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ARD-Doku über die Stasi : Sie wussten fast alles

Der „Kundschafter“ und sein Chef: Markus Wolf (links) und Erich Mielke. Bild: rbb/ARD/BStU

Die ARD zeigt eine packende Milieustudie über die Auslandsspione der Stasi: „Inside HVA“ gibt intensive Einblicke in einen Geheimdienst, der vom Westen unterschätzt wurde.

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          Am Ende stellt der CIA-Historiker Ben Fischer eine entscheidende Frage: „Wie wichtig sind Geheimdienste überhaupt? Sie helfen beim Zählen von Panzern, Flugzeugen oder Soldaten, aber sie können manchmal nichts über die kommende Entwicklung in der Welt sagen.“ Damit ist angesprochen, was die Dokumentation „Inside HVA: Ein deutscher Dienst im Kalten Krieg“ offen lässt: Wie ist letztlich der Einfluss der „Hauptverwaltung für Aufklärung“ des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR auf den Gang der Geschichte zu bewerten?

          Daniel und Jürgen Ast bieten mit ihrem Film keine politische oder historische Analyse, sie konzentrieren sich auf beteiligte Personen. Sie zeigen sie als Überzeugungstäter eines weltweit präsenten Geheimdienstes, der vom Westen unterschätzt wurde. Das ist umso erstaunlicher, wenn man sich die Dimensionen des Aufklärungsapparats vor Augen führt: Zweitausend Agenten waren für die HVA zuletzt im Einsatz, insgesamt hatte sie viertausend hauptamtliche und 13.000 inoffizielle Mitarbeiter. Was sie an Informationen zusammentrugen, wurde mit den Genossen in Moskau geteilt. Das oberste Ziel: So viele Details wie möglich zur atomaren Bewaffnung und zu Verteidigungsplänen der Nato herauszufinden. Die wichtigsten Ziele der Spione: Parteien, Unternehmen, Forschungszentren, Behörden und militärische Einrichtungen in der Bundesrepublik.

          Die ganze Bandbreite der Utensilien und Techniken, die die HVA-Agenten im Einsatz hatten, wird vorgestellt: Präparierte Alltagsgegenstände wie Schlüssel, Münzen, Walnüsse und Feuerzeuge für den Schmuggel von Informationen, das Auftreten der „Romeos“ und von Doppelgängern.

          Korpsgeist war alles, eigenes Denken nicht: Markus Wolf (links) mit HVA-Offizieren.

          Wir erleben das Selbstverständnis der HVA-Spione als „Kundschafter des Friedens“. Sie bildeten eine verschworene Bruderschaft, voller Stolz auf ihre „preußischen Tugenden“, wie einer der damaligen „Kundschafter“, Günter Enterlein, sagt. Ein KGB-General schwärmt von der deutschen Gründlichkeit der HVA. Dass sich diese „Tugenden“ mit einem Korpsgeist und unbedingtem Gehorsam verbanden, wird zu großen Teilen Markus Wolf gutgeschrieben, der die HVA von 1952 bis 1986 leitete. Der „Mann ohne Gesicht“ wurde Ende der Siebziger von Werner Stiller, einem seiner Agenten, enttarnt, der damals zum BND überlief. Stiller war einer der wenigen, die nicht darüber hinwegsehen konnten, wie sehr Anspruch und Realität in der SED-Diktatur auseinanderklafften.

          Paranoia und „präventive Abschreckung“ griffen danach um sich: Werner Teske, der sich darauf vorbereitet hatte, es Stiller gleichzutun, flog auf und wurde 1981 durch „unerwarteten Nahschuss“ hingerichtet – das letzte Todesurteil der DDR. Die Tonaufnahme, in der Stasi-Chef Erich Mielke mit kalter Logik die Hinrichtung erklärt, gehört zu den eindrücklichsten Momenten des Films. Was passierte, als einer der „Romeo“-Agenten eine Affäre mit der Tochter seines Chefs Markus Wolf anfing oder als ein anderer auf geheimer Mission zufällig seiner Frau begegnete, gehört hingegen zu den irrwitzigen Details, die ebenfalls im Gedächtnis bleiben.

          Ab Mitte der siebziger Jahre ist der DDR-Geheimdienst weltweit aktiv. Damit und mit Geheimnissen der NSA und der Nato, in die der Dienst tiefe Einblicke hatte, befasst sich der zweite Teil, der an diesem Montag läuft. Er endet damit, dass auch ihr kritischer Weltblick auf die DDR die meisten HVA-Agenten bis zum Schluss nicht von ihrer Regimetreue abbrachte.

          Die Dokumentation ist tief im konkreten Geschehen und im Alltag der DDR-Spione. Ihnen und ihrer Version der Geschichte räumt sie viel Raum ein und flankiert sie mit der Einordnung durch den CIA-Historiker Fischer und den KGB-Historiker Wladimir Chaustow. Beide fallen dadurch auf, dass sie von ihrem jeweiligen Forschungsobjekt in der Wir-Form sprechen. Eine distanziertere Sicht auf den Geheimdienst-Komplex oder mehr Raum für die Äußerungen der Historikerin Kristie Macrakis würde hier guttun. Dem hochinteressanten Blick auf persönliche Schicksale und das Agentenleben in den Ländern des „Klassenfeinds“, der Bundesrepublik und den Vereinigten Staaten, tut das jedoch keinen Abbruch. Es ist eine regelrechte Milieustudie. Unklar bleibt allein, wie die von den Spionen erlangten Informationen politisch genutzt wurden. Deutlich wird, warum der HVA-Apparat, wie der CIA-Historiker Fischer beobachtet, die Zeichen der Zeit nicht erkannte: In der strikten Befehlskette war für freies Denken kein Platz.

          Inside HVA, an diesem Montag, 23.30 Uhr, im Ersten

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