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Serienhelden : Das Leben nach dem Fernsehtod

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Daenerys Targaryen, Mutter der Drachen. In der Serie „Game of Thrones“ wird sie von Emilia Clarke gespielt. Auf Twitter gibt es sie im Dutzend. Bild: HBO / Kobal Collection / images.

Was machen Serienhelden, wenn die Folge zu Ende ist? Und wem gehören sie? Die Zuschauer der Serie „Game of Thrones“ schreiben auf Twitter die Geschichten der Charaktere fort und entfalten das ganze Potential der fiktiven Welt.

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          Sobald eine fiktive Figur zu leben beginnt, bemerkt es der Autor am Einkommen, daran, dass das Publikum mit der Figur lacht und weint und dessen Geschichte in allen Darreichungsformen haben will. Als Johanna Spyri die Heidi schuf, Otfried Preußler seinen Krabat und James Krüss den Timm Thaler, waren das Figuren, die streng in der vom Autor angeordneten Welt verblieben. Es gab zwar Wechsel des Mediums - vom Roman zum Film zum Trickfilm et cetera - und Merchandising, die Aufladung alltäglicher Objekte wie Zahnbürsten oder Socken mit dem Auratischen der Figur, aber die Figuren blieben in ihrem Habitat. Heidi kannte zwar das grausliche Fräulein Rottenmeier, aber nicht den bösen DJ Ötzi; Krabats Traurigkeit ahnte nichts von Timm Thalers verlorenem Lachen, und Timm kannte weder Helmut Schmidt noch Helmut Kohl, obwohl das für ihn sicher aufschlussreich gewesen wäre. Im „Land der Figuren“ blieb es übersichtlich, ohne Invasionen der umgebenden Figuren- oder Lebenswelten. Die Erfindung einer einträglichen fiktiven Figur, die von ihren Fans konservatorisch - „kultig“ - geliebt wird, gehörte wohl zum Schönsten, was man als Autor in den letzten Jahrhunderten erleben konnte.



          Die Vergangenheitsform ist bewusst gewählt, denn mit der territorialen Beschränkung fiktiver Figuren könnte es bald vorbei sein. Auch ist der Begriff „Figur“ für die neuen Anverwandlungen zu holzig, heute heißt es „Charakter“, in Anlehnung an das Rollenspiel, bei dem man in solche hineinzuschlüpfen lernt. Fiktive Charaktere, vor allem die aus den großen, bombastischen Fernsehserien und Fantasy-Epen, sind durch die anonymen, dezentralen Sub- und Kidnapp-Autorenschaften der sozialen Netzwerke zum Material der Dekonstruktion althergebrachter Erzähltraditionen geworden. Das Medium ist die Massage, wie der Medientheoretiker McLuhan zu sagen pflegte, es knetet und formt alles um. Das ist kein postmodernes Ikebana, das machen auch Leute, die nicht wissen, wie man Dekonstruktion auf dem Kamm bläst. Wie immer, wenn Zeitenwenden anstehen, muss man fragen: Was ist gewonnen, was geht verloren für Autoren, das Publikum - der Begriff wird wohl durch Community ersetzt - und für die Kunst des Erzählens?

          Im Prinzip kann jeder einen fiktiven Charakter annehmen und damit einen Twitter-Account starten, leichte Namensabwandlungen sind hierbei so beliebt wie juristisch ratsam. Twitter ist voller Hairy Potters, Better Khall Sauls, Proffessor Snapes. Der Account wird noch mit einem Foto visualisiert, schon kann der Charakter vom Tabletcomputer - dem Second Screen - das Unterhaltungsgeschehen des First Screen begleiten, wenn nicht sogar darin eingreifen - zum Beispiel durch Spoiler - und eines Tages die Aufmerksamkeit vielleicht ganz abziehen.

          Peter Dinklage spielt in der Serie den Zwerg Tyrion Lannister.
          Peter Dinklage spielt in der Serie den Zwerg Tyrion Lannister. : Bild: Paul Schiraldi Photography

          Die meisten Leute, die als fiktive Charaktere posten, sind unbezahlte Fans, doch bald können das auch Autoren sein, die das im Auftrag von Sendern, Verlagen und kommerziellen Sponsoren tun, solche Professionalisierungen gibt es ansatzweise schon. Vorzugsweise posten fiktive Charaktere während der Ausstrahlung einer Episode - vorwiegender Sprechakt dabei: oh ja, oh nein, ich glaub’s nicht - und in den Pausen zwischen einzelnen Episoden und Staffeln. Man arbeitet das Geschehen nach, verstärkt Sympathien und Antipathien, beschriftet Filmstills. Die meisten Tweets haben einen parodistischen Ton und bleiben „in der Rolle“. Trotzdem ist kaum vermeidbar, dass sie aus der Rolle fallen, sich mit Figuren und Themen anderer Welten mischen, Urlaubsgrüße senden und Entwicklungen in „Real Life“ (RL) kommentieren. Diese territorialen Ausfransungen sind heikel, können einen Account schnell in die Bedeutungslosigkeit befördern, bergen aber ein Potential für gewiefte Autoren, die sich auf kreatives Kidnapping verstehen.

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