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Neue Comedy-Serien bei Sat.1 : Über Tische und Bänke

  • -Aktualisiert am

Er hat die Klasse nicht wirklich im Griff: Direktor Immelmann (Alexander Schubert) versucht zu unterrichten. Bild: Sat.1

Sat.1 lanciert mit „Think Big“ und „Die Läusemutter“ zwei neue Lach-Formate für den Freitagabend: Ghettocool ist das eine, das andere ein echtes Juwel. In diese Schule sollte die deutsche Comedy gehen.

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          „Ja und!? Gehn’wa zu ’ner andren Bank. Hey, die mit dem Fuchs.“ Bringt alles nichts: ohne Studium kein Studio, was ja irgendwie schon im Wort (Ebru würde sagen: „phonezisch“) anklingt. Da kann der Businessplan für „Spirit Fingers“ – „wird ’ne Kette“ – noch so hübsch auf einen Zettel gekritzelt sein. Nicole Pütz (Hanna Plaß), neben Ebru (Yasemin Cetinkaya) die zweite Nagelstudio-Imperium-Geschäftsführerin in spe aus dem Kölner Ghetto Chorweiler, muss nach „nachgeholtem“ Abitur (gibt es für siebzig Euro beim Kapuzen-Nerd aus dem fünfzehnten Stock: „Überall fünfzehn Punkte?“ „Klar.“ „Boah Schatz, guck mal, wie schlau du bist!“) dann doch noch die Vorlesungsbank drücken, soll der große Traum aus Lack und Strass in Erfüllung gehen: „BWL, wie schwer kann das sein?“

          Nicole ist nicht nur nicht auf den Mund gefallen, sondern so straßenpfiffig, dass sie – mit einigen Tricks – tatsächlich mit den Oberschicht-Brillenstrebern an der Kölner Uni mithalten kann. Nebenher bringt Nicole, zugleich die Erzählerin, Ordnung in ihr Familienchaos mit alleinversagender Sonnenbank-Mutter (Milena Dreißig), stibitzender Zicken-Schwester (Vivien Sczesny) und einem mit dem IQ von Gemüse gesegneten Workout-Bruder (Anselm Bresgott). Die Pointen sitzen, Timing und Score stimmen; Wolfgang Groos und Tobias Wiemann setzen das Starke-Frauen-Aufsteigermärchen trashig cool in Szene. Nur ist die Entwicklung doch arg erwartbar. Und lustig übersteigerte Soziolekte hat man in der Comedy inzwischen schon allzu oft gehört. „Think Big“ denkt jedenfalls nicht groß über das Privatfernsehen hinaus.

          Grundschule, mehr als ein Laminierverein

          Die echte Überraschung ist der zweite Komödienaufschlag von Sat.1 (und Joyn), der ebenfalls heute ins Rennen geht und das Kunststück fertigbringt, zugleich familientauglich, unfassbar komisch und knallhart zu sein. Die phantastisch geschriebene und noch phantastischer gespielte Grundschulserie „Die Läusemutter“ geht Folge für Folge engelsunschuldig dreinblickend gezielt da hin, wo es wehtut. Sie nimmt die politische Korrektheit ebenso auf die Hörner wie ihre Verächter, lacht sich schief über Ringelpiez-Pädagogik, ohne sie zu denunzieren, und überlässt die Bloßstellung von Helikoptereltern diesen selbst. Zugrunde liegt alldem ein exaktes Studium des Soziotops Grundschule, das mehr ist als ein Laminierverein, nämlich eine Art Neurosenlabor. Der Witz entsteht hier stets aus der Situation, nicht aus Gag-Zwang. Das muss man erst einmal schaffen – und tatsächlich haben die Deutschen das nicht ganz allein geschafft. Dem Format liegt nicht nur ein niederländisches Original zugrunde, das zum Megahit avancierte, mit Jan Albert de Weerd wurde es auch vom „Luizenmoeder“-Regisseur inszeniert.

          De Weerd stand ein fulminanter Anker-Darsteller zur Verfügung: Alexander Schubert, der von der „heute show“ über „Sketch History“ bis zur Serie „...und dann noch Paula“ sein Talent für Humor auf eigene Kosten mannigfach bewiesen hat, ist hier in einer Paraderolle als winseliger, großsprecherischer, jeden Zuschuss abgreifender und doch schwer sympathischer Schulleiter Anton P. Immelmann (na gut, ein Euro klingelt im Kalauerschwein) zu sehen, der seinen widerspenstiges Lehrerinnen-Harem nie auch nur ansatzweise im Griff hat; dafür gibt es ab Folge zwei den zu Antons Verdruss so maskulinen wie empathischen Hausmeister Volker (Tobias van Dieken). Die Pädagoginnen sind so verschieden und überdreht wie authentisch, etwa die streng-engagierte, Eltern mit gleicher Impertinenz wie die Schüler behandelnde Frau Knapp (Antje Widdra), genannt „Hexe“, oder die nur noch auf die Rente wartende Zynikerin Inge (April Hailer).

          Die Eltern erfüllen klarere Typenvorgaben: die schwulen Väter (Andreas Birkner; Jerry Kwarteng), der Klugscheißer (Michael Kessler), die bildungsfernen Lästermäuler (Tanya Erartsin; Nadja Zwanziger), die reiche hysterische Zicke (Isabella Schmid) oder – als „Läusemutter“ (unterste Stufe in der Elternhierarchie) sozusagen die Titelrolle – die stets gute Miene zu Vollzeit-Elternarbeit und Regelwahnsinn („Winken nur bei Leuchten der Winkeampel“) machende Alleinerziehende (Pina Kühr). Auch hier aber ist das Typische nur Grundlage für aus der Situation geborene Abweichungen, die zu immer neuen Allianzen, Fehden und Einsichten führen.

          Tänzerisch geht der Plot bald aufs Ganze, wenn Alltagsrassismus durch Versuche der korrekten Ausdrucksweise noch verschlimmert wird, wenn Anton (freilich nur aus Eitelkeit) das Krippenspiel abschaffen möchte zugunsten eines antirassistisch multikulturellen, im Desaster versinkenden „König Winter“-Schauspiels; wenn Kinder überfordert oder unterschätzt werden („Man darf achtjährige Kinder nicht basteln lassen; Achtjährige können nichts“); wenn der Direktor aus Geldgier Inklusion verordnet („Wir werden Klötzchenschule“) und dann selbst das schlechteste Beispiel abgibt, oder wenn Sexualkunde-Fragen nicht nur die Gemüter erhitzen.

          In diese holländische Schule der resolut aus dem Leben gegriffenen Komik mit gesellschaftlichem Unterbau dürfte die pointengläubige hiesige Punchline-Comedy gern noch ein paar Jahre gehen. Wenn Alexander Schuberts Charakter die ihn bemitleidenswert anhimmelnde, von ihm permanent ausgenutzte Schülermutter Doris (Petra Nadolny) scheinheilig fragt: „Glaubst du, mir ist das leichtgefallen, dir die Schuld zuzuschieben?“, dann funkelt das so wunderbar böse und doch unschuldig von innen heraus, dass jedes Premiumnagelglitzern dagegen verblasst.

          Think Big! und Die Läusemutter laufen immer freitags, um 20.15 Uhr bzw. 21.20 Uhr (in Doppelfolgen), auf Sat.1.

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