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Silicon Valley : Aus der Nähe sehen sie ganz friedlich aus

Tempo vor Perfektion

Etwa mit dem Joint Venture „Politico“, der europäischen Ausgabe einer in den Vereinigten Staaten sehr einflussreichen journalistischen Website. So etwas zu probieren dürfte eine der Lehren sein, die Keese für Springer aus seiner Reise gezogen hat. Sein Buch aber handelt von Lehren, die alle ziehen können. Es zeigt, was viele von den Konzernen aus Palo Alto zu befürchten haben: die totale Übernahme. Nach der Presse sind die Banken und die Automobilkonzerne dran, eine Branche nach der anderen wird folgen.

Die Internetkonzerne wachsen ins Unermessliche, kaufen Konkurrenten auf, legen Start-ups, die ihnen gefährlich werden könnten, lahm, bezahlen keine Steuern, unterliegen in Amerika kaum rechtlichen Restriktionen, errichten Monopole und führen den Kapitalismus ad absurdum. Das Arbeitsleben aller, die nicht für den Staat arbeiten und in gesicherten Verhältnissen leben, ändert sich grundlegend. Aus Geistesarbeitern werden Klickworker, die rund um die Uhr auf dem ganzen Globus verteilt für Pfennigbeträge angeheuert werden. Die Politik hat erst begonnen zu verstehen, was das in seiner Gesamtheit bedeutet. Europa steht vor der Wahl, dieser Okkupation zu begegnen.

Christoph Keese hat die Weiterungen der digitalen Debatte verstanden, er klappert alle ab, die etwas dazu sagen können, und legt luzide dar, was Konzerne wie Google, Apple, Amazon, Facebook und Co. dem Rest der Welt voraushaben: Techniker und Ingenieure definieren, wie die Welt zu sein hat. Jederzeit kann alles umgestoßen werden, man muss sich selbst umstandslos in Frage stellen können, „disruptive Innovation“ nennt sich das. Tempo geht vor Perfektion. Neun von zehn Start-ups floppen, doch das macht nichts.

Generalappell an die Politik

Man muss in Plattformen denken. Je größer die Plattform, je größer das Netzwerk, desto größer der Nutzen für den Kunden, desto größer seine Bereitschaft, alles von sich preiszugeben, um noch mehr Bequemlichkeit und Nützlichkeiten willen. Dass diejenigen, die etwas Reales produzieren, „schnell ins Abseits“ geraten, wie Keese schreibt, versteht sich. Es geraten alle ins Abseits, deren Leben sich jenseits der Grenzen von Palo Alto abspielt, angefangen von den Bewohnern San Franciscos, die von den gutbezahlten Techies aus dem Silicon Valley aus ihren Wohnungen verdrängt werden.

Christoph Keese beschreibt und analysiert all dies, ohne larmoyant zu werden. Er scheint daran zu glauben, dass aus der Netzwerk-Ökonomie noch etwas anderes als eine Konzerndiktatur werden kann. Wir sollten uns, schreibt Keese, „von Serverschiffen, Datendrohnen und Kamerasatelliten nicht einschüchtern lassen. Dass Infrastruktur virtuell geworden ist, heißt nicht, dass wir sie nicht trotzdem im Sinne Erhards regulieren können.“ Sinnvoll regulieren, um Freiheit zu bewahren, darin besteht Keeses Generalappell an die Politik. Unternehmern und Managern gibt er in seinem Buch reichlich Anschauungsmaterial, sich bei den Konzernen im Silicon Valley Techniken abzuschauen.

Für eine Bilanz der Digitalisierung sei es noch zu früh. Wenn es sie gibt, so Keese, wird sie „vor allem eine Bilanz unseres Willens, Grundsätze zu formulieren und Freiheit zu schaffen“, sein. Ob schließlich Deutschland „das Land der Ideen“ bleibt oder aufs Neue wird, also die Herausforderung des Silicon Valley begreift und meistert, könnte auch davon abhängen, wie viele Menschen dieses Buch lesen. Es sollten viele sein.

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