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Serienstart: „Im Schleudergang“ : Schwabinger Seifenoper

  • -Aktualisiert am

Das ist bunt genug: Gisela Schneeberger als Christa Bachmeier in der Serie „Im Schleudergang“ Bild: Bayerischer Rundfunk / Barbara Bauriedl

Wer will zurück in die Achtziger? Der Bayerische Rundfunk sendet mit „Im Schleudergang“ eine Serie für Liebhaber platter Klischees und überzeichneter Figuren.

          Nichts ist so stabil wie die Rotation. Und fürwahr, es rotiert noch im Bayerischen Rundfunk: „Im Schleudergang“ presst jetzt mit roher Zentrifugalkraft letzte Tropfen aus dem feuchten Schlabberlumpen altdeutscher Gemütlichkeit. Derart verpeiltes Achtzigerjahrefernsehen ist die neue Serien-Komödie von „Franzi“-Autor Peter Bradatsch, die sich um die klitzekleinen, bis ins letzte Detail uninteressanten Lüste und Nöte der Münchner Wäschereibesitzerin und aufdringlichen Möchtegernschickse Christa Bachmeier (Gisela Schneeberger) dreht, dass man diese Biederkeitsexplosion schon wieder anarchisch finden kann. Typisch Bayern? Wo man Camembert, weil nicht fettig genug, mit Butter vermanscht, da produziert man auch solche Unterhaltung, die nur als ihre eigene Karikatur durchgeht: „Im Schleudergang“ ist der Obazda des zweidimensionalen Volkstheaters.

          Alle sechs Figuren stehen in einem Plumpheitswettbewerb. Neben der neurotischen Chefin gibt es die noch viel neurotischere Tochter Sieglinde, Panikattacken-Sieglinde, sowie Christas Wäscherei-Mitarbeiter: die knuffige Watschelente Gitti und den in jeder Folge abermals ein windiges Extrabusiness aufziehenden Gute-Laune-Bär Michi (in der ersten Folge sind es Wambo-Mambo-Massagen, angeblich nach Hildegard von Bingen).

          Außerdem wirbelt Udo Wachtveitl durch diese Schwabinger Seifenoper, sonst akkurater Mörderschreck Leitmayr, hier tüddeliger Ex-Opernsänger Max Vonderthann. Er ist eine Art an Christa klebengebliebener Pumuckl, der minutenlang garstig über den Gardasee delirieren kann, welcher ausschließlich sekretärinnenbegattenden Geschäftsmännern als Ausflugsziel diene, geschmacklosen Primitiven, die sich weltmännisch vorkämen, während sie Spaghetti Bolognese orderten. Diese Litanei gibt Wachtveitl - einigermaßen grundlos - in Unterhose und Thomas-Gottschalk-Überwurf von sich.

          Isoliert und antiquiert

          Der Anlass immerhin ist klar, denn der zugleich winselige und angeberische, auf jeden Fall steinalte Liebhaber der Chefin (“Nicht hudeln, Christa, er ist keine sechzig mehr!“) hat ebendiese Reise mit ihr geplant, um endlich über die seit fünf Jahren gepflegten Montagnachmittagschäferstündchen im Hotel „Zum Gockl“ hinauszugelangen. Als geborener Totalversager stolpert er aber natürlich über die eigenen Ambitionen.

          Das alles ist so herrlich schnurzegal und dement, dass man denken könnte: rein in den Gebührensack und in der Isar versenkt! Aber es fällt dann doch etwas auf, das Nichtvorhandene nämlich. Nichts, was unsere Gegenwart bestimmt, kommt in dieser verkrampft komischen Serie vor, keine Krise, keine Großkonzerne, keine Migration (weshalb Afrikaner per se lustig sind, zumal sie - „chakalaka“ - gern nackt herumhopsen), nicht mal Internet.

          Menschen, die sich mit sich selbst beschäftigen

          Ja, es scheint, als habe sich diese Gesellschaft in vollständiger Isolation von der Welt entwickelt, was für Schwabing ja auch zutrifft, schließlich hat ein Schwabinger, schon weil er für seine Schwabingexistenz ein Schweinegeld zum Fenster hinauswirft, für jedes Außerhalb von Schwabing so absolut kein Interesse und Sensorium, dass der waschtrommelhaft um sich selbst kreisende, längst dem Geldproletentum anheimgefallene Stadtteil genauso gut auf dem Mars liegen könnte.

          Diese Marsmenschenexistenz bildet die Waschweiber-Serie allerdings treffend ab. Vielleicht ist also doch Programmatik à la Herbert Achternbusch im Spiel? Eine süßlich-urdeutsche Mittelstandsphantasie fürs teutonische Zipfelmützengemüt (denn tief im Innern sind wir doch alle Schwabinger)? Freilich, die Ankündigung des BR klingt anders, hebt aufs Schenkelklopfen ab („bester bayerischer Humor“), nicht auf Schleudertrauma und Eskapismus einer von der Moderne überrumpelten Gesellschaft.

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