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„Big Little Lies“ bei Sky : Wer zuletzt lacht, lacht am falschesten

Erfreuen sich an Heimvideos aus der Familienhölle: Mary Louise (Meryl Streep) und ihre Enkel (Cameron und Nicolas Crovetti). Bild: HBO/Sky

Staffel zwei der Serie „Big Little Lies“ ist noch besser als die erste. Nun tritt Meryl Streep als passiv-aggressives Schwiegermonster auf. Bringt sie die Welt des schönen Scheins zum Einsturz?

          Reese Witherspoon, Nicole Kidman, Zoë Kravitz, Laura Dern und Shailene Woodley als die schrecklich schönen „Monterey Five“ bekommen Verstärkung – in Gestalt von Meryl Streep. Und schon nach den ersten Folgen der neuen Staffel von „Big Little Lies“ steht fest: Etwas Besseres hätte der Serie nicht passieren können.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wie tief die Abgründe aus familiärer Gewalt, weiblicher Rivalität und ehelichem Betrug sind, die sich hinter den durch große und kleine Lügen vor dem Einsturz bewahrten Hochglanz-Lebensfassaden der fünf Mütter auftun, wussten wir am Ende der ersten Staffel. Und hatten in ihrem Finale erfahren, dass die Vorzeigefrauen ein Menschenleben auf dem Gewissen haben: das eines als Mustergatte getarnten Schlägers und Vergewaltigers. Am Rande eines Benefizfests der Grundschule, die die Kinder der Protagonistinnen besuchten, war Perry (Alexander Skarsgård) im Begriff, seine Frau Celeste (Nicole Kidman) halb oder ganz zu Tode zu prügeln. Ihre Freundinnen, von denen er Jane (Shailene Woodley) Jahre zuvor missbraucht und geschwängert hatte, eilten zur Hilfe. Doch es war Bonnie (Zoë Kravitz), die Perry den entscheidenden Stoß gab. Er stürzte eine Treppe hinab und war sofort tot. Er sei ausgerutscht, sagten die fünf der Polizei.

          Mit dem schwebenden Misstrauen des ermittelnden, gleichfalls weiblichen Detectives eröffnete und schloss die zunächst auf sieben Episoden angelegte Adaption von Liane Moriartys Romanvorlage. Nun geht das Stelldichein der Filmdiven jenseits des klassischen Rom-Com-Alters, von denen Reese Witherspoon und Nicole Kidman als mit ausführende Produzentinnen agieren, in die Verlängerung. In der zweiten Runde bringt der Serienschöpfer und Drehbuchautor David E. Kelley eine um ein Vielfaches gefährlichere, weil raffiniertere und emotional involviertere Ermittlerin ins Spiel: die von Meryl Streep verkörperte Mutter des Toten.

          Mary Louise quartiert sich bei Celeste und deren Zwillingssöhnen ein, um zu helfen, wie sie sagt, um gemeinsam zu trauern. Tatsächlich öffnet sie heimlich Schubladen und führt Smalltalk wie Verhöre. Als Inkarnation des passiv-aggressiven Schwiegermonsters, das nichts von dem glaubt, was ihr die perfekt gestylten Damen in der kalifornischen Küstenstadt auftischen, ist Meryl Streep mit falschen Zähnen, Prinz-Eisenherz-Perücke und einem schlecht sitzenden Trenchcoat schon optisch eine Zumutung.

          Kaum eine andere würde damit durchkommen, ohne sich zur Witz- oder Randfigur zu machen. Meryl Streep aber, das Chamäleon unter den Leading Ladies Hollywoods, fasziniert durch subtile Unheimlichkeit. Der leichte Überbiss verändert ihre Mimik – und in der Originalfassung auch ihre Artikulation – auf irritierende Weise. Wiedererkennbare Gesten, die viele ihrer Filmfiguren teilen (die Art, eine Hand an den Mund zu führen oder sich Luft zuzufächeln), verkneift sie sich ebenso wie jegliche Expressivität – bis sie losschreit. Mary Louise ist ein Enigma, aber eines, das man lieber nicht entschlüsseln möchte. Das Geheimnis ihrer Lebenslüge, davon ist auszugehen, wird ein schreckliches sein.

          Die erste, von dem Regisseur Jean-Marc Vallée mit dem Kameramann Yves Bélanger inszenierte Staffel war ein aus Rückblenden, Vorausblicken, Traumsequenzen, Szenen- und Perspektivwechseln assoziativ komponiertes Whodunit, in das man eintauchen konnte wie in einen seichten Tagtraum, eine Seifenoper, in der furchtbare Dinge geschehen. Das war glänzend gespielt und lässig in der Anmutung, wurde mit acht Emmys belohnt – aber konsequent in der Form oder gar spannend war es selten. Jetzt, da das Spannungsmoment sich erledigt hat und die Serie unter der Regie von Andrea Arnold die Vorlage hinter sich lässt, geht es darum, wie weit die Lüge um Perrys Todesumstände trägt und welchen zerstörerischen Druck sie in den Figuren aufbaut. Und „Big Little Lies“ kommt mehr zu sich selbst als je zuvor. Wir werden Zeugen einer Implosion in Zeitlupe – weil ans Licht kommt, was sich nicht verbergen lässt.

          Madelines (Reese Witherspoon) Ehe kriselt einer Affäre wegen, die der Turbo-Geschäftsfrau Renata (Laura Dern), weil der Ehemann ihr Vermögen verzockt. Bonnie läuft vor ihren Schuldgefühlen davon, Celeste vermisst den Krieg im Schlafzimmer. In der Schule schmettert der Direktor (P.J. Byrne) infantile Bieber-Songs, während die Kinder aus Angst vor der Klimakatastrophe fast durchdrehen. Welche Wahrheit ist dem Menschen zumutbar? Wie verrückt ist Amerika? Wir folgen Mary Louise auf ihren krummen Wegen und warten auf Antworten.

          Die zweite Staffel von Big Little Lies startet an Pfingstmontag um 20.15 Uhr auf Sky Atlantic.

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