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„Serienjunkies.de“ : Hut ab vor diesen Verrückten in Serie!

  • -Aktualisiert am

Neulich, im Büro: Nach dem jüngsten Lieblingsstück der „Serienjunkies“ braucht man nicht lange zu fragen. Die Redaktion in Berlin-Friedrichshain befindet sich ganz augenscheinlich im Post-Walter-White-Fieber. Der Praktikant wird jedenfalls ins „Breaking Bad“-Outfit gesteckt Bild: Matthias Lüdecke

Winzige Redaktion, große Leidenschaft: Die Website „serienjunkies.de“ macht die Liebhaber von Fernsehreihen noch ein wenig abhängiger. Zu Besuch bei einer verschworenen Gemeinschaft.

          Da sitzt sie im WC und liest Walt Whitman. Ist das nicht eine Szene aus „Breaking Bad“, der preisgekrönten Serie um den Drogendealer Walter White? Ein Ermittler schmökerte in den „Grashalmen“, ebenfalls auf der Toilette, und weil es in dem Buch eine verräterische Widmung gab – „WW“ stand auf der ersten Seite –, flog Walter auf.

          Die sanitäre Anlage ist keine mehr, sondern ein winziges Tonstudio. Die Frau heißt Thordes Herbst, sie ist siebenundzwanzig und Redakteurin bei „serienjunkies.de“. Die Website kümmert sich nur um eines: Fernsehserien, Schwerpunkt Amerika und England.

          Die Podcasts sind neu im Programm, bei einer Reihe wie „Breaking Bad“ dreht sich so ein Gespräch, für das sich bis zu vier Redakteure in das kleine Kabuff zwängen, manchmal um eine einzige Folge. Die wird dann Szene für Szene analysiert. Und so was wollen die Leute hören?

          Wollen sie. Im Schnitt gibt es fünftausend Klicks pro Folge, iTunes Deutschland hat die Sendungen ins Programm genommen, neuerdings beißen auch Investoren wie Sky Atlantic an. Dass Ganze ist noch in der Testphase, die Redakteure haben mit dem Standardprogramm außerdem schon genug zu tun. Sämtliche in Übersee und Deutschland startenden Serien werden aufgelistet und besprochen, dazu gibt es Nachrichten rund um das Fernsehgeschäft, Übersichten zu DVD-Neuerscheinungen, Foto- und Videogalerien. Herbst ist für „Reviews“ zuständig, im Schnitt schreibt sie zwei Rezensionen von laufenden Serien am Tag, hinzu kommen Besprechungen der Neustarts in Amerika. Drei bis vier Folgen täglich, das ist Standardpensum. „serienjunkies“ wird von Serienjunkies gemacht.

          Bezahlung auf „taz“-Niveau

          Hanna Huge hat die Seite 2007 mit Mariano Glas gegründet. Sie war Managerin im Marketing, „eine klassische BWL-Karriere“, wie sie mit grimmigem Lächeln erklärt. „Aber dann hatte ich irgendwann die Nase voll.“ Seit den Achtzigern schaut sie leidenschaftlich Reihen. „Das muss man doch vermarkten können“, sagte sie zu Glas, und was vor acht Jahren wie ein Vabanque-Spiel aussah, ist heute eine etablierte Geschäftsidee. 1,1 Millionen unique user und rund achtzehn Millionen page impressions lautet die Statistik. Für eine Special-Interest-Seite, die von einem Wohnzimmer aus gestartet wurde, ist das beachtlich.

          Jetzt hat man ein Büro im Berliner Friedrichshain, dort, wo früher die Hausbesetzerszene Straßenschlachten anzettelte und heute die sogenannten Kreativen die Gentrifizierung vorantreiben. Erst kommen die Künstler, dann die Makler.

          Stilles Örtchen, umfunktioniert: Die Redakteurin Thordes Herbst liest Texte für den Podcast ein

          Die „Serienjunkies“ sind mittlerweile zu neunt, man beschäftigt freie Autoren, hat sogar einen Praktikanten. Die Bezahlung der Festangestellten bewege sich auf „taz“-Niveau, sagt Hanna Huge und lächelt. Reich werden sollen sie bei Burda oder Gruner+Jahr, wo die fünfunddreißig Jahre alte Hamburgerin in der Vermarktung tätig war. Das erste Jahr Serienjunkies hat sie aus eigener Tasche finanziert, und überhaupt: „Wir machen diesen Job aus Leidenschaft. Ist ja nicht Wirtschaft oder Recht. Darüber schreiben ist viel anstrengender.“

          Hohe Klickzahlen in der Mittagspause

          Ein typisches Startup-Unternehmen also, und so sieht es dann auch aus, auf den ersten Blick jedenfalls. Die Mitarbeiter sitzen dicht gedrängt Schreibtisch an Schreibtisch, überall Devotionalien großer Serien; der aktuelle Stolz der Redaktion ist ein handsigniertes T-Shirt mit Walter-White-Gesicht. Die Nerd-Ästhetik täuscht: Den Erfolg hat man nicht mit wolkigem Fantum erreicht, sondern mit harter Arbeit und Kalkül. Um eine publizistische Seite an den Leser zu bringen, braucht man Werbung, und für Werbung ist ein Adserver notwendig, eine digitale Struktur zur Erfassung und Sendung von Werbebotschaften. Das kostet, und Hanna Huge hat deshalb auf die Monetarisierung des Projekts ebenso viel Leidenschaft verwendet wie auf den Aufbau der Redaktion.

          Dass heute der Entertainment-Großvermarkter Mediagroup für Serienjunkies Kunden an Land zieht und DVD-Verleiher Werbung buchen, ist Resultat einer umsichtigen Planung. Auch das neue Projekt „serienradar.de“ erfordert viel Knowhow: Die Website ermittelt, welche Serien bei Twitter wie oft und in welcher Weise erwähnt werden. Die Statistik wird im Live-Betrieb erstellt – für Mediaplaner ideal, weil man so exakt die Reaktion des Publikums in den Werbepausen ermitteln kann. Demnächst soll Facebook in die Auswertung aufgenommen werden. „Das ist die zwanzigfache Menge an Daten“, sagt Glas mit einem Seufzer, „das wird noch was.“ Haushalten muss das Team nach wie vor, man sieht das schon am Mobiliar. Die Schreibtische sind alle verschieden, gekauft bei Büroauflösungen von jenen Startups, die es nicht geschafft haben.

          Und wer liest nun diese Seite? Wer interessiert sich für Einzelanalysen von „Mad Men“- und „Game of Thrones“-Folgen, für die Starttermine amerikanischer Serien, Besetzungslisten und Drehbuchdeals? Eine Untersuchung ergab: gut ausgebildete Männer zwischen 29 und 39, die meisten mit festem Job, die Klickzahlen schnellen in der Mittagspause in die Höhe. Das sind die Leute, die bei iTunes kein Problem mit 2,49 Euro pro Seriendownload haben und für die HD-Fassung gern noch fünfzig Cent drauflegen. Serienfans sind ungeduldig, so ungeduldig, dass viele mittlerweile das amerikanische iTunes nutzen oder bei Netflix und Hulu kostenpflichtig streamen.

          Unabhängigkeit verhindert Wachstum

          Die deutschen Sender kommen kaum noch hinterher, auch wenn sie die Zeitspanne zwischen amerikanischem und Deutschlandstart verringert haben. Aaron Sorkins „The Newsroom“ lief zwar nur wenige Stunden nach der amerikanischen Ausstrahlung bei Sky Go, bei Sendern wie RTL oder Pro Sieben Sat.1 müssen Zuschauer aber drei bis sechs Monate warten. Für Serienliebhaber ist das, gerade in Zeiten der Online-Verfügbarkeit, indiskutabel. Sie konsumieren im Fast-forward-Modus und haben denselben Stand wie die Seriensüchtigen in Übersee. Dort boomen Fernsehserien und bringen den Machern viel Geld: Der Kabelsender AMC („Breaking Bad“, „The Walking Dead“) hat seinen Aktienkurs seit Börsengang im Jahr 2011 verdoppelt. Erwarteter Umsatz für 2013: 1,5 Milliarden Dollar.

          Bis zu welchem Grad die „Serienjunkies“ davon profitieren werden, ist offen. Helfen würde mehr Videomaterial. Doch dürfen bei Serien aufgrund komplizierter Rechtevorgaben keine Szenen im Netz gezeigt werden. Dabei sind gerade die Preise für Videowerbung konstant hoch, die so genannten pre-rolls lassen sich schwer wegklicken, während gängige Werbemittel ignoriert werden. Eine Zwickmühle: Was die User der Seite schätzen – die optische Zurückhaltung des Marketings –, verhindert Wachstum. Ein großer Sender könnte den Auftritt unterstützen, aber das kommt nicht in Frage. „Wir wollen auch schreiben können, diese Serie ist blöd“, sagt Hanna Huge. „Das geht nur, wenn man unabhängig ist. Wir sind zu hundert Prozent eigenfinanziert.“ Trüge man einen Hut wie Walter White: Spätestens jetzt müsste man ihn ziehen.

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