Bergbahnen und Ausflugsschiffe stehen still. Bei den Einheimischen macht sich Wut breit – über all jene, die den Lockdown durch ihr sorgloses Verhalten provoziert haben.
          Ein Kühlschrank mit kostenlosen Lebensmitteln im Stadtteil Brooklyn.

          Lebensmittelversorgung : Von New Yorkern für New Yorker

          In New York stehen auf den Bürgersteigen Kühlschränke mit kostenlosen Lebensmitteln. In Zeiten der Corona-Krise ist die Nachfrage danach immens. Das Konzept ist unkomplizierter als die Tafeln.
          Schön hier? Das dachten sich auch zahlreiche Millionäre von außerhalb der EU: Zypern verkauft schon seit Jahren Staatsbürgerschaften seines Landes.

          Goldene Pässe : „Europäische Werte sind keine Ware“

          Sieben Milliarden Euro hat allein Zypern in den vergangenen Jahren mit dem Verkauf von Staatsbürgerschaften verdient. Die EU-Kommission geht dagegen nun vor – und betritt damit rechtliches Neuland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.