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Silvio Berlusconi : Jetzt, liebe Zuschauer, gerät Europa in Panik

  • -Aktualisiert am

Vergangene Prominenz? Berlusconi mit Gaddafi ... Bild: REUTERS

Der Cavaliere tritt ab und für seine Sender bleibt die Welt ein Traum. Doch das Personal von Berlusconis Gnaden beschwört zugleich die Angst vor der „Zeit nach ihm“.

          Gewiss, die Mediengruppe Mediaset des scheidenden italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi besitzt drei überregionale Privatsender und hat damit großen Einfluss auf das Fernsehpublikum. Auch der erste staatliche Sender Rai 1 steht traditionell dem jeweiligen Regierungschef nahe. Aber Italia 1, Rete 4 und Canale 5 machen ihr Geld nicht mit politischen Kommentaren und tiefschürfenden Analysen; und so ist es gar nicht leicht, die Spuren von Berlusconis Fall in seinen Sendern zu orten. Nur bei Rai 1 kriecht Berlusconis Chefredakteur jetzt langsam wieder aus dem Bunker, aus dem er vor dem Sturz aus sicherer Deckung auf die Feinde des Bosses feuerte, um ihn zu halten. Da herrschte Krieg. Jetzt schüren Berlusconis Mannen die Furcht des kleinen Mannes vor den Fremden, den Banken und die „Zeit nach ihm“.

          In den sechziger Jahren, am Anfang der Karriere, war es der Schlüssel zu Berlusconis Erfolg, die unpolitische Welt der „bella vita“, des jet set, an der Via Veneto Roms zu den Massen am Stadtrand zu tragen. Dafür errichtete der Bauunternehmer in „Milano Due“ eigens ein Wohnviertel, das bis heute besser und grüner aussieht als der übliche soziale Wohnungsbau jener Jahre. Er schickte den Wohnungsbesitzern dazu seine eigenen Fernsehprogramme: Unterhaltung, vor allem amerikanische Filme, Glimmer. Das tat er, weil es seinem eigenen Lebensgefühl als Mann aus dem Volke entsprach und Gewinn brachte; bis heute.

          Enricas öffentliche Träume

          Berlusconi blieb allein nicht siebzehn Jahre lang mit Unterbrechungen an der Macht, weil seine Medien ihn unterstützten. Im Gegenteil, wenn für ihn im Fernsehen Propaganda gemacht wurde, dann schalteten viele ab. Berlusconi aber lenkte ab - er entführte seine Zuschauer in eine heile Traumwelt, entließ sie in die Harmonie vom Glanz und Gloria, in der er sich selbst auch am wohlsten fühlt. Im Schatten der Shows, die seine Kunden am Fernsehschirm lähmten, machte er dann Politik. Und auch dort blieb er sich treu, redete die Krisen weg und schönte die Defizite; er versprach filmreif, was er in Wirklichkeit nicht halten konnte.

          ... mit Merkel und Sarkozy ...

          So ist es gar nicht einfach, in seinen Medien seinen Sturz nachzuzeichnen. Ungerührt bleiben sie bei den üblichen Beiträgen: In Canale 5 waren am Mittwoch illustre Gäste bei der früheren italienischen Schönheitskönigin Martina Colombari zum Gespräch über die gesellschaftlichen Höhepunkte der Fechtweltmeisterschaften, wo Italien Weltmeister wurde. Danach breitete die mandeläugige Enrica aus Catania vor ihrem männlich-herben Gastgeber mit offener Brust Luca auf seiner Gartenbank vor blühendem Gesträuch ihre Träume aus und sagte, wie sie es mit Filippo und Mario halten möchte. Die Nachrichten werden wie stets kurz gehalten.

          ... mit Alessandra Mussolini ...

          Italia 1 war da schon politischer. Im Rahmen eines Cabarets weckte ein Schauspieler die Ängste der Italiener vor den Fremden und beruhigte sie wieder: „Was machen Sie, wenn Handwerker in Ihr Haus wollen, obwohl Sie gar nicht da sind und Angst haben?“, fragte er und spielte offenbar auf die Kontrollen des Internationalen Währungsfonds in Italien an. „Es gibt einen Schlüssel der Garantie, den kann nur der Eigentümer nachmachen lassen, der ist wirklich sicher - und heißt Europa.“ Im Blog des Turiner Journalisten Alessandro Banfi bei Rete 4 ging es dann zur Sache.

          Ein Chefredakteur bleibt Berlusconi treu

          Längst mit dem Abgang Berlusconis abgefunden und versöhnt damit, dass der Staatspräsident nicht dessen Wunsch auf Neuwahlen nachkommen will, forderte Banfi: „Schluss mit den Wortgefechten in den Fernsehshows“ (der berlusconikritischen Sender), „mit den täglichen Fragen, wie sich der Ministerpräsident verhält, Schluss mit den Skandalen und Skandälchen, Schluss mit den Kämpfen und Privilegien der Kaste.“ Denn „Italien und die Italiener sind wirklich in Gefahr. Wir müssen eine neue Seite aufschlagen und unser Land verteidigen. Mit erhobenem Haupt.“ Das klang sonderbar. Hätte das nicht auch Berlusconi schon tun können?

          ... und mit Wladimir Putin

          Augusto Minzolini, Chefredakteur von Rai 1, gab sich am Montagabend als der fast letzte Getreue seines Ministerpräsidenten und beschimpfte zur besten Sendezeit um 20 Uhr die „abtrünnigen Verräter“, die am Dienstag im „Kampf“ um das Parlament nicht für den Rechenschaftsbericht zum Haushalt 2010 stimmen würden. „Passt auf, die einzige mögliche Regierung ist die jetzige“, wütete er.

          Diese Abtrünnigen sollten nicht glauben, sie könnten noch lange sein Brot essen. „Anstatt Wahlen zu vermeiden, provoziert ihr sie!“ Im „Giornale“, das dem Bruder von Berlusconi gehört, widmete Chefredakteur Vittorio Feltri am Donnerstag seinem bisherigen Regierungschef einen Nachruf, der auch die Stimmung in Berlusconis Sendern widerspiegeln dürfte: Offenbar hätten alle von der Ankündigung des Abschieds Berlusconis einen positiven Effekt auf die Börsen erwartet. Tatsächlich kam es zum Desaster. „Zeigt das nicht, dass nicht er das Problem war oder ist?“ Die Spekulanten und Europa insgesamt „sind nicht von Berlusconi in Schrecken versetzt worden, sondern von seiner Instabilität“, die von seinen Gegnern verursacht worden sei. Jetzt, ohne ihn, gerate Europa in Panik. „Wenn Berlusconi geht, wer kommt nach ihm? Ängstliche Fragen.“

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