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Zweite Staffel von „4Blocks“ : Wenn dir niemand sagt, wo es lang geht

Regelt das Familiengeschäft: Kira Khodr Ramadan als Toni Hamady Bild: TNT

Die Gangster der Hauptstadt sind zurück, so gefährlich wie eh und je: In der zweiten Staffel von „4Blocks“ zieht Toni Hamady seine Familie in einen blutigen Aufstiegskampf.

          Die Männer, das sind hier allesamt hoffnungslose Dramatiker. Immer tragen sie zu dick auf. Was bleibt ihnen übrig? Ihre Macht fußt auf Gewalt, ihre Impulskontrolle ist mangelhaft, ihre Tage sind gezählt. Nur einmal, da sind sie ganz bei sich. Da liegt der massige, kahle Kopf von Veysel Gelin, der in der Serie „4Blocks“ den aufbrausenden Abbas Hamady spielt, im Schoß von Kida Khodr Ramadan als dessen Bruder und Clan-Oberhaupt Toni. „Ich wünsche“, flüstert Abbas, „dass du mich nie wieder allein lässt.“ Toni verspricht es, so wie er allen immer alles verspricht, es auch meint, aber nichts davon halten kann.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Vernünftigen, die Weitsichtigen, die Pragmatischen, die im Guten wie im Schlechten, meist nur aus Liebe Handelnden – das sind die Frauen. Die phantastische Maryam Zaree als Tonis Frau Kalila, ihr mehr als ebenbürtig: Almila Bagriacik als Amara, die nun wieder bei ihrem Mann Latif (Massiv) lebt, dem dritten Hamady-Bruder im Bunde. Aber auch Karolina Lodyga als Abbas’ Frau Ewa, der einzigen mit Lady-Macbeth-Qualitäten. Diese Gesinnungstrennung nach Geschlechtern wirkt natürlich einseitig, funktioniert aber als Gegengewicht zum kompromisslosen, von schweren Jungs in Männerkörpern beschworenen Bling-Brumm-Knarren-Koks-Machismo. Korrupt jedoch, sind sie alle.

          Der „Deutscheste aller Deutschen“

          Toni hat ein Ziel. Er will der „Deutscheste aller Deutschen“ werden. Den Pass hat er, den Benz und den Porsche sowieso, und nun hat er auch das „Go“ der einflussreichen libanesischen Familien aus dem Mutterland. Nur die eigene Familie bereitet Kopfzerbrechen: Nach den Geschehnissen der ersten Staffel, dem Drogenkrieg mit der verfeindeten Rockerbande „Cthulhu“, dem Tod des Freundes Vince (Frederick Lau) und des Familienoberhaupts Onkel Hakeem, kommt sein Bruder ins Gefängnis; lebt seine Frau mit ihrer gemeinsamen Tochter Serin (auch im wirklichen Leben Ramadans Tochter Dunja) bei ihrer Mutter.

          Gegner: Kommissar Hagen Kutscha (Oliver Masucci) und Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan).

          Das Hamady-Motto, das sich von deutscher Mittelstandslogik nur in kosmetischen Dingen und Accessoire-Fragen unterscheidet, lautet: Geld gibt Sicherheit, mehr Geld gibt mehr Sicherheit. Deshalb schwört Toni die schweren Jungs um seine rechte Hand Kemal (Sami Nasser) darauf ein, dass die Hamadys jetzt „in der Champions League spielen“. Mit den neuen Kontakten im Libanon und dem „besten Zeug auf dem Markt“ – „gestreckt 50/50, für Premiumkunden bessere Mischung“ – will er genug Geld scheffeln, um im Berliner Immobiliengeschäft mitmischen zu können. Zwei allerdings haben etwas dagegen: Der Staat in Person von Hagen Kutscha (Oliver Masucci), der die Ermittlungen gegen den Clan leitet, und Mohammed al-Saafi, Boss der al-Saafi-Familie, die ebenfalls ein gesteigertes Interesse daran hat, die Kontrolle über Berlin zu erlangen.

          Lausbubengesichter einer Söldnerbande

          Spannend ist das natürlich auch, weil man nicht nur wissen will, wie es mit Toni weitergeht, sondern ob Staffel zwei die rohe Kraft des Aufschlags der ersten im deutschen Serienfernsehen nutzen kann. Gestaltet ist alles immer noch mit Hingabe. Es gibt nur wenige Momente, da wirken die Sätze Kira Ramadans wie Drehbuchpappmaché. Als traue er seiner unschlagbaren Natürlichkeit aus der ersten Staffel nicht mehr. Sicherlich bewegt sich die Serie an der Grenze zur Ästhetisierung des Gangstertums, geht ihrem Gegenstand auch mal auf den Leim. Einige Szenen sind konstruiert: Wenn Toni beim illegalen High-Roller-Poker gestört wird und inmitten pinkfarbener Neonröhren am Handy über das Schicksal seiner Familie entscheiden muss, dann wirkt das wie eine verunglückte Edeka-Werbung mit Friedrich Liechtenstein. Es passiert auch ein bisschen zu viel. Der Rest allerdings hat weiterhin Kante. Und die kommt nicht nur durch die glaubwürdig vernarbten Lausbubengesichter einer tschetschenischen Söldnerbande ins Spiel.

          Ob der massive Gangster-Rap durchweg den Musikgeschmack arabischer Clans repräsentiert, sei dahingestellt. Zu den Rücklichtern der aufgemotzten Karren (immer Vollgas), den Neonleuchtreklamen und sonstigen Irrlichtern der Großstadt (die Lichtgestaltung hätte einen eigenen Artikel verdient), die während eines in rasanten Bildern in Szene gesetzten Koks-Geld-Kreislaufes vorbeirauschen, passt das ganz gut. Vielleicht auch nur, weil wir es so zu kennen glauben. Dazu bietet das „4Blocks“-Markenzeichen – stille Luftaufnahmen von Berlin, angelegentlich unterbrochen von verzerrten Brutalbasstönen – einen angenehm verstörenden Kontrast.

          Es ist nun alles massiv in dieser Serie: die Autos, die Tumbler, die Bärte, die Uhren, die Ringe. Aber auch die Gitterstäbe, die JVA-Türen, die Verletzungen, die Platte. In Letzterer sind Unrecht und Gerechtigkeit nie weit voneinander entfernt. Nur der Staat bleibt außen vor. Doch als Zuschauer ist man, das schaffen ja nur wenige Serien, diesen scheinbar weit entfernten Gangster-Gestalten entsetzlich nahe. Man leidet und man freut sich mit ihnen. Man ist wütend auf sie, man bangt um sie. Gangster eignen sich dieser Tage vor allem deshalb so großartig als Vehikel für Geschichten, weil sie die pervertierten Extreme von Freiheit und Gefangenschaft so radikal und bildgewaltig auf ihre Person vereinen.

          Stark ist die zweite Staffel vor allem in den zärtlichen Szenen: Wenn Kida Khodr Ramadan und seine Tochter Dunja beim abendlichen „Adventure-Time“-Gucken (ein Tribut an die vielleicht wirklich beste Serie aller Zeiten) in ihren liebevollen Gesprächen um die Wette schnaufen, oder Kalila und Amara vor Überforderung gemeinsam lachen – dann ist man schmerzlich nah dran am Geschehen. Bleiben noch die Zigaretten: Wie hingebungsvoll immer alle rauchen müssen. Sie ziehen so stark, dass es knistert. Als wäre jede Zigarette die letzte. Und das ist ja das verführerische Versprechen, das uns ständig aus so vielen Bildern und Zeilen entgegengrinst: Du kannst das Leben rauchen, bis es knistert. Aber was dann passiert, das sagt dir keiner.

          4Blocks, Staffel 2, heute, Donnerstag 11. Oktober, um 21 Uhr auf TNT Serie.

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