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Netflix-Serie über Suizid : Es ist kompliziert

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Das Ausmaß ihrer Einsamkeit kannte keiner: Katherine Langford als Hannah Baker in „Tote Mädchen lügen nicht“ Bild: Beth Dubber/Netflix/dpa

Die Fortsetzung von „Tote Mädchen lügen nicht“ über Mobbing an der High School und den Suizid einer Schülerin wird von Warn-Videos begleitet. Manches an der hervorragenden Jugendserie wirkt jetzt belehrend.

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          Es geht wieder los: In Wake County, North Carolina, wurden die Eltern per Brief vor der heute bei uns anlaufenden Fortsetzung der Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ („13 Reasons Why“) gewarnt. Und ähnlich dürfte es andernorts sein. Auch in Deutschland schlugen Fachleute Alarm, unterstrichen den „Werther-Effekt“, den eine Suizid-Geschichte wie diese auslösen könne. Manche forderten sogar ein Verbot.

          Dabei war „13 Reasons Why“ vor allem eine hervorragend gemachte Jugendserie, die auf einer (auch als Schullektüre verwendeten) Bestsellervorlage von Jay Asher basiert. Sie bestach durch psychologisches Erzählen und zwang die Zuschauer, sich mit Themen wie Suizid, Mobbing und sexuelle Gewalt zu beschäftigen.

          Die Serie mutet uns etwas zu

          Das heißt nicht, dass die Kritik unangebracht war. Vor allem bei der letzten Folge der ersten Staffel griffen die Serienmacher daneben. Der seit Folge eins bekannte Freitod der siebzehnjänrigen Hannah (Katherine Langford) wurde in einer Rückblende allzu plastisch dargestellt. Absolut unnötig. Aber „Tote Mädchen lügen nicht“ fand eben auch Gehör, weil es dem Publikum etwas zumutete. Für die Serie galt, was auch über den Roman gesagt wurde: „Es ist nicht pädagogisch, nicht altklug, nicht berufsjugendlich, es ist kompliziert.“

          Und die Serie zeigte letztlich auch, wie viele Menschen Hannah trotz aller Dramen des Teenager-Alltages mochten und für sie dagewesen wären – wenn das Mädchen es nur verstanden hätte. Wenn die Umgebung in der Lage gewesen wäre, Hannahs seelischen Zusammenbruch zu erkennen und ihr beizustehen. Doch so war es nicht, das ist die Tragödie. Niemand hatte das erwartet, nicht die Schulkameraden, denen Hannah jene sieben Audio-Kassetten mit dreizehn personalisierten Schuldvorwürfen hinterließ, die die Erzählstuktur der Auftaktstaffel bestimmten. Nicht Clay, der knuffig unsichere, beim Abhören der Tapes immer blasser gewordene Kerl (Dylan Minette). Und auch nicht Hannahs Mutter Olivia (Kate Welsh).

          Es geht um die Verantwortung für Hannahs Tod: Alisha Boe als Jessica Davis in der zweiten Staffel von „Tote Mädchen lügen nicht“

          Selbst Kevin Porter (Derek Luke), der Vertrauenslehrer der Liberty Highschool, unterschätzte die Situation. An ihn hatte sich Hannah nach ihrer Vergewaltigung durch das allseits hofierte Baseball-Ass Bryce Walker (Justin Prentice) gewendet, ohne Porter allerdings Details oder gar den Namen des Täters nennen zu wollen. Das Gespräch mit Porter hielt Hannah mit verstecktem Mikrofon auf Tape 7, Seite A fest. Unmittelbar vor dem Suizid.

          Staffel zwei spielt fünf Monate später. Es geht weiter um die Verantwortung für Hannahs Tod, aber auch um den Suizidversuch von Alex (Miles Heizer), um die psychische Krankheit der Ritzerin Skye (Soesie Bacon) oder den so labilen wie waffenvernarrten Fotografen Tyler (Devin Druid). Die Themen sind Mobbing und sexuelle Gewalt. Die Handlung kreist um das von Hannahs Eltern angestrengte Gerichtsverfahren. Aus den stillen Schuldvorwürfen, die sich jeder Jugendliche machte, der auf den Kassetten von Hannah in Staffel eins vorkam, wird ein öffentliches Gespräch über die Umstände von Hannahs Tod, an dem selbst Fremde wie Anwälte, Blogger und Demonstranten mitwirken.

          Das belastet alle Beteiligten abermals, nicht nur die zur Aussage geladenen Jugendlichen wie Jessica (Alisha Boe), die das Verfahren gegen die Schulverwaltung mit ihrer Aussage theoretisch zu einem Verfahren gegen den Vergewaltiger Bryce machen könnte – und drastisch eingeschüchtert wird. Es belastet auch die Eltern. Alle fürchten den Prozess. Alle wissen, dass sich Geschichten verselbständigen können. Dass einem alles im Mund herumgedreht werden kann, dass von jedem Vorwurf, von jeder Lüge und von jedem Fehlverhalten, das man zugibt, etwas hängenbleibt. Hannahs Mutter bangt um das Bild, das sie sich von ihrer Tochter gemacht hat.

          Geschrieben ist das mit viel Empathie und in dem Bemühen, die mit Schlagworten wie „Rape Culture“ geführte Diskussion um sexuelle Übergriffe an Colleges in die Highschools zu ziehen. Eine Romanvorlage zur zweiten Serienstaffel gibt es nicht, das merkt man der Figurenzeichnung an. Die Erzählstimmen sind nicht mit der herausfordernden Kassettenstimme Hannahs zu vergleichen. Manches wirkt nun belehrend. Einige Episoden sind zäh wie Kaugummi. Dennoch handelt es sich um mutiges Fernsehen.

          Netflix strahlt die Serie in Deutschland „ab 16“ aus. Für Kritiker hält der Streamingdienst eine Studie zur positiven Aufnahme der ersten Staffel und einen englischsprachigen „Discussion Guide“ parat. Zudem gibt es ein Warnvideo. In ihm treten die Schauspieler auf. Sie schlagen vor, die Sendung mit den Eltern zu sehen, und machen alle, die ähnliche Probleme wie die Filmfiguren haben, auf bestehende Hilfsangebote aufmerksam: „Sobald du anfängst darüber zu sprechen, wird es einfacher.“ Ein Marketing-Gag ist das nicht.

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