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Die Serie „Feud“ bei TVNOW : Sie drehen keine Frauenfilme mehr

  • -Aktualisiert am

Zeugin einer Fehde: Olivia de Havilland (Catherine Zeta-Jones) streicht ihrer Kollegin Bette Davis (Susan Sarandon) über die Wange. Bild: TVNOW

Die Hollywood-Diven Joan Crawford und Bette Davis verband eine lebenslange Rivalität. Davon handelt die Serie „Feud“ – und von dem Kampf, in dem die Frauen gemeinsam standen.

          Joan Crawford und Bette Davis waren über viele Jahre zwei der größten weiblichen Stars in Hollywood. Zu Beginn der sechziger Jahre aber sah vieles danach aus, als wäre nicht nur ihre Zeit vorbei, sondern eine ganze Ära: die berühmten Studios verloren an Bedeutung, sie kämpften gegen das Fernsehen und versuchten hektisch, sich auf die neue populäre Kultur einzustellen. Ist es in so einer Situation nicht widersinnig, wenn zwei Frauen, zwei Starpersönlichkeiten, alles nur auf ihre unmittelbare Konkurrenz beziehen?

          Die Serie „Feud“ erzählt von der „Fehde“ oder von der Zwietracht zwischen Joan Crawford und Bette Davis, die 1961 gemeinsam an einem Film arbeiteten, der ihnen einen späten Karrierehöhepunkt verschaffte: „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ von Robert Aldrich war ein Psychothriller mit zwei weiblichen Hauptrollen, in dem niemand so tun musste, als wären Crawford und Davis ewig jung. Sie spielten zwei Filmstars von einst, die nun zurückgezogen in einer Hollywood-Villa leben und einander gnadenlos zu zerrütten versuchen.

          Ryan Murphy ließ „Feud“ verwaist bei Fox zurück

          „Feud“ legt allerdings mit dem Titel eine Fährte, die ein wenig in die Irre führt. Denn es wäre widersinnig, einfach die Konstellation von Aldrichs Klassiker auf die beiden Stars anzuwenden und deren Duell zu einer Spiegelung der psychologischen Kriegsführung in dem Schwarzweißfilm zu machen. Es ginge auch an den Bewusstwerdungsprozessen vorbei, die in der Unterhaltungsindustrie in den letzten Jahren zu erkennen sind. Ein „Zickenkrieg“ zwischen Joan Crawford und Bette Davis wäre nicht viel mehr als schlechter Showbiz-Klatsch – und auch misogyn, denn es schwingt dabei immer auch das Vorurteil mit, dass Männer besser oder natürlicher (oder weniger hysterisch) mit Konkurrenz umgehen können.

          Von „Feud“ war vor zwei Jahren zu lesen, dass ursprünglich eine größere, anthologische Serie geplant war, in der verschiedene große, persönliche Auseinandersetzungen aus der (Kultur-)Geschichte erzählt werden sollten. Eine zweite Staffel sollte sich mit Prinz Charles und Prinzessin Diana beschäftigen. Es blieb dann aber bei den acht Folgen mit Jessica Lange als Joan Crawford und Susan Sarandon als Bette Davis. Das hat vermutlich auch mit einem Karriereschritt des wichtigsten Urhebers der Serie zu tun: Ryan Murphy heuerte 2018 bei Netflix an und ließ „Feud“ verwaist bei Fox zurück.

          Ein System, das nur bestimmte Formen des Ausdrucks zugesteht

          Der zurzeit vielleicht einflussreichste Produzent im amerikanischen Fernsehen widmete sich danach vor allem der Ballroom-Serie „Pose“, die in Amerika noch bei FX herauskam, in Deutschland aber auf Netflix läuft. Murphys Interesse für queere (Sub-)Kulturen fand in der Welt des alten Hollywood keine direkten Anschlussmöglichkeiten. Gleichwohl ist auch „Feud“ in vielerlei Hinsicht von den Sensibilitäten geprägt, mit denen man heute auf Geschlechterverhältnisse blickt.

          „Noch nie hatte es eine solche Rivalität gegeben“, heißt es zu Beginn über Crawford und Davis. Danach wird aber sukzessive deutlich, dass diese psychologisch komplizierten Frauenfiguren aus einem System kommen, das ihnen nur bestimmte Formen des Ausdrucks zugesteht. Ein wichtiger Satz fällt zwischendurch, und er wird in der deutschen Synchronisation gar nicht in seiner ganzen Bedeutung erkennbar: „Sie drehen keine Frauenfilme mehr.“ Frauenfilme („women’s films“) waren vor allem zwischen 1930 und 1960 ein eigenes Genre, in dem all die kulturellen Anpassungsleistungen verhandelt wurden, die Frauen im Wirtschaftswunder und vor der sexuellen Revolution zu leisten hatten. Die Melodramen dieser Jahre wandten sich auch an ein bestimmtes männliches Publikum, und es ist somit nur folgerichtig, dass die einzige männliche Rolle von Belang in „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ ein „pummeliger Homosexueller“ ist.

          Crawford und Davis waren Sexsymbole für alle Geschlechter, und sie betrauerten 1961 auch die Ablösung durch (auf den ersten Blick) simplere Star-Images: Marilyn Monroe, Doris Day oder Audrey Hepburn. Schon der Film von Robert Aldrich enthält eine Archäologie von Hollywood, die bis in die Zeit des Stummfilms zurückreicht. In analoger Weise führt Murphy die Serie „Feud“ bis nahe an die Gegenwart heran, jedenfalls so weit, dass die Geschichte der beiden Frauen selbst noch einmal historisiert werden kann. Ende der siebziger Jahre erinnern sich die Kolleginnen Joan Blondell und Olivia de Havilland (gespielt von Kathy Bates und Catherine Zeta-Jones) an „Die Feindschaft von Bette und Joan“ – so der doch deutlich zu einsinnige deutsche Untertitel.

          Trotz der beiden starken Hauptdarstellerinnen (Susan Sarandon hat mit ihrer Rolle mehr Spielraum als Jessica Lange) ist „Feud“ ein Ensemble-Ereignis: Man sieht bis in gewisse Nebenrollen (Molly Price spielt Harriet Aldrich, die Frau des Regisseurs, als genuin melodramatische Figur; Kiernan Shipka, die Sally Draper aus „Mad Men“, spielt die Tochter von Bette Davis), dass sich das Starsystem in Amerika nicht zuletzt dank der figurenreichen Serien der letzten zwanzig Jahre gewandelt hat. Frauen sind nicht mehr auf „typisches“ Konkurrenzverhalten reduzierbar. Die „Fehde“ in „Feud“ geht weit über die beiden Hauptfiguren hinaus.

          Feud ist von heute an auf der RTL-Plattform TVNow zu sehen.

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