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Die Buhrow-Initiative : Wo sind die schlauen Köpfe?

  • -Aktualisiert am

Streitbar: Tom Buhrow Bild: dpa

Der Vorschlag von Tom Buhrow, die Grundlagen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks neu zu bestimmen, eröffnet die Chance für eine große Debatte: Welche Medienlandschaft braucht unsere Demokratie? Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Der ARD-Vorsitzende Tom Buhrow hat etwas fast Unerhörtes getan: Er hat, in der F.A.Z. dokumentiert, radikale Überlegungen zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks angestellt. Das ist eine Sensation. Nicht so sehr wegen der konkreten Inhalte. Sondern wegen der Offenheit für einen wirklichen Neuanfang, die Tom Buhrow signalisiert.

          Der WDR-Intendant ermuntert damit alle Interessierten und Betroffenen zu Reaktionen. Und gerade die überraschende Deutlichkeit seiner Thesen hat solche in den letzten Tagen zahlreich und oft erfrischend pointenreich provoziert. Diese Lust an der Debatte ist existenziell für uns Medienschaffende. Und so viel wertvoller als nur zu streiten.

          Verständnis für die Grundlagen

          Dass besonders die Zeitungen mit ihren digitalen und gedruckten Angeboten immer wieder in heftiger Reibung mit ARD und ZDF stehen, ist bekannt und wurde durch jüngste Schlichtungsgespräche und Gerichtsverfahren deutlich. Selbstverständlich müssen wir hier zu zufriedenstellenden Lösungen kommen und fordern mehr Fairness und ein größeres Verständnis für die Grundlagen unserer zunehmend digitalen Geschäftsmodelle aufseiten der Vertreter der öffentlich-rechtlichen Häuser. Aber das sind die Mühen des Alltags. Um die kann es nicht gehen, wenn die Debatte über den Moment hinaus zeigen soll.

          Die Medienlandschaft in Deutschland ist eine der besten der Welt. Ja, andere sind womöglich weiter bei der Digitalisierung, visionärer, technikaffiner. Aber wir haben: Meinungsvielfalt durch zahlreiche kleine, mittlere, große Medienhäuser und eine Vielzahl an Sendern. Redaktionen, die ohne Repressalien durch ihren Arbeitgeber arbeiten können. Wir haben eine – bestimmt nicht immer perfekte – Selbstkontrolle der Medien. Wie sie längst nicht in allen Staaten der EU besteht.

          Fast all dies existiert in Deutschland erst seit gut 70 Jahren. Wurde aufgebaut und weiterentwickelt mit dem Willen, aus der Vergangenheit zu lernen und (auch) mithilfe von unabhängigen Medien eine Basis für eine wehrhafte Demokratie zu schaffen. Wir müssen leider nicht weit schauen (selbst innerhalb der EU), um zu erkennen: Es gibt keine Garantie, dass es immer so gut weiter gehen wird. Deshalb denken wir: Ein runder Tisch, wie Tom Buhrow ihn vorschlägt, ist ein guter Anfang; wir brauchen aber mehr. Einen Thinktank, einen Open Space oder ein Lab für die Medienrevolution – egal, wie wir es nennen. Einen weitläufigen, offenen Ort eben, an dem sich Vertreter der deutschen Medienlandschaft, der Politik, der Gesellschaft zum Debattieren begegnen können. Einlassvoraussetzung: Jobtitel, Vorurteile und Partikularinteressen sind an der Garderobe abzugeben. Und über dem Eingang steht die eine, entscheidende Frage: Welche Medienlandschaft braucht unsere Demokratie in Zukunft?

          Sigrun Albert ist Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV).
          Sigrun Albert ist Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV). : Bild: picture alliance/dpa/BDZV

          Stellen wir uns vor, in unserem Medienrevolutions-Lab gäbe es einen Coach, der den Beteiligten die Grundregeln des „Design Thinking“ etwa so erklärt: Erst beschreiben wir das Pro­blem. Dann arbeiten wir gemeinsam, kreativ und vorurteilsfrei an Lösungen. Folgende Probleme würden wir nach einem ersten Brainstorming auf Post-its schreiben und an die Pinnwand hängen

          Ganz wenige Player besitzen so gut wie alles

          Wir alle sehen die großartigen Errungenschaften durch die Globalisierung und Digitalisierung – Informationen sind jederzeit überall verfügbar, Wissen kann weltweit geteilt werden. Und gleichzeitig (und das sehen wir womöglich noch nicht so klar und so gern): In der digitalen Medienwelt hat sich eine Macht- und Meinungskonzentration herausgebildet, die wir in der analogen Welt vermutlich niemals so geduldet hätten. Gatekeeper bestimmen, wer wo wann welche Informationen sieht und welche nicht. Wir alle, ob öffentlich-rechtlich oder privat finanziert, sind in diesem Wettbewerb Winzlinge.

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