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„Shooting the Mafia“ im Ersten : Das Antlitz der Gewalt

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Erstes Bild: Palermo 1982, die Cosa Nostra hat eine junge Frau und ihre Freunde ermordet, sie waren dem Drogenhandel in die Quere gekommen. Bild: SWR/Lunar Pictures/Letizia Batta

Unermessliches Leid und grenzenlose Gewalt sind die Themen der Fotografin Letizia Battaglia. Sie hat als Erste die Verbrechen der Cosa Nostra dokumentiert. Eine Dokumentation begibt sich auf ihre Spuren.

          Kinder spielen auf den sonnigen, von alten Renaissancehäusern gesäumten Straßen der sizilianischen Hauptstadt Palermo Fußball. Ausgelassen. Leichtfüßig. Als hätten sie keine Sorgen. Und Letizia Battaglia fotografiert sie mit ihrer handlichen und analogen Schwarzweißkamera. „Mit vierzig habe ich angefangen, Bilder zu machen. Mich hat es richtig gepackt. Ich konnte mich mit dem Fotoapparat viel besser ausdrücken als mit dem Schreiben“, sagt die resolute Künstlerin.

          Damit begann das turbulente zweite Leben der 1935 auf Sizilien geborenen Fotografin, die erst im Alter von vierzig Jahren ihre Passion entdeckte. Sie entwickelte sich binnen kürzester Zeit zu einer wichtigen Dokumentaristin des gegenwärtigen Italiens, zeigt die Armut, die Aussichtslosigkeit, aber auch die Schönheit ihrer Heimat Sizilien.

          Sie interessiert sich für die Schicksale der einfachen Leute, thematisiert das Leid im von Korruption und den kriminellen Strukturen der Cosa Nostra durchsetzten Süden des Landes. Für lange Zeit konnte die Mafia ungehindert ihren Geschäften nachgehen. Brutale Morde, Erpressungen, Umweltzerstörung. Niemand interessierte sich für die verfestigten Strukturen. Weder in der fernen Hauptstadt Rom noch irgendwo sonst gab es Unterstützung für die Opfer des patriarchischen Herrschaftssystems im Schatten des Staates. „Es war eine Männergesellschaft“, sagt Letizia Battaglia stoisch.

          Täglich hörte sie den Polizeifunk ab

          Das änderte sich in den siebziger Jahren, der Zeit, in sie die Taten der Cosa Nostra ins Licht der Weltöffentlichkeit rückte, durch ihre radikal realistischen Fotografien. Die Geschichte der virtuosen Fotografin, die mehr als 600000 Schwarzweißbilder angefertigt hat, wird heute im Ersten gezeigt. „Shooting the Mafia“ ist der Titel des Porträts der Dokumentarfilmregisseurin Kim Longinotto, die einen ebenso lebendigen wie intimen Einblick in Battaglias Leben und Werk gewährt.

          Drei blutüberströmte Leichen in einem Zimmer, die Gesichter weggedreht – eine Prostituierte und ihre Freunde. Sie wurden ermordet, weil sie mit Drogen handelten, die Gesetze der Cosa Nostra nicht kannten und ins Revier der Clans eindrangen. Es ist das erste Bild aus Battaglias Œuvre, welches von den Verbrechen der Cosa Nostra handelt. Wie kam sie dazu? Mit drei Kindern verließ sie 1971 ihren Ehemann. Nach einem Nervenzusammenbruch wollte sie ihr Leben radikal ändern. Sie nahm in Mailand eine Stelle als Kulturkorrespondentin der linken Zeitung „L’Ora“ an. Von 1974 an fotografierte sie.

          Dokumentiert die Verbrechen der Cosa Nostra: Letizia Battaglia.

          Während des Entwickelns in der Dunkelkammer hörte sie täglich den Polizeifunk ab und war häufig die Erste an den Tatorten und den Schauplätzen von Schießereien. In der Epoche der blutigen Mafiakriege im Palermo der Achtziger gab es täglich mehrere Tote. Bürgerkriegsartig sind die Zustände auf der Insel, und Letizia Battaglia liefert der internationalen Presse die Bilder zu den Gewalttaten.

          Sie schrieb mit ihren Fotografien Geschichte

          Leider findet der Film besonders zu Beginn nicht die richtige Tonalität. Während im Bild kleine Kinder erscheinen, die mit Waffen posieren, und Frauen, die mit Babys in den Elendsquartieren Palermos sitzen, spielt plötzlich italienischer Schlager auf. Im Filmausschnitt über die Cosa-Nostra- Prozesse der neunziger Jahre folgt Domenico Modugnos Gassenhauer „Nel blu dipinto di blu“. Longinotto versucht die politischen Debatten mit der Popkultur der damaligen Zeit zu verbinden, was sich nur schwerlich mit dem gesellschaftspolitischen Gegenstand des Films vereinen lässt. Der Versuch beispielsweise, Battaglias Liebhaber an einen Tisch zu bringen und in Erinnerungen über sie schwelgen zu lassen, wirkt bemüht.

          Die Montagetechnik des Films sorgt im zweiten Teil dann für ein intensives Sittenbild des alten Italiens und zeigt, wie wichtig die Arbeit von Letizia Battaglia für die Prozesse gegen die Chefs der Clans gewesen ist. Mit Originalaufnahmen von Gerichtsverhandlungen, Nachrichtenausschnitten des italienischen Staatssenders Rai und Bildern von den Attentaten auf die Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino fängt die Regisseurin die aufgeheizte, von Lagerkämpfen geprägte Stimmung der sizilianischen Bevölkerung ein.

          Letizia Battaglia schrieb mit ihren Fotografien Geschichte. Sie ist es, die den Prozessen weltweite mediale Aufmerksamkeit und den Opfern ein Gesicht gibt. Ohne Letizia Battaglia hätte sich die Situation auf Sizilien vielleicht nie verbessert. Ohne sie wäre es viel schwieriger, die Lage der Menschen nachzuvollziehen, die sich in einem täglichen Überlebenskampf mit der Mafia auseinandersetzen müssen. Ihr Dasein ist von Angst und Einschüchterung geprägt.

          Der Film erzählt die Emanzipationsgeschichte dieser Frau nach, die sich den Respekt ihrer mehrheitlich männlichen Kollegen hart erarbeiten musste. Der Schmerz, mit dem sie bei ihren Einsätzen konfrontiert gewesen war, ließ sie nicht unberührt. In einem Interview mit der „New York Times“ von 2001 merkte sie an, dass sie ihr Werk als „bewegliches Leichenschauhaus“ empfinde, es sei voller „Tränen und Blut“. Doch trotz der menschlichen Abgründe, die das Leben von Battaglia formten, hat sie ihre Lebenslust, ihren Mut und die Hoffnung auf ein besseres Sizilien ohne die Cosa Nostra nie verloren. Das beweist die Dokumentation von Kim Longinotto.

          Shooting the Mafia, heute um 22.45 Uhr im Ersten.

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