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ARD-Film „Ein Teil von uns“ : Sie trinkt sich zu Tode

  • -Aktualisiert am

Nadja (Brigitte Hobmeier) leidet unter ihrer Mutter Irene (Jutta Hoffmann). Bild: BR/Alexander Fischerkoesen

Alkoholismus zerstört die Familie: „Ein Teil von uns“ erzählt die Geschichte einer Tochter, die ihre Mutter retten will – und spart nicht an trostlosen Details aus dem Milieu.

          Es spielt keine Rolle mehr, wann Irene zu trinken begann. Jetzt ist es so, wie es ist, und „Ein Teil von uns“, der von Esther Bernstorff geschriebene Mittwochsfilm im Ersten, will von heute erzählen, nicht von gestern. Die Zeit, in der Irenes Alkoholkonsum ausuferte, muss allerdings lange her sein. Ihre Kinder verwahren alte Camcorder-Bänder. Die kramen sie hervor, wenn so etwas wie Glück nur noch als Erinnerung zu haben ist: Die Gesichtszüge der Mutter sind klar, sie sitzt im Gras und singt Lieder. Nicht alles war schlecht. An anderen Tagen vermochte sich Irene schon damals nicht auf den Beinen zu halten. Wenn man das weiß, meint man die Krankheit auch auf den Video-Bildern zu sehen. Eine überdrehte, fast verzweifelt das verbliebene Schöne mit der Gitarre in der Hand beschwörende Frau. Irenes Mann sagt: Sie hatte schon Probleme, bevor sie ihn traf. Bevor sie Kinder bekamen. Die Ehe zerbrach.

          Die Szenen, mit denen „Ein Teil von uns“ beginnt, scheinen den Kindern endlich Aussicht auf ein neues, unbeschwerteres Leben zu bringen: Irenes Tochter Nadja, eine Kindergärtnerin mit roten Haaren und großen runden Augen (Brigitte Hobmeier), wird an einem Winterabend von ihrem Freund abgeholt, kichernd und kuschelnd, versteckt sie sich vor den Knirpsen im Auto.

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          Nadjas Bruder Mikki wiederum lädt zur Hochzeit ins Restaurant. Die Reden sind gerade gehalten, die Gläser wieder gefüllt, da wird die Feier von einer verwirrten Alten gestört, die heranschleicht und auf einem leeren Stuhl Platz nimmt, ohne weiter beachtet oder gegrüßt zu werden. Während der Bräutigam ein rührendes Liedchen anstimmt, springt sie auf und ruft „Bravo“. Einen Wimpernschlag später, aus dem endlos wiederholten „Bravo“ wurden Schimpftiraden, der Tisch ist verwüstet, wird sie von einem Mitarbeiter des Hotels auf die Straße gesetzt.

          Selbst Nadja, die der Alten hinterherhastet und sie mit einem Dosenbier ruhigstellt, will sich zu ihrer Mutter nicht mehr bekennen, seit Irene zu einem unkontrollierbaren Risiko für ihren Broterwerb wurde. Und was das staatliche Fürsorgewesen an Betten für Wohnungslose anbietet, wird von Irene in der Regel vermüllt und verschmäht. Sie schämt sich, hat Angst, säuft, kotzt und schreit. Selbst Einrichtungen für psychisch Kranke erklären sich für überfordert.

          Der von Regisseurin Nicole Weegmann inszenierte Film, der sich bei der Darstellung von Irene auf die schauspielerische Erfahrung Jutta Hoffmanns verlassen kann, spart nicht an trostlosen Details aus dem Milieu. Als Psychostudie überzeugt er, weil er platten Botschaften ausweicht und Nadjas Blickwinkel konsequent folgt. Die trug seit der Kindheit fast allein die Last. Sie übernahm die Last, muss man sagen, und sie schleppte die Mutter trotz aller hässlichen Worte durchs Leben, solange es nur irgendwie ging.

          Man kann ihr nicht verdenken, dass sie die Beleuchtung nun ausdreht, als die Mutter in der Nacht vor ihrem Wohnblock auftaucht und brüllt. Denn Nadja duckt sich auch diesmal nicht wirklich weg; das machen andere, ihr Vater vor allem. Schon bald wird Nadja auf dem Rasen neben ihrer Mutter kauern, schluchzend und von der Mutter gestreichelt, und sie wird nach einer Lösung suchen, die es nicht gibt.

          Eine Lösung hätte es vielleicht mal gegeben, vor vielen Jahrzehnten. Aber jetzt? Stumme Blicke, lange Bäder, bei denen das Wasser kalt wird. Und jeder in Irenes Familie, der Ex-Mann, der mit einer neuen Partnerin zusammenlebt, ihr Sohn, der beim Gedanken an die Verantwortung für die Mutter Magenkrämpfe bekommt, ihre Tochter, die nicht mal dem gutmütigen Freund (Nicholas Reinke) von der verwahrlosten Mutter erzählt, fürchtet sich vor neuen Wunden und dem Zerstörerischen, das von Irene ausgeht. „Ein Teil von uns“ ist ein Film von großer Kraft: tieftraurig, langsam, Themen wie Familie und Verantwortung behutsam, ohne Schuldzuweisungen umkreisend. Kümmert euch rechtzeitig, raunt er. Ohne zu verschweigen, dass das manchmal nichts bringt.

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