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Zweite Staffel von „Succession“ : Wer wird das neue alte Ekel?

  • -Aktualisiert am

Jeder gegen jeden: Logan Roy (brian Cox, M.) hat die Seinen versammelt. Bild: obs

Die Serie „Succession“ ist eine bitterböse Abrechnung mit Amerikas Medienpolitelite, die von Folge zu Folge besser wird. Parallelen zu Rupert Murdoch lassen sich schwer übersehen. Durchhalten lohnt sich.

          3 Min.

          Die Erkenntnis, dass man Gesundheit nicht kaufen kann, trifft den reichen Mann am härtesten. „Wo zur Hölle bin ich?“, keucht Logan Roy in die Dunkelheit, als sich nachts die Blase meldet. Er findet kein Licht, schlurft und tastet, um sich schließlich auf dem Teppich zu erleichtern. Dabei entdeckt ihn seine dritte Ehefrau und geleitet ihn zurück ins Bett.

          Die Welt kennt den verwirrten alten Mann (Brian Cox) als erfolgreichsten Medienmogul Amerikas, vielleicht sogar der Welt. Aus einfachen Verhältnissen stammend, hat er Waystar Royco gegründet, ein Konglomerat aus Fernsehsendern, Filmstudios und Freizeitparks.

          Von den Schwächen, die sich hinter der mächtigen Fassade verbergen, ahnt die Öffentlichkeit nichts. Im krassen Gegensatz dazu steht die Außenwirkung von Logans Sohn Kendall (Jeremy Strong), der den Zuschauern auf seinem Weg zur Arbeit vorgestellt wird. Über klobige Kopfhörer peitscht er sich für ein wichtiges Meeting auf, mit Hiphop-Beats der Beastie Boys, die die coolen Kids von heute nicht mehr kennen. Zu blumigen Zeilen über die einende Kraft von New York City boxt er in die Luft, das Gehabe wirkt ohne Musik, durch die Augen seines Chauffeurs, noch lächerlicher. Doch der kennt seinen gefallsüchtigen Chef und verabschiedet ihn mit einem aufbauenden „You’re the man, Mr Roy“ in den Tag.

          Patriarch im Koma

          Zu gerne würde Kendall ihm das glauben, doch er wird laufend eines Besseren belehrt. Ein potentieller Geschäftspartner demütigt ihn vor versammelter Belegschaft, seine Noch-Ehefrau will ihm vergangene Koks-Eskapaden nicht verzeihen, und sein Vater begegnet ihm an guten Tagen mit misstrauischer Gängelei und an schlechten mit offener Verachtung. Seinen Geschwistern geht es da auf den ersten Blick besser, auch weil sie sich vorerst aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen haben. Roman (Kieran Culkin) gibt den exzentrischen Hallodri, der steife Soirees mit Obszönitäten und Witzen über politische Korrektheit auflockert. Connor Roy (Alan Ruck), der Älteste, sucht die Abgeschiedenheit und backt an der Seite seiner Freundin Brot. Die einzige Tochter, Siobhan, genannt „Shiv“ (Sarah Snook), genießt ihren Status als Papas Liebling aus der Ferne und verdingt sich als politische Beraterin im demokratischen Lager.

          Die vier Geschwister werden aus ihren Bahnen geworfen, als ihr Vater an seinem achtzigsten Geburtstag auf dem Rückweg von einem Spontanausflug im Helikopter das Bewusstsein verliert. Vorher hat er seinen Kindern noch eröffnet, dass er den geplanten Rückzug aus der Firma noch mal verschiebe und seine aktuelle Frau erhebliches Mitspracherecht bekomme. Nun liegt der Patriarch im Koma, und schnell stellt sich heraus, dass die Frage der Nachfolge sich nicht so selbstverständlich beantwortet, wie Kendall, der seit Jahren auf den Job vorbereitet wird, es gehofft hat.

          Ein Drama mit beißendem Humor

          Rivalisierende reiche Kinder, Intrigen, Protz – das klingt nach „Dallas“ und „Denver“, doch Hochglanz sucht man in „Succession“ vergebens. Es ist nichts glamourös am Reichtum der Roys. Der Überfluss und seine Konsequenzen werden in aller Härte inszeniert. Wenn Shiv ihrem mittellosen Cousin die letzten zwanzig Dollar aus dem Portemonnaie zieht, weil ihr Bargeld für den Getränkeautomaten fehlt. Oder wenn Roman den Sohn zweier Bediensteter bittet, bei einem Baseballspiel einzuspringen, und ihm für einen Homerun eine Million Dollar verspricht. Dessen Eltern müssen anschließend einen Geheimhaltungsvertrag unterschreiben. Es scheint keine Sonne auf diese selbstgerechten Helden, Kameramann Andrij Parekh zeichnet sie in düsteren Farben und drängt sich ihnen in Schlüsselszenen mit der Handkamera auf.

          Erdacht hat diesen bösen Kommentar zum zeitgenössischen Amerika ein Brite. Als Autor von Serien wie „Veep“ oder „The Thick of It“ ist Jesse Armstrong durch die Meisterschule der politischen Satire gegangen, und auch wenn „Succession“ in erster Linie Drama ist, fehlt beißender Humor nicht. Sanfte Momente des Verständnisses sind hier Fehlanzeige. Nahbar sind die Roys trotzdem, in ihrem geschwisterlichen Umgang zum Beispiel, der zwischen Verbundenheit, Brutalität, Freude und Demütigung mäandert und den die exzellente Schauspielerriege mitreißend spielt.

          Zwischendurch denkt man fast, sie könnten einem leid tun, diese superreichen Saubeutel, etwa in der Eingangsszene. Bis Logan Roy dann ein paar Tage später noch mal auf einen Teppich uriniert, diesmal mit voller Absicht, im Büro seines Sohnes, der es gewagt hat, ihm zu widersprechen. Man muss bei der Serie ein paar Folgen lang durchhalten, bis die Verwicklungen ineinandergreifen. Wenn Armstrong die familiären Konflikte in die amerikanische Medien- und Politiklandschaft einbettet, die Familienunternehmer mit Allmachtsphantasien zu kontrollieren suchen, wird es spannend. Parallelen zwischen dem alten Roy und Rupert Murdoch drängen sich nicht selten auf. Dranbleiben lohnt sich in der heute bei Sky beginnenden zweiten Staffel noch mehr als in der ersten.

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