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Zweite Staffel von „Broadchurch“ : Sie haben viel Geduld mit der Schuld

  • -Aktualisiert am

Jodie Whittaker, Charlotte Beaumont und Andrew Buchan in „Broadchurch“ Bild: ZDF und Colin Hutton

Die überragende Fernsehserie „Broadchurch“ überrascht in der zweiten Staffel mit einem Genrewechsel: Sie wird zum Gerichtsdrama. Doch leider reichte das den Machern nicht.

          Die britische Serie „Broadchurch“, vor drei Jahren auf dem Sender ITV erstausgestrahlt, war eine Zäsur. Während sich die Fernsehunterhaltung, auch die sehr gute, seit Jahren in Richtung Massengemetzel bewegt, war da plötzlich ein Achtteiler, der sich voll auf den Schmerz konzentrierte, den ein einziger Todesfall über Angehörige und Freunde bringt. Ganz England und bald auch ein ansehnliches deutsches Publikum (im Schnitt 3,2 Millionen Zuschauer) starrten wochenlang gebannt auf die dramaturgisch behutsame Annäherung an die Umstände und die Folgen des Todes von Danny Latimer. Der Elfjährige war ermordet am Strand gefunden worden.

          Die ungewöhnlich realistisch agierenden Kommissare wuchsen dem Publikum schnell ans Herz. Alec Hardy, neu in der kleinen Gemeinde Broadchurch und wunderbar zerknautscht gespielt von David Tennant (schon als zehnter „Doctor Who“ unfassbar beliebt), litt darunter, einen vorangegangenen Fall in Sandbrook - ein Mädchen war ermordet worden, ein weiteres verschwunden - nicht aufgeklärt zu haben. Noch betroffener wirkte seine Kollegin Ellie Miller (Olivia Colman), denn sie war die beste Freundin der Mutter des Opfers. Es war ein echter Schock, als sich nach über sechs Stunden herausstellte, dass Ellies Ehemann Joe (Matthew Gravelle) den Jungen getötet hatte.

          Vielleicht hätte man es dabei belassen sollen. Doch eine erfolgreiche Serie ohne Fortsetzung, das muss jedem Sender gegen den Strich gehen. So schrieb Autor Chris Chibnall - der übrigens in zwei Jahren Steven Moffat als Chefproduzent von „Doctor Who“ ablösen wird: wir sprechen über den Olymp der britischen Fernsehfiktion - eine weitere Staffel, die auf den ersten Blick alles richtig macht. Statt den nächsten Mord zu präsentieren, führt Chibnall die bisherige Handlung fort und wechselt dabei (partiell) das Genre. Das klassische Thriller-Szenario - ein „Whodunnit“ in beklemmender Dorf-Atmosphäre - wandelt sich zum Gerichtsdrama. Dem Täter, der seinen Mord schon gestanden hat, wird der Prozess gemacht, aber er plädiert auf „nicht schuldig“. Diese Strategie scheint nicht einmal aussichtslos zu sein. Die mit allen Wassern gewaschene Verteidigerin Sharon Bishop (Marianne Jean-Baptiste) erreicht, dass das Geständnis annulliert wird.

          Zu den starken Momenten der zweiten Staffel gehört der Blick auf die Familie des Opfers, die verzweifelt versucht, in ein halbwegs normales Leben zurückzufinden, aber über den Verlust nicht hinwegkommt: Beth und Mark Latimer (Jodie Whittaker und Andrew Buchan) gleiten ab in die Sprachlosigkeit. Den Angeklagten wissen die Regisseure James Strong und Jessica Hobbs nachvollziehbar als sich selbst nicht ganz durchsichtigen, vor der Verantwortung fliehenden Charakter zu zeichnen. Zu den Schauspielleistungen auf gewohnt hohem Niveau kommt die starke Bildsprache hinzu: Broadchurch mit seiner markanten Steilküste wird abermals als sonnengeküsstes Paradies inszeniert, ein guter Kontrast zur bedrückenden Handlung. Das alles ist ein Genuss. Trotzdem nimmt im Laufe der Staffel die Glaubwürdigkeit immer weiter ab, was zu einem guten Teil daran liegt, dass ein eigentlich eindeutiger Tathergang vor Gericht mit waghalsigen, einzig der Spannung dienenden Manövern nachträglich verrätselt werden soll. Leider wusste man auch die Rolle der großartigen Charlotte Rampling, die als Staatsanwältin die Anklage übernimmt, allein durch aufgepfropftes Pathos interessant zu machen: Sie erblindet nicht nur allmählich, sondern bekennt sich auch noch - ohne jeden Anknüpfungspunkt - zu einer lesbischen Liebe. Zudem muss sie sich zu einem Zickenkrieg mit ihrer Gegnerin, die einmal ihre Mitarbeiterin war, herablassen.

          Weil die zweite Staffel dann doch nicht ganz ohne polizeiliche Ermittlungen auskommen durfte, wird parallel zu dem Gerichtsprozess der alte Sandbrook-Mord neu aufgerollt. Inspector Hardy schlägt sich die meiste Zeit mit zwei einander be- und entlastenden Verdächtigen und einem arg konstruiert wirkenden Fall herum (Eve Myles und James D’Arcy). Die ergreifend melancholische Musik des Komponisten Ólafur Arnalds wird meist lediglich dazu verwendet, Mysteriöses hervorzuheben. Zudem hat auch Joes hartherzige Verteidigerin noch ein privates Päckchen zu tragen, denn ihr Sohn wird hinter Gittern gemobbt. Immer weitere Nebenhandlungen hat man sich auf diese Weise eingehandelt, die allesamt nicht wirklich zu fesseln vermögen.

          Die Hauptstränge - die Gerichts- wie die Sandbrook-Handlung - enden schließlich in einem wahren Glaubwürdigkeitsfiasko. Es bleibt zu hoffen, dass die entstehende dritte Staffel, wenn es sie schon geben muss, zu den Stärken der ersten zurückkehrt und auf das Andicken der Grundhandlung mit dramatischen Unter-Plots und hanebüchenen Wendungen verzichtet. Um gehobenes Fernsehvergnügen handelt es sich aber allemal.

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